Meinungen

Mint-Fächer für Nachhaltigkeit

Die grüne Transformation erfordert Fachkräfte in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Ein Kommentar von Rolf Weder und Christian Rutzer.

Rolf Weder und Christian Rutzer
«Berufe mit hohem grünen Potenzial haben eine Schnittmenge mit Berufen, die eine wichtige Rolle in der digitalen Transformation spielen.»

Obwohl das CO2-Gesetz vom Schweizer Volk am 13. Juni knapp abgelehnt worden ist, wird der Umbau der Schweiz in eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft weiter voranschreiten – und zwar durch freiwillige Verhaltensänderungen und selektive staatliche Eingriffe. Zu hoffen ist, dass es bald gelingen wird, das Preisgefüge der Marktwirtschaft (national und international) sukzessive so anzupassen, dass umweltfreundliches Verhalten in der Produktion, im Konsum, im Transport, in der Freizeit belohnt wird. Auf diese Weise erhalten alle Akteure einen Verhaltensanreiz in die richtige Richtung.

Damit der Umbau in eine grüne Wirtschaft möglichst gut gelingen kann, bedarf es jedoch nicht nur der richtigen (von der Politik gesetzten) Anreize, sondern auch vieler Personen in sogenannten grünen Berufen. Welche Beschäftigungen sind damit aber gemeint? Oft werden sie mit Arbeitskräften assoziiert, die bereits heute in Wirtschaftsbereichen mit einem positiven Beitrag für die Umwelt tätig sind. Dazu gehören beispielsweise ein Solarinstallateur oder, allgemein, Beschäftigte in der Cleantech-Branche. Diese Sichtweise mag sich zwar für die Abschätzung der momentanen Grösse der grünen Wirtschaft eignen, doch sie ist wenig zielführend für eine Analyse der Fragestellung, wie gut der Schweizer Arbeitsmarkt auf eine grüne Transformation vorbereitet ist und was gegebenenfalls getan werden kann, damit sie (besser) gelingt.

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir den Blick weg von Branchen und Unternehmen und hin auf Berufe richten, deren Inhaber aufgrund ihres Fähigkeitsprofils grundsätzlich in der Lage sind, grüne Aufgaben auszuführen. Dazu gehören besonders Fähigkeiten, die zur umweltfreundlicheren Gestaltung und Entwicklung von Produktionsprozessen, Produkten und Dienstleistungen eingesetzt werden können. Berufe, die solche Fähigkeiten voraussetzen, bezeichnen wir als Berufe mit grünem Potenzial. Je mehr (weniger) von diesen Fähigkeiten ein Beruf hat, desto höher (niedriger) ist sein grünes Potenzial.

Schweiz in guter Ausgangslage

Die Erfassung des grünen Potenzials von Berufen ist daher der Schlüssel zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung damit, welche Fähigkeiten für eine grüne Transformation benötigt werden und in welchem Umfang sie bereits heute im Schweizer Arbeitsmarkt vorhanden sind. Ein Elektroingenieur kann beispielsweise seine Fähigkeiten sowohl im Vertrieb einer herkömmlichen Gasturbine als auch in der Erforschung von erneuerbaren Energien einsetzen. Nur im zweiten Fall führt diese Person eine grüne Aufgabe aus. In beiden Fällen hat sie aber das Potenzial, eine grüne Aufgabe auszuführen.

Anhand eines neuen Ansatzes haben wir das grüne Potenzial von Schweizer Berufen abgeschätzt. Dazu verwendeten wir Daten aus den USA der sogenannten O*Net Datenbank, die für eine Vielzahl an unterschiedlichen Berufen Informationen zur Wichtigkeit vieler Fähigkeiten enthält und zudem Angaben darüber, ob Beschäftigte in einem Beruf derzeit grüne Aufgaben ausführen. Damit konnten wir anhand von Machine Learning einen Zusammenhang herstellen zwischen einzelnen Fähigkeiten und der Möglichkeit, grüne Tätigkeiten auszuführen. Anschliessend wurden die Fähigkeitsprofile amerikanischer Berufe auf Schweizer Berufe übertragen und als Input in dem zuvor anhand von US-Daten trainierten Machine-Learning-Algorithmus verwendet. Dies ermöglicht es uns, für eine Vielzahl von Schweizer Berufen einzuschätzen, ob das damit verbundene Fähigkeitsprofil die Möglichkeit bietet, grüne Aufgaben auszuführen – unser Mass für das grüne Potenzial.

Die Tabelle zeigt beispielhaft zehn Berufe, die anhand unserer Analyse entweder ein sehr hohes oder aber ein sehr niedriges grünes Potenzial aufweisen. Demnach haben Umweltingenieure das höchste grüne Potenzial, gefolgt von Maschinenbauern und Chemikern. Kurz gesagt: Berufe, die technische- und naturwissenschaftliche Fähigkeiten voraussetzen, weisen nach unseren Schätzungen ein sehr hohes grünes Potenzial auf. Das geringste grüne Potenzial haben dagegen Kräfte im medizinischen Sekretariat, Zahnarzthelfer und Pflegefachkräfte. Dies liegt daran, dass sie aufgrund der in diesen Berufen verlangten Fähigkeiten wenig Potenzial haben, einen Beitrag für die Transformation zu einer grünen Wirtschaft zu leisten.

Insgesamt verfügt die Schweiz im internationalen Vergleich über relativ viele Beschäftigte in Berufen mit einem hohen grünen Potenzial, was uns hierzulande an sich eine gute Ausgangslage für eine grüne Transformation verschafft. Betrachtet man den sozioökonomischen Hintergrund von Schweizer Erwerbstätigen in Berufen mit hohem grünen Potenzial, so sind sie im Durchschnitt jünger, häufiger männlich, haben ein höheres Bildungsniveau und sind eher zugewandert als Erwerbstätige in Berufen mit geringem grünen Potenzial. Zudem weist die Gruppe der Berufe mit hohem grünen Potenzial eine höhere Rate an offenen Stellen und eine niedrigere Arbeitslosenquote auf – ein Indiz dafür, dass solche Beschäftigte bereits heute auf dem Arbeitsmarkt eher knapp sind.

Knappheit wird sich erhöhen

Eine von uns durchgeführte empirische Analyse unter Einbezug zahlreicher Länder bestätigt zudem, dass eine Verschärfung der Umweltregulierungen die Nachfrage nach den hier betonten Berufen mit hohem grünen Potenzial erhöht. Der Umbau der Schweiz in eine grüne Wirtschaft dürfte also die Knappheit solcher Berufe im Schweizer Arbeitsmarkt weiter erhöhen. Hinzu kommt, dass Berufe mit hohem grünen Potenzial eine Schnittmenge mit solchen aufweisen, die eine wichtige Rolle in der digitalen Transformation spielen. Man denke beispielsweise an einen frisch promovierten Physiker, der die Möglichkeit hat, bei Google Zürich als Data Scientist neue Machine-Learning-Algorithmen oder bei ABB neue Ansätze zur Erhöhung der Batteriedichte zu entwickeln. Die beiden Megatrends grüne Transformation und Digitalisierung könnten somit wechselseitig den Fachkräftemangel im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint) verstärken.

Was kann also getan werden, um dem Mint-Fachkräftemangel entgegenzuwirken und damit eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche grüne Transformation der Schweiz zu schaffen? Erstens müsste man diese Zusammenhänge jungen Menschen gut kommunizieren – besonders auch all denjenigen, die eine hohe persönliche Affinität zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen haben («Fridays for Future»). Zweitens dürfte es sich lohnen, Frauen vermehrt auf diese Thematik anzusprechen, da die Zahl der Mint-Absolventinnen in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr niedrig ist. Drittens müsste man Unternehmen einen stärkeren (finanziellen) Anreiz geben, ihre Mitarbeiter in die hier erwähnte Richtung weiterzubilden, da diese Firmen für die Gesellschaft ein öffentliches Gut schaffen. Schliesslich sollte man konkrete Fähigkeiten mit hohem grünen Potenzial, die über verschiedene Berufe hinausreichen, zertifizieren, um die Transparenz im Arbeitsmarkt für Unternehmen zu erhöhen.

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