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«Mit Aktien kommen Sie durch die grössten Krisen»

Hendrik Leber, Mitgründer und Portfoliomanager von Acatis, nutzt die Turbulenzen, um zuzukaufen. Er setzt auf Güter des heutigen und des künftigen täglichen Bedarfs.

Herr Leber, machen die Kursturbulenzen an den Aktienmärkten Sie nervös?
Nein. Die hohe Volatilität ist eine Chance, zumal der Kurssturz durch risikobasierte Computerprogramme beschleunigt wurde. Da diese Programme einzig auf Kursbewegungen reagieren und nicht auf Fundamentaldaten, bot die Korrektur eine gute Gelegenheit, günstig bewertete Aktien nachzukaufen. Wir haben uns speziell bei den grossen Kursverlierern umgeschaut und auch Call-Optionen auf breite Indizes gekauft. Etwas nervös machen mich hingegen die steigenden Zinsen.

Die Zinsen sind indes immer noch niedrig.
Die grosse Frage ist: Haben die Notenbanken die Lage unter Kontrolle? Solange die Amerikaner die Zinsen steuern können, haben Aktien noch ein oder zwei gute Jahre vor sich. Meine Sorge ist, dass plötzlich Kräfte auftreten, die unbeherrschbar sind – zum Beispiel eine Ankündigung Chinas, keine US-Staatsanleihen mehr zu kaufen.

Gibt es ein kritisches Zinsniveau für die Aktienmärkte?
Sollte die Rendite zehnjähriger Treasuries über 3% steigen, wird es ungemütlich, über 4% wird es gefährlich. Trotz hoher Verschuldung der US-Unternehmen gab es lange keine Pleiten mehr. Bei 4 bis 5% werden die ersten Firmen ausfallen, und das kann eine Kettenreaktion auslösen.

Bereiten Ihnen die Marktverzerrungen durch die Notenbanken Sorgen?
Ja. Die unkonventionellen Massnahmen sind das grösste Wirtschaftsexperiment der Weltgeschichte, und niemand weiss, wie es beendet werden kann. Die Lage erinnert an den Zauberlehrling von Goethe: Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los. Experten sind der Ansicht, der Ausstieg könne gelingen, wenn er moderat verlaufe und die Schritte im Voraus angekündigt würden. Ich bin skeptisch.

Warum sollte das nicht funktionieren?
Wenn die Zinsen steigen, wird das soziale Kosten haben in der Form von Privatkonkursen, Firmenausfällen und Staatspleiten. Kein Politiker will solche Kosten in Kauf nehmen. Ich habe gelernt, dass es nichts umsonst gibt auf der Welt. Für heutiges Wohlempfinden und Wohlstand auf Kredit kommt irgendwann die Rechnung.

Die Rechnung wäre eine grosse Korrektur?
Eine sehr grosse Korrektur. Bei steigenden Zinsen kommen Länder wie Italien unter Druck und auch Unternehmen, die Aktien auf Kredit zurückgekauft haben. Viele Privatleute werden überschuldet sein.

Wie geht man als Anleger mit diesen Aussichten um?
Mit Aktien kommen Sie durch die grössten Krisen, auch wenn es zwischendurch weh tut. Das ist bei Staatsanleihen nicht der Fall – hier ist der Untergang programmiert. Aktien erleiden Rücksetzer, aber sie erholen sich. Wir fragen uns, was die Dinge des täglichen Bedarfs sind – und zwar heute und in zehn Jahren. Deshalb setzen wir auf die stabilen Ertragsbringer von heute und von morgen.

Sowohl die Hersteller von Gütern des heutigen als auch des künftigen täglichen Bedarfs scheinen derzeit teuer.
Das stimmt – unsere Sicherheitsmarge ist fast auf null gesunken. Die guten Aktien werden immer teurer und fallen aus unserer Komfortzone. Es wird Rücksetzer geben, aber zumindest gehen die Firmen nicht unter, die wir haben.

Halten Sie mehr Cash?
Wir sind immer voll investiert. Ich kann den erwarteten Aktienertrag schätzen, indem ich die Eigenkapitalrendite durch das Kurs-Buchwert-Verhältnis dividiere. Erzielt ein Unternehmen eine Eigenkapitalrendite von 10% und handelt zu einem KBV von 2, bleibt mir als Aktionär eine Rendite von 5%, sofern die Firma nicht pleitegeht. Dazu kommt noch das Gewinnwachstum, weil sich der innere Wert über die Zeit aufbaut. Neuinvestitionen zu einer erwarteten Rendite von 8% sind heute noch möglich, obwohl mir 10% und mehr lieber wären.

Wo finden Sie solche Werte?
Gelegenheiten ergeben sich, wenn gute Unternehmen temporäre Probleme haben und die Aktien deshalb korrigieren – so wie bei Novo Nordisk im zweiten Halbjahr 2016. Auch Spin-offs können attraktiv sein. Ein gutes Beispiel aus Deutschland ist Ceconomy, die frühere Metro (CEC 10.95 -2.14%). Sie betreibt die beiden Elektronikfachmarktketten Saturn und Media Markt. Streitigkeiten mit dem Gründer und die Furcht vor der Online-Konkurrenz belasteten den Kurs. Die Aktie war deshalb für den zehnfachen Gewinn zu haben.

Gibt es ein aktuelles Beispiel?
In der Schweiz etwa U-Blox (UBXN 204.6 2.2%), die Computerchips für das Internet der Dinge herstellt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist zwar hoch. In den nächsten Jahren ist aber eine Vervielfachung von Absatz und Gewinn möglich, was die heutige Bewertung relativiert. Oder Wirecard (WDI 100.05 2.32%): Das Unternehmen wickelt Kreditkartenzahlungen ab und ist interessant, weil es verschiedene Plattformen in unterschiedlichen Ländern bedienen kann.

Können andere das nicht?
Wirecard verdrängt einen Wettbewerber nach dem anderen, weil sie meist nur eine Technologie beherrschen oder Zahlungen nur in einem Land abwickeln können. So kann man bei der deutschen Drogeriemarktkette Rossmann mit Alipay aus China bezahlen. Chinesische Kunden, die in Europa Shampoo und Babymilch einkaufen, können dank Wirecard dort also mobil bezahlen. Die Gewinnung neuer Grosskunden erlaubt eine sprunghafte Umsatzentwicklung, und ich wüsste nicht, warum sich das ändern sollte. Die Titel sind teuer, aber das Potenzial ist gross.

Welche Hersteller von Konsumgütern des heutigen Bedarfs halten Sie?
Zu unseren Investments zählen Tongda, die Hüllen für Smartphones herstellt, oder Ross Stores. Ross Stores betreibt Marken-Outlet-Läden für Menschen mit niedrigerem Budget. Die Umsatzentwicklung ist sehr gut, die Kette eröffnet Geschäft um Geschäft. Und da die Käuferschicht nicht besonders internetaffin ist, droht auch wenig Gefahr von der Online-Konkurrenz.

Bei unserem letzten Gespräch waren Sie in Swatch Group (UHR 410.6 0.59%) investiert. Halten Sie den Titel noch?
Swatch tut sich extrem schwer mit elektronischen Uhren – in diesem Bereich hat der Konzern nichts Brauchbares anzubieten, und die Smartwatch ist auf dem Vormarsch. Zudem kaufen die Chinesen deutlich weniger Luxusuhren als früher – und zwar nicht nur kurzfristig, weil die Regierung die Korruption bekämpft hat. Swatch wird in den nächsten Jahren langsamer wachsen als andere, weil das Unternehmen mehr reagiert als agiert. Ich investiere lieber in aktive Firmen.

Sie sind ein Anhänger von Warren Buffett. Dennoch fehlen die klassischen Buffett-Namen in Ihrem Fonds. Warum?
Grosse Konsumgüterhersteller wie Coca-Cola (KO 43.99 -2.2%), Unilever (0NXM 0 0%) oder Procter & Gamble (PG 81.34 -1.53%) kämpfen hart um Marktanteile, und sie tun sich wesentlich schwerer als vor fünf Jahren, ihre Marktstellung auszubauen. Sie werden durch neue Geschäftsmodelle wie den Online-Rasierklingenversand angegriffen. Grosse Sprünge sind deshalb nicht zu erwarten.

Eine stärkere Marke als Coca-Cola gibt es kaum.
Coca-Cola hat ihren Wachstumsgipfel erreicht, expandiert nur noch langsam und hat ein Problem mit der Corporate Governance. Die Optionsprogramme des Managements sind ein ganz übler Griff in die Firmenkasse – das ist für mich ein Killer. Zudem geraten Süssstoffe in Verruf. Coca-Cola mischt beim Thema gesunde Getränke zwar mit, aber es gibt interessantere Player.

Sie halten Visa (V 122.01 0.13%). Was spricht gegen den Buffett-Titel American Express?
Amex ist technologisch veraltet, die Abrechnungen sind steinzeitlich. Wirecard kann den Kunden anhand ihres Einkaufverhaltens Empfehlungen machen – Amex kann das nicht. Ich wollte neulich bei American Express USA eine gebuchte Reise mit einer deutschen Amex-Karte bezahlen – das ging nicht. Und obwohl ich den Flug nach New York und das Hotel mit Amex gebucht hatte, erhielt ich keine Angebote, was ich am Abend unternehmen könnte. Amex nutzt ihre Daten nicht – das ist eine antiquierte Welt.

Immerhin halten Sie Apple (AAPL 171.85 -0.34%) – einen der wenigen Technologietitel von Buffett.
Auch Apple ist alte Welt. Ich sitze in einem Stiftungsgremium, in dem die meisten über siebzig sind – alle haben ein Gerät von Apple. Doch das ist eine wegsterbende Gruppe. Wer weiss, ob die Jungen nicht irgendwann stattdessen eine internetfähige Brille tragen. Manchmal habe ich das Gefühl, Buffett sei nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Teppich- und Möbelläden sind toll, aber die Musik spielt woanders.

Liegt das an seinem Alter?
Er macht nichts verkehrt, er hat mit seinen Investments viel Geld verdient. Die Welt beschleunigt sich aber in einem Tempo, das es bisher nicht gab. Meine These ist, dass sich die durchschnittliche Lebenszeit der Unternehmen verkürzt. Der Chemiekonzern DuPont (DuPont 0 0%) ist über 200 Jahre alt – heute ist die Hälfte der im S&P 500 (SP500 2716.26 -0.58%) vertretenen Gesellschaften jünger als fünfzehn Jahre. Deshalb muss ich in zukunftsfähige Branchen investieren. Die alte These, einen Ertragsriesen ewig melken zu können, ist gefährdet.

Wäre ein Abgang von Buffett eine Befreiung für Berkshire?
Um Berkshire sorge ich mich nicht. Die grossen Bereiche sind die Stromversorgung und Eisenbahnen – und hier ist Buffett sehr innovativ. Mit seiner MidAmerican Energy ist er der grösste nachhaltige Energieerzeuger in den USA. Und die Eisenbahnen wurden stark modernisiert. Überall, wo er viel Geld in die Hand genommen hat, sind die Unternehmen auf dem neuesten Stand. Gefährdet sind Investments, die aus einer anderen Zeit stammen – so wie das Zeitungsgeschäft.

Was sind denn die Themen der Zukunft?
Dazu zählen zum Beispiel elektrische Autos, die Medizin sowie die Landwirtschaft, die sich in den nächsten Jahren massiv wandeln wird.

Beginnen wir mit dem Auto der Zukunft.
Dieses Thema lässt sich mit Continental (CON 229.3 0.48%) spielen. Reifen werden immer gebraucht, und bei Elektrofahrzeugen ist der Verschleiss wegen der schnelleren Beschleunigung höher als bei herkömmlichen Autos. Continental produziert zudem die Elektronik, um das Auto unter Kontrolle halten zu können. Dann ist es ein Klacks, noch einen Computer anzuschliessen, der das Fahrzeug bewegt.

Können Sie weitere Beispiele nennen?
Infineon (IFX 22.51 2.23%) produziert die Leistungshalbleiter für die Steuerung der grossen Strommengen im Elektroauto. Ferner halten wir den chinesischen Elektrofahrzeughersteller BYD, den Lithiumförderer SQM, der den Rohstoff für die Batterien liefert, den Kathodenproduzenten Umicore oder die japanische W-Scope, die Trennfolien für die Batterien produziert und mit einer Vervierfachung des Absatzvolumens in den nächsten zwei Jahren rechnet.

Wie investieren Sie in die Medizin der Zukunft?
Immer mehr Medikamente werden biologisch hergestellt. Früher wurden Impfstoffe aus Hühnereiern gemacht. Heute sind es Eizellen, die in Bioreaktoren herumschwimmen – sozusagen eine grosse Suppe. Sartorius stellt diese Bioreaktoren her. Der Grund, warum ich die Aktie liebe: Die technische Ausrüstung ist Teil der Zulassung. Wird ein Medikament zugelassen, ist Sartorius für die nächsten dreissig Jahre an Bord – das ist Kundenbindung! Und das Geschäft wächst.

In mehreren Disziplinen führend ist Alphabet, das Mutterhaus von Google (GOOGL 1103.59 0.74%).
Meine Hypothese ist, dass Alphabet einen Pharmahersteller kaufen wird. Die Ehefrau von Firmengründer Sergey Brin führt das Unternehmen 23andMe, das Gensequenzierung betreibt und über Millionen von Gendaten verfügt. Auch Alphabet verfügt über viele Daten und hat sehr kluge Forscher im Bereich künstliche Intelligenz, die dabei sind, einen Quantencomputer zu bauen. Rechenleistung und Daten erlauben es wohl, Medikamente zu designen. Dann bräuchte Alphabet nur noch ein Pharmaunternehmen, das die Medikamente herstellt und in die klinische Phase bringt.

Derzeit ist Alphabet aber noch stark abhängig von den Werbeeinnahmen und damit anfällig für eine Konjunkturabkühlung.
Alphabet hatte noch nie rückläufige Zahlen. Das Unternehmen hat sieben Geschäftsbereiche mit insgesamt über 1 Mrd. Kunden – Google Search, Gmail, Google Maps, YouTube, Android, Chrome und Google Play. Es würde mich wundern, wenn man da nicht Geld verdienen kann.

Was bringt die Landwirtschaft der Zukunft?
Grosse Zukunft haben genmanipulierte Lachse. Die Welt hat ein Proteinproblem. Die Firma Aquabounty hat einen Lachs gezüchtet, der doppelt so gross ist wie ein herkömmlicher, schneller wächst und somit billiger ist. Die Schwesterfirma Arctic Apple hat einen Apfel im Programm, der nicht braun wird.

Wie ist die Akzeptanz bei den Konsumenten?
Ob das Unternehmen kommerziell erfolgreich sein wird, weiss ich nicht – derzeit sind die Zahlen nicht gut. Aber die Technologie ist vorhanden, und der Preis ist ein wichtiger Faktor. Pangasius und Tilapia sind furchtbare Fische, die nach nichts schmecken. Sie werden gekauft, weil sie günstig sind. Viele Menschen haben nicht den Luxus, entscheiden zu können, ob sie einen genmanipulierten Fisch kaufen.

Gibt es weitere Beispiele?
Ein ganz grosses Thema ist die Tiermedizin. Die Markteinführung neuer Produkte ist viel einfacher als in der menschlichen Medizin. Ein weiteres Beispiel sind Pestizidanlagen. Die Ackergeräte von Blue River Technologies können zwischen Nutzpflanze und Schädling unterscheiden und den Pestizideinsatz entsprechend dosieren. So geht nichts daneben – der Pestizid- und Düngemittelverbrauch geht um den Faktor zehn zurück. Das Unternehmen wurde von John Deere (DE 164.77 -2.76%) gekauft.

Wie kann man in das Thema investieren?

Das ist schwierig. Entweder sind es Bastelbuden oder aber Teile von Grosskonzernen oder Projekte an einer Universität, in die man nicht investieren kann. Kotiert ist das Technologieunternehmen Trimble, das GPS-Technik herstellt. Die Aktie ist aber nicht billig.

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