Jose Dávila, geboren 1974 in Guadalajara, ist einer der bekanntesten mexikanischen zeitgenössischen Künstler. Dávila, ein studierter Architekt, arbeitet mit Steinen, Marmor, Metallträgern und Glasscheiben, setzt sie zu Skulpturen und Installationen zusammen. Wer sich an die Künstler des Minimalismus erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Dávilas Anlehnungen kommen aus der Kunstgeschichte, vor allem aus der späten Moderne. Dávila bedient sich des Vokabulars und der Materialien von Minimalisten wie etwa Donald Judd, Sol Lewitt und Richard Serra.

Der Minimalismus, eine Kunstströmung die vor allem aus den USA in den Sechzigerjahren gross wurde, gab jeglichen Anspruch auf Repräsentation einer wie auch immer gearteten «Realität» ab. Ihre Formensprache, mit Materialien wie etwa Metallwänden, rechteckigen Formen, Spiegeln und Kuben war geometrisch geprägt. Die Minimalisten konzentrierten sich auf die pure Materialität der Werkstoffe, deren sie sich bedienten und auf den Raum, den sie einnahmen. Während die klinisch reinen Objekte von Judd von einer Perfektion leben, tun das Dávilas Objekte aber nicht. Das ist mehr als bewusst.

Gegen die Schwerkraft

Dávilas Skulpturen der Ausstellung sind verspielt, fragile Kombinationen an Objekten aus seinem Studio, die von Mal zu Mal vielleicht wieder anders aussehen könnten: türkise Acapulco-Stühle mit eingelassenen Steinen, zwischen perfekten Kuben eingeklemmte Gesteinsbrocken, die von Robert Smithson stammen könnten, an der Wand festgezurrte, die Schwerkraft herausfordernde Ölfässer. Ein konstantes Thema: ein fragiles Gleichgewicht der Gegensätze. So balancieren etwa Transportbänder geneigte Spiegel perfekt aus. Die Installation wirkt fragil und gleichzeitig sehr präzise – in einem Spannungszustand, aber im Gleichgewicht.

Dávilas Arbeiten haben konzeptuelle Untertöne, auch wenn sie sich im Haus Konstruktiv den formellen Kriterien oft unterordnen. Seine Arbeit wird am stärksten, wenn sie die als Zitate präsentierten Schwächen der Modernisten aufdeckt, die teils klinisch-perfekten Objekte mit Imperfektionen und fast sarkastischen Titeln versieht. 

In einer vorhergehenden Ausstellung in der Los Angeles Nomadic Division wird etwa eine minimalistisch anmutende Steinskulptur wie ein überdimensionaler Jenga-Würfel  zerteilt und über alle Stadtteile von Los Angeles verteilt, wo sich die Steine mehrere Monate aufhalten, nur um später wieder zusammenkomponiert zu werden: manchmal mit Zeichnungen, Schmutz, Graffiti darauf. Dávila betreibt De-Fetischisierung des von Judd gehassten Begriffs «Minimalismus», der später in der angewandten Kunst ein eigenes Leben bekommen sollte.

Im Erdgeschoss des Haus Konstruktiv hat Dávila eine grossräumige Installation («The act of being together») realisiert. Steine aus aus der Schweiz am Boden balancieren vertikal angeordnete Metallträger mit über die Decke geführten Drahtseilen aus. Die Installation in der Eingangshalle wäre jedoch auch ohne den Eingriff durch die Spannseile ausgekommen. Das Gefühl des Gleichgewichts und der Spannung funktioniert an anderen Orten der Ausstellung besser.

Kaleidoskopartige Welten

Die zweite, zeitgleich laufende Ausstellung im Haus Konstruktiv ist der Künstlerin Elisabeth Wild gewidmet. Wild, geboren 1922 in Wien, studierte noch kurz an der Wiener Akademie der bildenden Künste, bevor sie vor den Nazis nach Argentinien flüchten musste. Dort sollte die Kunst nicht ihr Hauptmetier sein. In Südamerika kam ihre Tochter zur Welt, die Malerin Vivian Suter. Später ging es für die Familie nach Basel, wo Wild einen erfolgreichen Antiquitätenladen betrieb. Von 2007 bis zu ihrem Tod im Jahr 2020 lebte sie gemeinsam mit ihrer Tochter wieder in Guatemala, wo sie auch die ausgestellten Arbeiten produzierte.

Wilds Collagen aus Motiven aus Hochglanzmagazinen sind farbenstark, überraschend und sprühen vor Energie. Die Kompositionen unter dem Gruppentitel Fantasías bestehen aus ausgeschnittenen geometrischen Elementen und architektonischen Bruchstücken und entfernten Referenzen an Konsumobjekte. Es überrascht, das nebst den frühen Arbeiten von Wild nur mehr das ausgestellte Spätwerk vorhanden ist. Die Hängung vor den farbigen Wänden lädt zum Suchen nach Gemeinsamkeiten ein und selbst nach mehrmaligem Durchgehen der in Gruppen arrangierten Werke entdeckt man neue Motive.

Im Ausstellungsbeitrag ihrer Tochter Vivian Suter bezog Wild während der Documenta 12 in Kassel 2007 einen eigenen Raum und erlangte sprunghaft Bekanntheit. Das Arrangement der knapp hundertachtzig Werke im Haus Konstruktiv ist dennoch die erste Präsentation von Wilds Arbeiten in einem Schweizer Museum. Die Motive sind sehenswert, wirken abstrakt wie fantastisch, und haben doch immer noch genügend konkrete Referenzen an das Konsumverhalten im Hier und Jetzt. «Wilds kaleidoskopische Welten haben einen ganz eigenen Charme», beschrieb es der Documenta-Kurator Adam Szymczyk. Er hat recht.