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Mit Vollgas zu Global Britain

Wenn das Vereinigte Königreich in mehreren Bereichen eine Führungsrolle anstrebt, muss es mehrere Hindernisse überwinden. Ein Kommentar von Dambisa Moyo.

Dambisa Moyo, London
«Um sein Potenzial als wissenschaftliche Supermacht voll nutzen zu können, braucht das Vereinigte Königreich ein dynamisches Technologiezentrum, das dem Silicon Valley in nichts nachsteht.»

Schon seit einiger Zeit sagen Skeptiker, das Vereinigte Königreich habe seine besten Tage hinter sich und lebe vor allem von vergangenem Ruhm. Sie verweisen auf das mittelmässige Abschneiden des Landes in den Pisa-Studien der OECD, die Tatsache, dass zwar vier deutsche Unternehmen zu den fünfzig grössten Aktiengesellschaften der Welt gehören, aber mit HSBC nur ein einziges britisches, und auf die Gefahr, dass der Brexit die Stellung des Vereinigten Königreichs in der Welt letztlich nicht stärkt, sondern untergräbt.

Ich sehe das ganz anders. Immerhin gehört das Vereinigte Königreich zu der Handvoll Länder, die in Rekordzeit einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt haben. Das Land ist immer noch führend an der weltweiten Energiewende beteiligt und war die erste grosse Volkswirtschaft, die sich selbst gesetzlich verpflichtet hat, ab 2050 nichts mehr zur globalen Erwärmung beizutragen. Auch kann sich das Vereinigte Königreich weiterhin auf seine traditionellen Stärken verlassen, zu denen Sprache, Lage und Zeitzone, dynamische Universitäten und liquide Finanzmärkte gehören, und es ist immer noch ein Bannerträger für das Rechtsstaatsprinzip.

Wenn die Regierung des Vereinigten Königreichs vom 11. bis 13. Juni in Cornwall die Elite aus Politik und Wirtschaft zum G-7-Gipfel empfängt, muss das Land zeigen, wie gut es in den drei Fragen dasteht, die in den nächsten Jahrzehnten den Welthandel umkrempeln und das Wirtschaftswachstum antreiben werden: Beziehungen zu China, technologische Innovation und saubere Energie.

Handel mit China ausbauen

Was China angeht, hat das Vereinigte Königreich im bilateralen Handel noch viel Luft nach oben. 2019 exportierte das Land Waren im Wert von umgerechnet 39 Mrd. Fr. nach China, also nur etwas mehr als Drittel der deutschen Ausfuhren. Tatsächlich war China 2020 bereits zum fünften Mal in Folge Deutschlands grösster Handelspartner.

Das Vereinigte Königreich muss also dringend seine Handels- und Investitionsbeziehungen mit China ausbauen, das die Weltwirtschaft in Zukunft dominieren wird. Schon heute ist China für viele Industrie- und Entwicklungsländer der grösste Handelspartner und ausländische Direktinvestor und für viele Schwellenländer der grösste Kreditgeber – noch vor dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und dem Pariser Club staatlicher Gläubiger.

Natürlich muss Whitehall im Umgang mit China Menschenrechtsfragen und ideologische Differenzen berücksichtigen. Ohne Kanäle zur politischen Klasse in China würde das Vereinigte Königreich jedoch seinen Einfluss auf das Regime in Peking weiter einschränken und die britische Wirtschaft gefährden.

Zukunftstechnologien fördern

Hinsichtlich der Technologie beweist die britische Rolle in der Entwicklung des AstraZeneca-Impfstoffs gegen das Coronavirus die hohe Innovationskraft des Landes in den Bereichen Medizin, Biotechnologie und Biowissenschaft. Allerdings hat das Vereinigte Königreich bisher noch keine Technologieunternehmen von globalem Rang und Namen hervorgebracht, und das aktuelle Börsengeschehen bietet ein uneinheitliches Bild. Die Publikumsöffnung des Lieferdienstes Deliveroo bzw. des Halbleitertechnologieunternehmens Alphawave war problematisch: Die Aktien beider Unternehmen verloren am ersten Handelstag dramatisch an Wert und lagen noch Wochen später unter dem Emissionspreis.

Das Vereinigte Königreich ist jedoch in einer guten Position, um von Investitionen und Fortschritten in den Zukunftstechnologien zu profitieren, z.B. bei der künstlichen Intelligenz, die in den kommenden Jahren zweifelsohne das Bildungs- und das Gesundheitssystem revolutionieren wird. Ausserdem hat das Land alle Chancen, die technologischen Lücken seiner Verbündeten zu schliessen – nicht zuletzt in der Halbleitertechnik, in der Amerikas Anteil an der weltweiten Produktion von 37% im Jahr 1990 auf heute nur noch 12% gefallen ist.

Um sein Potenzial als wissenschaftliche Supermacht voll nutzen zu können, braucht das Vereinigte Königreich ein dynamisches Technologiezentrum, das dem Silicon Valley in nichts nachsteht. Dazu muss es aggressiv und überlegt ein Ökosystem aufbauen, in dem talentierte Menschen aus den Bereichen Datenwissenschaft, Technologie und Politik zusammenarbeiten können.

Innovationsbogen Cambridge-Oxford

So schafft der sogenannte Oxford-Cambridge-Bogen bereits heute 2 Mio. Arbeitsplätze und trägt jährlich umgerechnet gegen 130 Mrd. Fr. zur britischen Wirtschaftsleistung bei. Die Region kann jedoch nur dann die nächste Stufe erreichen, wenn sie sich globalen Investoren noch stärker als pulsierender Innovationsknoten präsentiert – wenn man bedenkt, dass die weltweiten ausländischen Direktinvestitionen schon vor dem Absturz um 42% im annus pandemicus von 2020 drei Jahre in Folge gefallen sind (2016 bis 2018).

Im Bereich Energie ist das Vereinigte Königreich schon lange weltweit führend in der Bekämpfung von Klimarisiken durch Kohlenstoffbindung und auf dem Weg zu CO2-Neutralität. Wenn das Land im Herbst die Uno-Klimakonferenz 2021 ausrichtet, kann es seine Glaubwürdigkeit als Vorreiter für Umweltschutz und saubere Energien weiter ausbauen.

Besonders wichtig: Das Vereinigte Königreich hat die Chance, den Diskurs umzudrehen, sodass in der Energiewende nicht nur über die Minimierung der wirtschaftlichen Nachteile, sondern auch über die Maximierung der Vorteile gesprochen wird. Insbesondere staatliche Fördermassnahmen für umfassende Investitionen in Solaranlagen, Windkraft, Biokraftstoffe, Wasserkraft, Geothermie, Kernreaktoren der vierten Generation und neue Batterietechnologien versprechen eine enorme Rendite.

Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Sektor

Wenn das Vereinigte Königreich in der Energiewende, neuen Technologien und den Beziehungen mit China eine Führungsrolle einnehmen will, muss es mehrere Hindernisse überwinden. Vor allem muss die fragmentierte Agenda für ein Global Britain viel stärker auf die enge Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Sektor ausgerichtet werden und klare Regeln für Umsetzung und Erfolgskontrolle definieren.

Das Vereinigte Königreich hat ein starkes Blatt. Für ein gutes Spiel braucht es aber eine ehrgeizigere politische Vision. Die britische Regierung sollte einen gross angelegten Plan anstossen, der ein langfristiges Vermächtnis schafft – im Geiste des Manhattan-Projekts zur Entwicklung der ersten Atomwaffen im Zweiten Weltkrieg oder der Defense Advanced Research Projects Agency der amerikanischen Regierung, ohne die das Silicon Valley nie entstanden wäre.

In dem Jahr, in dem die Welt die Pandemie langsam hinter sich lässt, steht das Vereinigte Königreich als Gastgeber zweier wichtiger internationaler Gipfel im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Es muss aus dieser einmaligen Gelegenheit Profit schlagen und versuchen, sich für das 21. Jahrhundert neu zu erfinden.

Copyright: Project Syndicate.

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