Meinungen

Mobiler Geldtransfer macht die Armen Afrikas mündig

Millionen Menschen besitzen zwar kein Bankkonto, aber ein Handy, über das sie finanzielle Transaktionen abwickeln und so am Wirtschaftsleben teilhaben können. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Die neuen Formen des Geldtransfers haben für viele Afrikaner weit mehr verändert als die vom Westen bezahlten Entwicklungshilfemilliarden.»

Das Potenzial ist riesengross: Rund 2 Mrd. Menschen auf dem Globus – mehr als die Hälfte aller Erwachsenen – haben nach Angaben der Weltbank bislang kein eigenes Bankkonto, darunter drei von vier Afrikanern. Obwohl sie zu den Ärmsten der Armen zählen, besitzen die meisten von ihnen jedoch ein Mobiltelefon, mit dem sie Rechnungen per Handy begleichen oder mobil Geld überweisen könnten. Langfristig könnten Mobiltelefone aber auch zum Sparen dienen oder den Zugang zu Mikrokrediten und Versicherungen ermöglichen. 2013 hatten fast zwei Drittel der Haushalte im Afrika südlich der Sahara gemäss einer Umfrage mindestens ein Mobiltelefon; in den Städten waren es sogar über 80%.

Genau dieser Gruppe möchte die Weltbank nun in nur wenigen Jahren einen Weg aus der Armut bahnen: Nachdem seit 2011 bereits 700 Mio. Menschen ein Konto bei einer Bank oder einem mobilen Finanzdienstleiter neu eröffnet haben, will die Weltbank nach den Vorstellungen ihres Präsidenten Jim Yong Kim bis 2020 diese Möglichkeit nun allen Menschen weltweit eröffnen. «Das Vorhaben wird viele Partner brauchen. Aber seine Umsetzung ist möglich – und die Folgen werden Millionen aus ihrer Armut reissen», sagte Kim am Mittwoch anlässlich  der Vorlage der jüngsten Weltbank-Studie zur stärkeren Einbeziehung der Armen in das Weltfinanzsystem.

Verantwortlich für den seit 2011 stark gewachsenen Zugang zu Finanzdienstleistungen ist vor allem das in Afrika weit verbreitete Mobile Money, das der kenianische Mobilfunkanbieter Safaricom 2007 mit seinem Dienst M-Pesa gestartet hat. Mussten Geldbeträge bis dahin oft in langen Busfahrten an entfernt lebende Angehörige persönlich überbracht werden, können dank M-Pesa die mehr als 20 Mio. Mobilfunknutzer in Kenia heutzutage Telefonguthaben so einfach versenden und empfangen wie eine SMS. Das auf dem Mobilfunkkonto angesparte Geld wird ihnen bei Bedarf landesweit in Kiosken ausgezahlt.

Minitransaktionen sonder Zahl

Die meisten Transaktionen sind winzig und umfassen weniger als 1 $. Doch genau darin liegt das Geheimnis des Erfolgs: Händler können das Mobiltelefon zum Beispiel nutzen, um Kleinbauern für einen Sack Maismehl oder ein Netz Tomaten zu entlohnen. Der mobile Geldtransfer funktioniert aber auch in Supermärkten, bei der Bezahlung von Strom- und Wasserrechnungen oder von Taxifahrten. Ähnliche Systeme sind in ganz Afrika aufgekommen, vor allem in wirtschaftlich abgestürzten Ländern wie Somalia oder Simbabwe, die ihre eigene Währung quasi aufgegeben und durch den US-Dollar ersetzt haben.

In jüngster Vergangenheit haben vor allem clevere Start-ups bemerkt, dass selbst Finanzdienstleistungen für wenig Geld durchaus profitabel sein können, solange der Kundenkreis gross genug ist. Neben dem Aufkommen der Mobiltelefone haben aber auch technische Innovationen wie Cloud Computing den Unternehmen neue Möglichkeiten verschafft, die Kosten für einen Kredit zu senken. Die Bedeutung  der Banken wird in diesem Prozess zunehmend untergraben. Es kommt zu einer immer stärkeren Kooperation zwischen ihnen und den Mobilfunkanbietern, weil keiner für sich allein wirklich erfolgreich arbeiten kann. Während die Bezahlsysteme der Mobilfunkanbieter oft nicht flexibel genug sind, sind die Systeme der Banken häufig zu teuer.

In Südafrika investieren Grossbanken deshalb bereits seit längerem in Mobile-Banking-Lösungen unterschiedlichster Art. Die First National Bank denkt beispielsweise über den Erwerb einer Mobilfunklizenz nach, um nicht später wie etwa Nokia von Neuerungen auf dem falschen Fuss erwischt zu werden.

Hohe Hürden zwischen nationalen Märkten

Allerdings gibt es in Afrika beim mobilen Banking von Land zu Land grosse Unterschiede und deshalb oft keine direkte Übertragungsmöglichkeit: M-Pesa hat es zum Beispiel nicht geschafft, sich in Südafrika zu behaupten, weil es am Kap an der dazu notwendigen Unterstützung durch die Regierung fehlt. Auch gibt es dort strikte Regeln durch die Notenbank in Pretoria und damit verbunden weit mehr Bürokratie.

Für den kenianischen Marktführer Safaricom ist der mobile Geldtransfer bis heute ein Gewinnbringer – und  noch viel mehr: Das Unternehmen ist jedenfalls überzeugt, dass Millionen von Kenianern dem mobilen Geld erst ihre Teilhabe am Wirtschaftsleben des Landes verdanken und die neuen Formen des Geldtransfers für viele weit mehr verändert haben als die vom Westen bezahlten Entwicklungshilfemilliarden.