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Zwar ändert sich unser Konsumverhalten ständig, aber eine Konstante bleibt: Schein und Einzigartigkeit. Neue Perspektiven zeichnen sich dennoch ab.

Spätes 19. Jahrhundert. Frankreich steht nach der militärischen Niederlage im Jahr 1871 unter Schock, das Gespenst eines sich erhebenden Proletariats geht um. In der bildenden Kunst, in Literatur und Architektur entsteht eine neue ästhetische Strömung, der Dekadentismus.

Er bricht mit der proto-fordistischen Welt der grossen Warenhäuser, hasst impressionistische Malerei, den Naturalismus in der Literatur, die Modernisten der Architektur.

Die Anhänger nennen sich die «Dekadenten» und bekennen sich zur Rarität im Gegensatz zum Fabrizierten, ziehen Grabsteintexte pompösen Schriften vor, stellen Manufaktur der Fabrik gegenüber, rühmen die Noblesse der Rasse und verabscheuen die steigende Überheblichkeit der Bourgeoisie, prangern die Anfänge eines Phänomens an, das man später als Massenkonsum bezeichnen wird.

Seit Beginn dieses Jahrhunderts stellen wir eine ähnliche Entwicklung des Konsumverhaltens fest, allerdings weniger provozierend und weniger laut. Massenhaft produzierte identische Produkte, austauschbare Dienstleistungen – auch im Luxussegment – sprechen uns immer weniger an.

Wir ziehen das Boutiquehotel dem Palast mit tausend Zimmern vor. Objekt oder Dienstleistungen sollen weniger einen anonymen (wenn auch durchaus höheren) Status ausdrücken, sondern vielmehr der Komplexität der individuellen Persönlichkeit entsprechen.

Wobei dies nicht ausschliesst, die gesellschaftliche Zugehörigkeit zu demonstrieren. Mit anderen Worten: Haben allein genügt nicht, es geht auch um das Sein. Diese Ambition entspricht derjenigen der sogenannt Dekadenten, die die Einzigartigkeit forderten und mit der Masse brechen wollten.

Zu diesem Thema sind in letzter Zeit diverse interessante Werke erschienen, die dieses Paradigma betonen. Renommierte Soziologen wie Gilles Lipovetsky begrüssen das Aufkommen eines «Konsumverhaltens, das weniger vom Blick des andern abhängig ist».

Wobei man gerne übersieht, dass die persönliche Erfahrung (oft mit «selten» oder «ultimativ» bezeichnet) erst dann einen Sinn erhält, wenn sie mit andern Menschen, auch via Social Media, geteilt wird.

Wie die Überzeugungen der Ästheten des 19. Jahrhunderts basieren auch die der Hedonisten des jungen 21. Jahrhunderts auf einem Widerspruch.

Der Widerspruch des Dekadenten

Sowohl das Widersprüchliche der historischen Dekadenten als auch dasjenige der modernen Konsumenten lässt sich so erklären: Der Dekadente, der sich ausserhalb der Zeit (der Masse, der Menge, der Truppe) positioniert, braucht sie, um seine Einmaligkeit zu illustrieren, um erkannt zu werden.

Der Konsum eines seltenen, kostbaren Objekts, per Definition dem gewöhnlichen Menschen unzugänglich, erhält nur dann Sinn, wenn es sich vom Massenprodukt abhebt und von ebendiesem Gewöhnlichen entsprechend gewürdigt wird.

Der Dekadente, der vor der Masse fliehen will, wird von ihr in seinem Wunsch, sich zur Schau zu stellen, eingefangen. Er geniesst durch den Blick des Nächsten. Daraus resultiert ein unvollständiger, degenerierter, frustrierter Hedonismus.

Der moderne Dekadente unterliegt dem Diktat des «Retweet» oder des «Like». Die proklamierte Evolution vom Haben zum Sein wird vom ständigen Bedürfnis nach Schein durchkreuzt, einem Wunsch, der immer stärker wird, je mehr Wert auf Individualität gelegt wird.

Aus der Dekadenz heraustreten würde demnach bedeuten, sich dem Blick des Nächsten zu entziehen. Oder seine Individualität nicht mehr aus der Masse zu beziehen, von der man sich ja unterscheiden möchte.

Nach der Dekadenz die Ethik des Schweigens?

Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb 1919 in seinem im Schützengraben verfassten Hauptwerk: «Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.» Schluss also mit dem Geschwätzigen, Lauten. Zurück zum Schweigen.

Unsere Form des Konsums wird immer noch von viel Lärm begleitet, Raum und Zeit sind gesättigt. Vom aufheulenden Motor des Luxuswagens bis zur Sammleruhr, die man umgehend in den Social Media präsentiert – das Vergnügen des Konsumenten ist laut und lärmend.

Im Wandel von Quantität zu Qualität, vom Objekt zur Erfahrung prägen Angeberei und Aufheben weiterhin das Konsumverhalten. Wie wäre es, wenn wir uns nach dem vielen und zu vielen Reden mit Schweigen versuchen würden? Wenn wir, wie Baudelaire, die Ruhe zwischen Luxus und Genuss positionieren würden?

Weder frommes Anliegen noch moralisches Gebot, die Rückkehr zur Ruhe wird zunehmend zur hedonistischen Evidenz. Die Konsumethik des Schweigens und des Rückzugs ist ein Weg, um aus der dekadenten Ausweglosigkeit, in der wir uns befinden, herauszufinden und zu echtem Genuss zu gelangen.

Im Grenzbereich der Stille begegnet man Irren, Asozialen, Soziopathen, aber auch Weisen und echten Geniessern. Die Stille ist wie die Nacht, in der sich das Verbrechen und exquisite Ekstasen begegnen. Es gibt ebenso viele Nuancen des Schweigens wie des Lärms. Jeder von uns hat die Verantwortung, aber auch das Privileg der Wahl.