Meinungen

Modi – Indiens Deng Xiaoping?

Gujarat als Erfolgsmodell für das ganze Land. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«Vorderhand bleiben die Chancen intakt, dass der neue Ministerpräsident einst als der Deng Indiens in die Geschichte eingehen wird.»

Narendra Modi, dessen von seiner Bharatiya Janata Party (BJP) angeführte Parteienkoalition in den indischen Parlamentswahlen die absolute Mehrheit der Sitze gewonnen hat, steht nach seiner Amtsübernahme unter enormem Erwartungsdruck. Davon zeugt nicht nur die Börse Mumbai, die in der Hoffnung eines Siegs der BJP seit Oktober 2013 in Dollar gerechnet rund 35% avanciert ist. Wie viel von Modi erwartet wird, zeigt vor allem der in den indischen Medien angestellte Vergleich mit Deng Xiaoping, der Ende der Siebzigerjahre in China den wirtschaftlichen Reformkurs eingeleitet und damit einen beispiellosen Wachstumsboom ausgelöst hatte.

Vor drei Jahrzehnten standen die beiden bevölkerungsmässig grössten Staaten der Welt mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 300 $ auf dem gleichen Entwicklungsniveau. In China ist es mittlerweile auf beinahe 7000 $ gestiegen, während es sich in Indien auf 1500 $ beläuft. Für den Kontrast gibt es gute Gründe. China wandte sich vom planwirtschaftlichen Modell ab und den globalen Märkten zu. Indien dagegen blieb trotz punktueller Reformen vor allem wegen des Widerstands einer schwerfälligen Bürokratie und der Anspruchshaltung grosser Teile der Wählerschaft den sozialistischen Idealen der Gründergeneration verbunden.

Das soll der neue Ministerpräsident, der als Sohn eines Teestandbesitzers aus ähnlich bescheidenen Verhältnissen stammt wie Deng (der vor neunzig Jahren in Paris als Werkstudent beim Autobauer Renault sein Geld verdient hatte), ändern. «Ein auf soziale Rechte ausgerichtetes Wachstum wird unter Modi auf Entwicklung umgepolt», meint die Indienökonomin des japanischen Finanzhauses Nomura. Als Chefminister des Bundesstaats Gujarat hat er schon einmal gezeigt, was zu tun ist. Dort hat Modi, ähnlich, wie Deng das seinerzeit in speziellen Industriezonen getan hatte, mit dem Abbau bürokratischer Hindernisse, dem Angebot günstigen Landes, zuverlässiger Stromversorgung und guten Strassen Investoren angelockt.

In China wurde das  vorerst auf regionaler Ebene durchgeführte Experiment über die Jahre auf die ganze Volksrepublik ausgeweitet. Auch Modi will jetzt sein erfolgreiches Modell auf das ganze Land übertragen. Am Willen dazu dürfte es nicht fehlen, wird ihm doch ein ähnlich autoritärer Führungsstil nachgesagt wie Deng. Doch während der kommunistische Führer mit der Kaltstellung von politischen Gegnern allen ernsthaften Widerstand gegen seine Pläne beseitigte, muss Modi nicht nur seine politischen Verbündeten mit Kompromissen bei Laune halten, sondern auch die Sonderwünsche der von der Opposition regierten Teilstaaten wie auch die Einwände der Justiz berücksichtigen.

Das wird Modis politisches Geschick auf die Probe stellen. Doch er kann sich auf ein robustes Mandat der jungen Wählerschaft berufen. Vorderhand bleiben damit die Chancen intakt, dass der neue Ministerpräsident einst als der Deng Indiens in die Geschichte eingehen wird.