Märkte / Makro

Mutige Investoren kaufen jetzt russische Aktien

Durch den sanktionsbedingten Kurseinbruch ist der chronisch niedrig bewertete russische Aktienmarkt noch billiger geworden. Ein Fall für Schnäppchenjäger.

Wenn es einmal schlecht läuft, kommt es oft noch dicker. Das gilt derzeit auch für Russland und für Investoren, die auf eine Aufholjagd der Moskauer Börse gesetzt haben. Schon die letztjährige Schwellenländer-Rally fand ohne Russland statt. Während der Aktienindex MSCI Emerging Markets in Dollar 40% zulegen konnte, traten russische Aktien an Ort und Stelle.

Und jetzt das: Nur drei Jahre nach der Krim-Krise ist an den russischen Finanzmärkten wieder Panik ausgebrochen. Auslöser waren neue Wirtschafts-sanktionen der USA. Sie richten sich gegen kremlnahe russische Oligarchen und ihre Unternehmen sowie gegen ­mehrere höhere Regierungsbeamte.

Kurz nach Bekanntgabe des Embargos  vor Wochenfrist rasselten die Aktien der betroffenen Unternehmen in den Keller. Die Titel des Aluminiumkonzerns Rusal verloren mehr als die Hälfte, die Aktien des Goldminenbetreibers Polyus brachen 20% ein. Zwischenzeitlich notierte die Moskauer Börse 10% im Minus.

Rubel taucht ebenfalls

Die diplomatische Krise zwischen Russland und den USA, die sich unter anderem im Syrienkonflikt manifestiert, setzt auch dem russischen Anleihenmarkt und der Landeswährung Rubel zu. Die Frankenobligationen russischer Emittenten büssten zwischen 3 und 4% ein. Die Renditeaufschläge russischer Dollar-Staatsanleihen ist von unter 2 auf 2,75 Prozentpunkte gestiegen.

Am Dienstag fiel der Rubel zum Dollar auf den niedrigsten Wert seit Ende 2016. Zwischenzeitlich kostete der Greenback mehr als 65 Rubel. Trotz der Erholung auf 61 Rubel/$ zählt die russische ­Valuta mit einer Abwertung von mehr als 6% zum Dollar zu den schwächsten Währungen im laufenden Jahr.

Die Aktienbewertungen, die in Russland  schon lange niedrig sind, sind durch die jüngste Verkaufswelle noch weiter gefallen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Gesamtmarkts beträgt 7,8. Gazprom werden sogar nur noch zum Vierfachen des für 2018 geschätzten Gewinns ge­handelt. Kein Wunder, wittern Value-Investoren ihre Chance.

Zu ihnen zählt der Bostoner Vermögensverwalter GMO. Wie Schwellenländerexperte Arjun Divecha im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» vor zwei Wochen darlegte, sieht GMO in russischen Aktien viel Potenzial. Das Erdölland ist im Portfolio übergewichtet.

Gemäss einem aktuellen Kommentar zur Lage fühlt sich Divecha mit dieser Positionierung weiterhin sehr wohl und kauft sogar zu. «Man macht mehr Gewinn, wenn eine miserable Situation etwas weniger schlimm wird, als wenn eine gute Situation noch besser wird», lautet Divechas Devise.

Angetan haben es ihm die Aktien von Sberbank. Die Titel seien ohne fundamentalen Grund abgestraft worden, nur weil sie sehr liquid seien.  GMO glaubt nicht, dass die USA die russische Wirtschaft an die Wand fahren. «Die Sanktionen werden in gewissen Bereichen zwar schmerzhaft sein, als Ganzes aber wird die Wirtschaft kaum tangiert.»

Bessere Bonitätsnoten

Etwas zögerlicher gibt sich GAM. Die Frage sei, ob die Probleme im Zusammenhang mit den Sanktionen bereits ausreichend in den Bewertungen eskomptiert sind, schreibt Tim Love. Er ist für die Schwellenländer-Aktienstrategie des Asset Managers verantwortlich.

Unter dem Strich sollte man Russland jetzt sicher nicht untergewichten und im Fall einer weiteren Schwäche zukaufen, findet Love. Gewiss sei die Politik ein grosser Unsicherheitsfaktor, um eine Systemkrise mit einer Reihe von Zahlungsausfällen handle es sich aber nicht.

Fundamental stehe Russland gut da. Die Devisenreserven seien höher als die gesamten Auslandschulden der russischen Unternehmen zusammen. Erst  gerade im Februar hat die Ratingagentur Standard & Poor’s die Bonität des Landes auf BBB– hochgestuft, was bereits Anlagequalität ist.

Auch die Bank Reichmuth hält trotz Sanktionen und Marktturbulenzen an russischen Aktien fest. Die Luzerner Privatbank ist seit Anfang 2017 über einen aktiven Fonds in Russland engagiert. Die Situation werde laufend beobachtet und analysiert, sagt Fondsmanager Philipp Murer. Zum Aufstocken sei es aber noch zu früh. Oder wie es Tim Love zusammenfasst: Russland ist für Mutige.

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