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«Nachhaltig» auf Chinesisch

China als immer noch vergleichsweise armes Land hat sich bewusst dafür entschieden, den Schwerpunkt von der Quantität auf die Qualität des Wachstums zu verlagern. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Die gute Nachricht lautet, dass sich Chinas Anteil an den weltweiten Emissionen abgeflacht hat, wenn auch auf hohem Niveau.»

Mitten in Zeiten des Klimawandels sind wichtige Zeichen des Fortschritts leicht aus den Augen zu verlieren. Ein Beispiel dafür ist China, der weltgrösste Emittent von Treibhausgasen. Mit der Änderung seines Wirtschaftsmodells, der Schwerpunktverlagerung bei Energiequellen, der Entwicklung neuer Transportsysteme und der Förderung einer umweltfreundlichen Urbanisierung präsentiert sich Chinas Nachhaltigkeitsstrategie als Beispiel einer globalen Führungsrolle, die der Rest der Welt sehr aufmerksam betrachten sollte. Diesen Punkt hat der Westen nämlich in der ganzen Hektik rund um die Dämonisierung Chinas im Bereich des Handels völlig ausser Acht gelassen.

In den vergangenen zwölf Jahren hat sich Chinas Wirtschaftsstruktur dramatisch verändert. Man brach mit der übermässigen Abhängigkeit von der veralteten Fertigungsindustrie und wandte sich kohlenstoffarmen Dienstleistungen zu. 2006 entfielen auf den – hauptsächlich aus verarbeitender Industrie, aber auch Bau- und Energiewirtschaft bestehenden – sekundären Sektor 48% des chinesischen BIP, während der Dienstleistungssektor für nur 42% stand. Bis 2018 hatte sich dieses Verhältnis umgekehrt – 41% des BIP entfielen auf den sekundären, 52% auf den tertiären Sektor. Im Falle grosser Volkswirtschaften sind strukturelle Veränderungen dieses Ausmasses in so kurzer Zeit nahezu beispiellos.

Diese Veränderungen waren allerdings kein Zufall. Im März 2007 warnte der damalige Ministerpräsident Wen Jiabao vor einer zunehmend «instabilen, unausgewogenen, unkoordinierten und untragbaren» chinesischen Wirtschaft. Dies löste eine heftige Debatte über Nachhaltigkeitsrisiken aus, die grossen Einfluss auf Chinas jüngste Fünfjahrespläne und Reformen ausübte. Die Führung kam zu dem Schluss, dass es sich Chinas Wirtschaft nicht mehr leisten konnte, den energieintensiven und umweltbelastenden Kurs fortzusetzen, den man einst mit Deng Xiaopings Hyper-Wachstumsinitiative Anfang der Achtzigerjahre eingeleitet hatte.

Schwenk auf erneuerbare Energien

Im Einklang mit diesem dramatischen Strukturwandel hat China auch die Zusammensetzung seines Energieverbrauchs mit Nachdruck verändert und den Fokus von kohlendioxidintensiver Kohle über Öl, Erdgas und Wasserkraft hin zu erneuerbaren Energieträgern verlagert. Obwohl der Kohleanteil am gesamten Primärenergieverbrauch 2018 immer noch 58% betrug – mehr als das Dreifache der 18% im Rest der Welt –, zeigt sich damit aber dennoch ein dramatischer Rückgang gemessen an den 74% im Jahr 2006.

China ist vor allem weltweit führend im Bereich der Förderung erneuerbarer Energien wie Wind- und Sonnenkraft sowie geothermischer Biomasse. 2018 lag der Verbrauch erneuerbarer Energien 38% höher als in den USA und dreimal so hoch wie in Deutschland. Obwohl erneuerbare Energieträger nach wie vor nur 4% des gesamten Primärenergieverbrauchs in China ausmachen, sind sie in den vergangenen fünf Jahren jeweils 25% gestiegen. Setzt China diesen Kurs fort, könnten bis 2025 bereits 20% des gesamten Energieverbrauchs auf erneuerbare Energieträger entfallen.

Das sich rasch verändernde Verkehrsmodell stellt eine dritte Schlüsselkomponente seiner Nachhaltigkeitsstrategie dar. China verfügt über das weltweit umfangreichste Hochgeschwindigkeitsbahnnetz und das am schnellsten wachsende U-Bahn-System. Überdies  ist das Land führend im Hinblick auf alle Bemühungen zur Förderung der Elektromobilität. Nach Schätzung der Weltbank soll China nächstes Jahr über ein Hochgeschwindigkeitsstreckennetz von über 30’000 km verfügen (2017 waren es noch gut 25’000 km); in den nächsten Jahren soll noch erheblich mehr dazukommen. Diese energieeffiziente Art der Fernverbindungen steht in starkem Kontrast zu dem kohlenstoffintensiven Verkehrsnetz der Interstate-Highway-Verbindungen in den USA, das in den Fünfziger- und Sechzigerjahren geschaffen wurde.

Neue Stadtmodelle

Schliesslich ist der – wohl für jede Herausforderung im Bereich Nachhaltigkeit entscheidende – städtische Raum in China von besonderer Bedeutung, weil die rasche Urbanisierung dort noch etwa drei Jahrzehnte andauern wird. Der Anteil der Stadtbewohner an der Gesamtbevölkerung von derzeit fast 60% soll bis 2058 auf 80% steigen. Die Strassen in Chinas Grossstädten sind – wie in anderen Ländern auch – massiv überlastet, doch China unternimmt etwas dagegen, und verfügt über die zwölf längsten U-Bahn-Netze der Welt. Darüber hinaus stellt Chinas Markt für Elektrofahrzeuge mit über 500’000 verkauften Stück (2017) die Märkte anderswo in den Schatten. In den USA und Europa wurden nämlich etwas weniger als 200’000 Elektrofahrzeuge verkauft. Chinas Führungsrolle im Bereich Elektromobilität soll sich in den nächsten zehn Jahren noch erheblich ausweiten.

Ausserdem ragt China mit seinem neuen Öko-City-Stadtplanungsmodell heraus, zu dem energiesparende Baumaterialien, Massentransport mit Leichtfahrzeugen und wohldurchdachte Grünflächen gehören. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Xiong’an New Area, die als «subsidiäres Zentrum» südlich von Peking geplant ist, sowie die schon bestehende Sino-Singapore Tianjin Eco-City und der jüngst angekündigte Plan Hainans, auf Fahrzeuge mit sauberem Antrieb umzustellen. Einer aktuellen Schätzung zufolge plant China über 250 Öko-Citys zu errichten. Als relativer Nachzügler im Bereich Urbanisierung verfügt China über die Möglichkeit, auf neue Modelle der Stadtplanung und der Energieeffizienz zurückzugreifen, die den ersten Vorreitern in den Industrieländern nicht zur Verfügung standen.

Reicht das alles aus, um einen Unterschied für China und den Planeten zu bewirken? Die gute Nachricht lautet, dass sich Chinas Anteil an den weltweiten Emissionen abgeflacht hat, wenn auch auf hohem Niveau. Chinas Anteil an den globalen CO2-Emissionen hat sich zwar von 2001 bis 2011 von 14 auf 28% verdoppelt, ist aber seit damals nicht weiter gestiegen. Obwohl sich Chinas CO2-Emissionen 2018 um 2,2% erhöht haben, liegt dieser Wert unter demjenigen der USA (2,6%), Russlands (4,2%) und Indiens (7%), bleibt jedoch weit hinter dem Rückgang von 1,6% in Europa und 2% in Japan zurück.

Messlatte hoch gelegt

Leider sind die guten Nachrichten in China wahrscheinlich nicht gut genug für einen Planeten, der sich gemäss vielen Beurteilungen bereits in der Krise befindet. Es ist eine Sache, Bedingungen zu verbessern und den Anteil an den Emissionen zu stabilisieren; eine ganz andere Sache ist es, die im Pariser Klimaabkommen 2015 festgelegte Reduktion des Emissionsniveaus zu erreichen. Doch mit seiner Abkehr von der kohlenstoffintensiven Fertigung hin zu Dienstleistungen, mit der Förderung der Elektromobilität und der Hochgeschwindigkeitsbahnen sowie der umweltfreundlichen Urbanisierung – und der wahrscheinlichen Fortsetzung all dieser Trends – legt China die Messlatte für den Rest der Welt sehr hoch.

Obwohl der Handelskrieg von Bedeutung ist, gewinnt China die weit bedeutsamere Auseinandersetzung um Nachhaltigkeit. Es ist anzuerkennen, dass sich China zu einem Zeitpunkt darauf konzentriert, da seine Pro-Kopf-Leistung kaum mehr als ein Drittel des Werts in den sogenannten entwickelten Ökonomien beträgt. Ein relativ armes Land hat sich bewusst dafür entschieden, den Schwerpunkt von der Quantität auf die Qualität des Wachstums zu verlagern.

Und wie sieht es bei uns aus?

Copyright: Project Syndicate.

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