Meinungen

Neid adelt

Die Bruttoeinkommen sind in der Schweiz relativ gleich verteilt. Doch das Virus ändert dies. Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Sylvia Walter.

«Nun gilt es, das Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen.»

Bei vielen wirtschaftlichen Aspekten wird die Schweiz aus dem Ausland mit neidischen Blicken bedacht. Dieser Neid ist selbstverständlich eine Auszeichnung. Nicht umsonst wird die Flexibilität des Arbeitsmarktes gerühmt. Das Steuersystem wirkt nach wie vor anziehend auf ausländische Arbeitskräfte. Die Schweiz steht im internationalen Vergleich durchaus vorteilhaft da, wenn es um die Gleichverteilung der Brutto­einkommen geht. Hierzulande kann man es sich gar leisten, deutlich weniger Lohn­unterschiede über das Steuer- und Transfersystem zu nivellieren, als das in anderen, vergleichbaren Ländern gemacht werden muss.

Der Markt spielt – und nicht so ­unfair, wie dies oft unterstellt wird. Selbst wenn sich die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern nur sehr langsam verringert.

Doch nun gilt es, das Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen. Denn die Pandemie wird die Ungleichheit auch hierzulande befördern. Soweit dazu bereits Aussagen gemacht werden können, sind sich die Experten einig: Wer ­bereits unten steht, wird auch mehr leiden. Personen mit niedrigem Haushaltseinkommen müssen stärkere prozentuale Einbussen verkraften als Hochlohnempfänger. Die Zahl der Personen, die auf Sozialhilfe ­angewiesen sind, könnte bis zum Jahr 2022 um bis zu 28% steigen.

Viele Selbständige und Kulturschaffende kämpfen ums Überleben. Es würde der Schweizer Politik gut zu Gesicht stehen, ein weiteres Sterben von Lädeli und Unternehmen zu verhindern. Man könnte es sich leisten. Der Arbeits- und Standort Schweiz soll auch künftig unter dem neidischen Blick des Auslands erstrahlen.