Unternehmen / Konsum

Netflix schockt Investoren

Die Wachstumsstory des Online-Videodiensts erleidet einen empfindlichen Dämpfer. Die Aktien brechen nach enttäuschenden Quartalszahlen 14% ein.

Christoph Gisiger, Los Angeles

Netflix hat dieses Jahr bisher zu den grössten Stars an der Börse gezählt. Mit seinem Abschluss löst der Streaming-Dienst aus dem Silicon Valley jedoch alles andere als Euphorie aus: Die Zahl der Abonnenten – mit Abstand die wichtigste Kenngrösse für Investoren – ist nur 5 Mio. auf 130 Mio. gestiegen und bleibt hinter den Prognosen zurück.

«Wir haben ein starkes, aber nicht herausragendes zweites Quartal verzeichnet», räumt Netflix-Chef Reed Hastings ein. Enttäuschend ist vor allem der Geschäftsgang ausserhalb der USA. Dort sind nur noch 4,5 Mio. Abonnenten hinzugekommen, wogegen es in den vorangegangenen zwei Berichtsperioden durchschnittlich jeweils 5,9 Mio. waren.

Für Ernüchterung sorgt ebenso der Ausblick. Für das dritte Quartal stellt Hastings eine Zunahme um weitere 5 Mio. Kunden in Aussicht. Analysten hatten hingegen mit rund 6 Mio. gerechnet.

Solche durchwachsenen Nachrichten sind sich Anleger nicht gewohnt, hatte Netflix die Erwartungen doch zuletzt während vier Quartalen in Folge übertroffen. Umso harscher fällt die Reaktion aus. Die Valoren stürzten am Montagabend nach der Resultatpublikation 14% ab. Auf dem Papier hat das Unternehmen dadurch auf einen Schlag rund 25 Mrd. $ an Marktwert verloren.

Rivalität mit HBO

Die Kernfrage ist deshalb, wie es künftig mit dem Wachstum weitergeht. Vor gut zwei Jahrzehnten als DVD-Versanddienst gegründet, ist Netflix zum Marktleader im Streaming von Filmen- und TV-Serien avanciert und feiert mit Eigenproduktionen wie «House of Cards», «Stranger Things» und «The Crown» Erfolg.

Das zeigt sich mitunter daran, dass das Unternehmen dieses Jahr erstmals den Erzrivalen HBO bei den Emmy-Nominierungen für die besten TV-Shows übertroffen hat.

Besonders wichtig ist die Expansion im Ausland, wo der Konzern mittlerweile mehr Abonnenten als in den USA zählt. Seit Herbst 2014 ist er auch in der Schweiz präsent. Offizielle Daten gibt es dazu nicht. Gemäss dem Researchinstitut eMarketer dürften 2018 aber über 70 Mio. Personen Netflix in Westeuropa nutzen, wobei ein Abonnement oft von mehreren Personen geteilt wird.

Die grössten Märkte sind Grossbritannien und Deutschland mit rund 15 Mio., gefolgt von Spanien (7 Mio.), Frankreich (6) und Italien (5). «In der Schweiz dürfte es etwa 1 Mio. sein», schätzt Michael Pachter vom Investmenthaus Wedbush Securities.

Operativ sehen die Zahlen für das zweite Quartal passabel aus. Der Umsatz hat sich gegenüber der Vorjahresperiode 40% auf 3,8 Mrd. $ verbessert, der Gewinn ist von rund 70 auf 380 Mio. $ oder 85 Cent je Aktie gestiegen. Um das Wachstum zu forcieren, muss Netflix jedoch kräftig investieren.

Enormer Cashverschleiss

Allein für 2018 sind 8 Mrd. $ für die Produktion von Inhalten budgetiert, was bedeutende Fremdmittel erfordert. So hat das Unternehmen im zweiten Quartal fast 560 Mio. $ Cash verbrannt und rechnet für das Gesamtjahr mit einem negativen Cashflow von 3 bis 4 Mrd. $.

An der Börse ist dem hohen Verschleiss an Barmitteln lange wenig Beachtung geschenkt worden. Selbst nach dem Rückschlag von Anfang Woche notieren die Aktien von Netflix dieses Jahr fast 100% im Plus, wobei der Konzern gemessen an der Kapitalisierung von knapp 150 Mrd. $ sogar auf Augenhöhe mit Kolossen wie Disney, Comcast und 21st Century Fox steht.

Sie haben Netflix lange unterschätzt, doch jetzt ist im US-Mediensektor ein gewaltiger Konsolidierungsprozess im Gang. Das wird Konsequenzen haben: «Wir erwarten mehr Konkurrenz durch den Zusammenschluss von AT&T und Time Warner sowie durch die Fusion von Fox mit Disney oder Comcast», warnt Netflix-Chef Hastings.

Disney beispielsweise startet 2019 einen eigenen Streaming-Dienst, wobei auch Amazon, Apple und YouTube in den Markt vordringen. Mit wachsendem Druck rechnet Hastings ebenso, was internationale Wettbewerber wie ProSieben und Salto in Europa anbelangt.

Die Aktien Netflix bewegen sich vor diesem Hintergrund auf sehr anspruchsvollem Niveau. Auf Basis der Schätzungen für die nächsten zwölf Monate beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis über 100. Das übertrifft nicht nur Valoren anderer Medienkonzerne wie Disney (15) und Comcast (14) deutlich, sondern auch IT-Titel wie Facebook (22) und Google (25). Ähnlich hoch bewertet sind nur Amazon.

«Wer Netflix zu diesem stolzen Preis kauft, wettet im Prinzip darauf, dass der Konzern die Zahl der Kunden und gleichzeitig den Preis pro Abonnement verdoppeln kann», sagt Analyst Pachter, der zu den grössten Netflix-Skeptikern an Wallstreet gehört. «Mit Blick auf den zunehmenden Wettbewerb wird das immer schwieriger.»