Märkte

Neue Sicht auf Wirtschaft und Finanzmärkte

Cognitive Finance bringt Mensch und Märkte zusammen. Zur Analyse des menschlichen Verhaltens baut sie auf Erkenntnisse aus der Gerhirnforschung.

Heinz-Werner Rapp und Alfons Cortés

Etwas ist faul im Staate Dänemark – dieses Hamlet-Zitat lässt sich heute auch auf den Stand der Wirtschafts- und Kapitalmarktforschung übertragen. Bereits seit Jahren herrscht in zentralen Bereichen der Wirtschaftswissenschaften intellektuelle Orientierungslosigkeit, die von vielen auch als geistige Leere und wissenschaftliche Sackgasse wahrgenommen wird.

Die letzten grossen Krisen der Finanzmärkte 2000, 2008 und 2010, die beiden jüngeren als Ereignisse mit potenziell systemzerstörerischer Dynamik, haben diesen Eindruck noch deutlicher gemacht und verstärkt.

Die Unfähigkeit zahlreicher Ökonomen, wenn schon nicht die Entstehung der grossen Krisen, dann zumindest im Rückblick deren Ablauf und Dynamik erklären zu können, ist nicht nur entlarvend, sondern grenzt an einen akademischen Offenbarungseid.

Was also stimmt nicht mit dem Grundkonzept der Wirtschaftswissenschaften? Was ist falsch an der herrschenden Sicht der modernen Kapitalmarkttheorie? Und noch viel wichtiger: Wo liegen mögliche Alternativen und sinnvolle Verbesserungen?

Ballast abwerfen

Die Beantwortung dieser Fragen setzt zunächst voraus, akademischen Ballast abzuwerfen und sich von gängigen Paradigmen der Wirtschaftstheorie zu distanzieren.

Zu diesen gehören die bekannten – jedoch vielfach widerlegten – Glaubenssätze von a) Wirtschaft als Gleichgewichtsprozess, b) Effizienz der Kapitalmärkte sowie c) dem Menschen als allzeit rational handelnden «homo oeconomicus».

In einem zweiten Schritt wird dann die Bereitschaft gefordert, die Realität menschlichen Handelns als Ergebnis kognitiv und neurobiologisch geprägter Faktoren und Beschränkungen zu akzeptieren.

Die Ansätze der Verhaltensökonomik, der sogenannten Behavioral Finance, haben hierzu in den letzten Jahren bereits vieles beigetragen.

In einem dritten Schritt resultiert dann, fast schon zwangsläufig, ein deutlich verändertes Bild realer ökonomischer Prozesse, auch an Kapitalmärkten.

Dieses neue Bild ähnelt dynamischen Modellen der Systemtheorie und formt die grundlegenden Annahmen der sogenannten Komplexitätsforschung.

Mit anderen Worten: gefordert wird ein regelrechter Paradigmenwechsel, der jedoch – wie stets in solchen Fällen – von den etablierten Fraktionen gebremst, unterlaufen oder bewusst unterdrückt wird.

Der bekannte Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn hat dieses Dilemma vor vielen Jahren eindrücklich beschrieben. Ohne einen solchen Paradigmenwechsel wird sich die einstmals stolze Disziplin der Wirtschaftswissenschaften aber zunehmend ad absurdum führen, ein Zustand, der in der Wahrnehmung zahlreicher politischer Entscheidungsträger übrigens längst erreicht ist.

Auch eine kritische Betrachtung zentraler Kernelemente der modernen Kapitalmarkttheorie zeigt schnell, dass dieses alte Paradigma einer realitätsnahen Überprüfung nicht standhält.

Die kritischen Fragen sind also: Wo liegt der richtige Ansatz zu einem solchen Paradigmenwechsel? Und wie könnte dieser Weg erfolgreich beschritten werden?

Die Antworten auf diese Fragen sind erschreckend einfach. Sie liegen auf zwei Ebenen, die eng miteinander verzahnt sind: Die erste Ebene betrifft die «richtige» Sicht auf Wirtschaft und Kapitalmärkte.

Im Gegensatz zur orthodoxen Theorie sind Märkte, ebenso wie ganze Volkswirtschaften, keine Mechanismen mit inhärenter Tendenz zu Stabilität oder gar Gleichgewicht. Sie sind vielmehr hochgradig komplexe, dynamische und sich ständig evolutionär verändernde Prozesse.

Die Grundlagen zur Erklärung solcher Prozesse liefert die moderne Komplexitätsforschung. Einer ihrer wichtigsten Vertreter ist Brian Arthur, dessen Arbeiten am interdisziplinär ausgerichteten Santa Fe Institut wegweisend sind.

Die Komplexitätstheorie liefert heute sehr treffende und gut nachvollziehbare Begründungen dafür, warum Märkte zyklischen Schwankungen, Blasen, Crashes und anderen bisher schwer erklärbaren Phänomenen unterworfen sind.

Ein entscheidender Faktor dafür ist die Natur menschlichen Handelns, das aufgrund heterogener Prägung und ständiger Adaption – verstärkt durch kognitive Defizite – gar nicht rational sein kann.

Instinkt und Intuition

Folglich konzentriert sich die zweite Ebene auf ein neues Verständnis menschlichen Handelns, das durch Erkenntnisse der Kognitionstheorie und der sogenannten Neurowissenschaften ermöglicht wird.

Die moderne Gehirnforschung liefert überraschende, vielfach auch revolutionäre Befunde darüber, wie das menschliche Gehirn, menschliches Bewusstsein und menschliches Verhalten funktionieren.

Faktoren wie Erinnerung, Prägung, Unterbewusstsein, Emotion, Instinkt oder Intuition, die aus Sicht der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft stets irrelevant waren, erweisen sich nun als mächtige und zentrale Treiber menschlichen Handelns.

Sie bestimmen weitgehend die Wahrnehmung, Verarbeitung und Interpretation von Informationen, ebenso wie Genese und Ablauf nachfolgender Entscheidungsprozesse.

Während die modernen Neurowissenschaften primär den ersten Teil dieser Wirkungskette analysieren, liegt der zweite Teil im Bereich der neueren Kognitions- und Verhaltensforschung.

Die Erkenntnisse dieser Disziplinen gehen inzwischen weit über das hinaus, was frühe Forscher wie Daniel Kahneman oder Amos Tversky in psychologischen Experimenten über «reales» menschliches Verhalten herausfanden.

Obwohl die damaligen Ergebnisse von Kahneman/Tversky wegweisend waren für Entstehung und Entwicklung der sogenannten Behavioral-Finance-Theorie, erweisen sich diese Ansätze aus heutiger Sicht als zumindest unvollständig.

Eine logische Weiterentwicklung, die auch die grundlegenden Erkenntnisse aus Neurowissenschaften und Kognitionstheorie berücksichtigt, ist deshalb unerlässlich.

Ein solches Konzept, das die beiden oben dargestellten Ebenen Märkte und Mensch integriert, liegt bereits vor und ist unter dem Namen Cognitive Finance bekannt.

Dieses Konzept erweitert den bisherigen Ansatz der Behavioral Finance in entscheidenden Punkten. Es bietet eine neue Sicht, aber auch ein neuartiges Verständnis für die Komplexität realer Kapitalmärkte und anderer ökonomischer Prozesse.

Die Cognitive-Finance-Methodik unterliegt heute bereits dem FERI Cognitive Finance Institute und dient dort als inhaltliches Substrat und methodische Grundlage weitreichender ökonomischer Analysen. In zwei nachfolgenden Abhandlungen werden die Autoren Inhalte und Anwendungsbereiche dieser Methodik genauer darstellen.