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Neue Vorstellungen von Sicherheit und Wirtschaft

Die Menschheit muss ihren Erfindungsreichtum nicht nur auf neue Technologien anwenden, sondern auch auf die Systeme, die diese Technologien regeln. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Es gibt keine heutigen Pendants zu Keynes.»

Nun, da die Welt vor einem Handelskrieg steht und vor der zunehmenden Möglichkeit, dass der Westen sich in einem echten Krieg wiederfindet, täten wir gut daran, die Lehren der Zwischenkriegszeit nochmals zu überdenken.

Viele der heutigen Wirtschafts- und Sicherheitsprobleme werden häufig auf die globale Finanzkrise von 2008 zurückgeführt. Die Krise und ihre Folgen haben nicht nur die Fehler innerhalb der traditionellen Wirtschaftspolitik aufgedeckt, sondern auch die weltweite Neuorientierung vom Atlantik zum pazifischen Raum hin beschleunigt. Zugleich haben sie im Westen die politische Unzufriedenheit und den Aufstieg von Protestbewegungen angeheizt.

In gleicher Weise wird der Grossen Depression der Dreissigerjahre gewöhnlich eine seismische Verschiebung innerhalb des Wirtschaftsdenkens zugeschrieben. Gemäss dem herkömmlichen Narrativ entwickelten die Politiker der damaligen Zeit – die geschworen hatten, die Fehler, die zu der Krise geführt hatten, nie zu wiederholen – neue Massnahmen, um die anhaltende Malaise ihrer Volkswirtschaften zu überwinden.

Konzepte aus der Kriegszeit

Die darauf folgende konzeptionelle und institutionelle Neuordnung der Wirtschaft wird häufig einer überragenden Figur zugeschrieben: dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der 1936 seine «Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes» veröffentlichte. Keynes arrangierte zudem die Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944, die zur Gründung der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der globalen Währungsordnung der Nachkriegszeit geführt hat.

Laut Keynes’ Mitarbeiter und Biographen Roy Harrod nahm Keynes bei den Verhandlungen von Bretton Woods eine gottgleiche Präsenz ein. Doch einige andere Zeitgenossen, besonders die britische Ökonomin Joan Robinson, bezweifelten stets, dass Keynes dermassen viel Anerkennung für die Herbeiführung der neuen Ordnung verdiene.

Schliesslich war der wahre Grund, dass das keynesianische Denken sich durchsetzte, dass seine Methode zur Berechnung des Gesamtverbrauchs, der Investitionen und der Ersparnisse sich für die amerikanische und die britische Militärplanung im Zweiten Weltkrieg als von unschätzbarem Wert erwiesen hatte. Mit einer in sich schlüssigen nationalen Rechnungslegung konnten die Regierungen ihre Ressourcen besser nutzen, die Produktion von zivilen zu militärischen Zwecken umleiten und den Inflationsdruck begrenzen. Auf diese Weise konnten sie den Konsum aufrechterhalten und Bürgerunruhen vermeiden.

Intellektuelle Silos

Als genauso nützlich erwiesen sich diese Instrumente in der Neuausrichtung der Nachkriegswirtschaft hin zu einem höheren Konsum der privaten Haushalte. Der zentrale Punkt jedoch ist, dass die Revolution im Bereich der Ökonomie, gefolgt von den Wirtschaftswundern der Nachkriegszeit, ein Produkt der Berechnungen während des Krieges und nicht der Reflexion zu Friedenszeiten war. Dringende Sicherheitsbedenken und die Notwendigkeit, national und international Stabilität zu gewährleisten, erhöhten die Bereitschaft der Politik, die langjährige wirtschaftliche Orthodoxie in Frage zu stellen.

Die Ära hält wichtige Lehren für die Gegenwart parat. Viele Ökonomen beschweren sich heutzutage, dass die Finanzkrise kein ernsthaftes Umdenken der herkömmlichen Ökonomie ausgelöst habe. Es gibt keine heutigen Pendants zu Keynes. Stattdessen werden wirtschaftliche und finanzielle Fragen tendenziell in intellektuellen Silos diskutiert – von Spezialisten, die wenig über Sicherheitsbedenken oder das Zusammenspiel zwischen nationalen und internationalen Zielen nachdenken.

Doch es bestehen heute wie in der Zwischenkriegszeit Bedrohungen, die es erforderlich, wenn nicht gar unvermeidlich machen, wirtschaftliche Annahmen zu überdenken. Auch wenn die Finanzkrise nicht zu einer holistischen geistigen Standortbestimmung geführt hat, werden drei umfassendere Herausforderungen für die liberale Weltordnung seit 2016 dies fast mit Sicherheit tun.

Klimawandel und künstliche Intelligenz

Die erste Herausforderung ist die existenzielle Bedrohung durch den Klimawandel, die weitreichende geopolitische Folgen haben wird, besonders für Gegenden, die sich schon jetzt Wassermangel ausgesetzt sehen, und für tropische Länder und Küstenstädte, die bereits die Auswirkungen eines steigenden Meeresspiegels zu spüren bekommen. Zugleich werden einige Länder aufgrund längerer Wachstumsperioden und des besseren Zugangs zu Bodenschätzen, Kohlenwasserstoffen und anderen Ressourcen in den Polarregionen vorübergehend profitieren.

Letztlich dient die Reduzierung der Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre dem Gemeinwohl. Doch ohne einen internationalen Mechanismus zur Entschädigung derjenigen, die durch eine Erwärmung des Planten den grössten Risiken ausgesetzt sind, werden einzelne Länder Kosten und Nutzen der Reduzierung von Treibhausgasemissionen unterschiedlich betrachten.

Die zweite globale Herausforderung sind die künstliche Intelligenz und ihre absehbaren störenden Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte. Die KI bedroht nicht nur die Beschäftigung, sondern auch die Sicherheit, weil sie viele Technologien obsolet machen wird, die Staaten zur Verteidigung ihrer Bevölkerung und zur Abschreckung von Aggressoren nutzen. Es ist kein Wunder, dass Grossmächte wie die USA und China bereits in einem Wettrennen um die Vorherrschaft im Bereich der KI und anderer datenintensiver Technologien begriffen sind. Dabei werden sie ein zunehmend gefährliches und instabiles Spiel spielen, bei dem jede technologische Wendung die Politik grundlegend verändern könnte, indem sie alte Verteidigungsmechanismen nutzlos werden lässt.

China, Russland und Indien am Drücker

Die dritte Herausforderung ist die Revolution im Bereich des Geldes, angetrieben durch Distributed-Ledger-Technologien wie Blockchain, die versprechen, nichtstaatliche Währungen zu schaffen. Seit Bretton Woods war die Währungsdominanz eine Form der Macht, besonders für die USA. Aber alternative Geldformen werden sowohl Regierungen als auch nichtstaatlichen Akteuren neue Möglichkeiten bieten, Macht geltend zu machen oder bestehende Machtstrukturen zu umgehen. Kryptowährungen wie Bitcoin üben schon jetzt einen disruptiven Einfluss auf die Märkte aus und könnten eines Tages die finanziellen Beziehungen ändern, auf denen moderne Gesellschaften beruhen.

In der neuen politischen Geografie betrachten China, Russland, Indien und andere jede dieser Herausforderungen als Chance, die Zukunft der Globalisierung nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Was ihnen vorschwebt, könnte deutlich anders aussehen als das Modell des späten 20. Jahrhunderts. China etwa betrachtet die KI als ein Instrument zur politischen Neuorganisation durch Überwachung der Massen und staatlich gelenktes Denken. Durch Ersetzung des Individualismus durch den Kollektivismus könnte es die Weltpolitik in eine stark illiberale Richtung drängen.

Regierungen und Multis sollten nicht alles wissen

Zum Glück gibt es alternative Wege voran. Wir müssen, indem wir Wirtschaft und Sicherheit überdenken, einen neuen Ansatz entwickeln, der die Innovation innerhalb eines Rahmens koordinierter Überlegungen über künftige gesellschaftliche und politische Arrangements vorantreibt. Wir müssen unsere Fantasie und unseren Erfindungsreichtum nicht nur auf die Schaffung neuer Technologien anwenden, sondern auch auf die Systeme, die diese Technologien regeln.

Die beste Zukunft ist eine, in der Regierungen und multinationale Konzerne nicht alle Informationen kontrollieren. Die Herausforderung besteht daher darin, allgemein akzeptable Lösungen zu entwickeln, die auf Zusammenarbeit und nicht auf der Zerstörung konkurrierender Visionen beruhen.

Copyright: Project Syndicate.