Wer die New Yorker Kunstszene von innen kennenlernen will, muss mit offenen Augen durch die östlichen Viertel spazieren und nach Anhaltspunkten Ausschau halten, die auf eine Galerie hinter einer unscheinbaren Tür hinweisen könnten.

Am ehesten wird man in den Industriestrassen Bushwicks östlich von Brooklyn oder in den belebten Strassen von Lower East Side und Chinatown im Südosten Manhattans fündig.

Zwar floriert die Kunst in den grossen Galerien wie La Pace, Gogosian und Driscoll Babcock im New Yorker Quartier Chelsea weiter und an den Auktionen von Sotheby’s und Christie’s in der Upper East Side von Manhattan werden noch immer Rekordsummen erzielt.

In der sich rasant verändernden, inflationsgebeutelten Metropole wird Kunst heute aber auf eine ganz neue Art geschaffen, gelebt und ausgestellt.

Die Galerie Microscope ist kennzeichnend für diese junge New Yorker Kunstszene. Das unauffällige Schild am Eingang des ehemaligen Lastwagendocks in einer von Hallen gesäumten Strasse in Bushwick bleibt für die meisten unbemerkt.

Vermutlich wagen sich nur Insider bis zur grauen Tür ganz hinten am Dock, klingeln an der Gegensprechanlage, steigen in den zweiten Stock und treten durch die linke Tür am Ende des Gangs.

Im Oktober öffnete sich genau diese Tür zur wundersamen Welt von Cate Giordano. Die junge Künstlerin hatte in der Galerie das Innenleben eines Diners von Brooklyn aus Karton, Holz und Gips nachgebildet. An den Tischen und Theken sassen modellierte Figuren.

Alte TV-Geräte strahlten einen von Cate Giordano gedrehten und gespielten Kurzfilm aus. Gegründet wurde die Microscope Gallery von den beiden Filmschaffenden Elle Burchill und Andrea Monti.

Sie wollten Künstlern wie Cate Giordano, die mit bewegten Bildern arbeiten, einen Raum bieten, wie sie betonen. «Wir wollten zeigen, dass diese Leute ein ganzes Universum und nicht nur einen Film schaffen, der ja bloss das Endprodukt des kreativen Prozesses ist», erklärt Elle Burchill.

In Brooklyn haben viele Künstler eine Galerie eröffnet. So auch Lacey Fekishazy. Die Malerin betreibt seit 2011, nur 10 Minuten von der Microscope Gallery entfernt, die schmale Galerie Sardine.

«Ich suchte damals ein Studio und entdeckte diesen Raum, der für Ausstellungen wie gemacht ist», erklärt Lacey Fekishazy und fügt hinzu: «Sardine ist ein kleiner Fisch im Meer der Galeristenszene.»

Kyle Vu-Dunn, ein junger Künstler aus Detroit, der an der Genfer Haute Ecole d’Art et Design studiert hat, konnte dort jüngst seine dreidimensionalen Werke ausstellen.

Tagsüber arbeitet er in der Galerie Paula Cooper in Chelsea, abends widmet er sich im Keller seiner Wohnung in Queens seiner Kunst. «Junge Künstler haben es schwer, Ausstellungsräume zu finden, denn die Konkurrenz ist gross», sagt er.

Auf der Suche nach Vierteln mit erschwinglichen Mietpreisen verschiebt sich die New Yorker Kunstszene kontinuierlich. Einige Kunstschaffende haben aus der Not eine Tugend gemacht und ihre Wohnung in eine Galerie verwandelt. So auch Anthony Atlas.

Im verblüffenden The Middler – dem Apartment des 33-Jährigen – können Kunstliebhaber seit Juni 2016 seine Werke und die eines Malers, dessen Fundus er verwaltet, bestaunen. «Als meine Ex-Verlobte auszog, plante ich, den frei gewordenen Raum für eine temporäre Ausstellung zu nutzen», erzählt Anthony Atlas.

«Das hat so gut funktioniert, dass daraus The Middler entstanden ist.» Sophy Naess, hat vor Kurzem dort ausgestellt. Besonders mochte sie die «Gespräche, die in diesen kleinen Räumen entstehen», wie die Malerin und Dozentin an der Universität Yale betont.

Anfang 2018 wird Anthony Atlas zusammen mit Benjamin Sommerhalder, dem Gründer von Nieves Books in Zürich, im The Middler eine temporäre Buchhandlung eröffnen. «Die New Yorker Kunstszene hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert», erklärt Andrew Russeth, der Leiter der Zeitschrift ArtNews.

«Mittlerweile gibt es in der historisch jüdischen und hispanoamerikanischen Lower East Side rund 130 Galerien. Sie treiben die Mieten nach oben und die Gemeinschaften ziehen weg. Das versursacht Spannungen.»

In Chinatown kennt man diese Situation nur zu gut. Die in Chelsea ansässige Galerie James Cohan betreibt dort einen zweiten Ausstellungsraum, in dem im Oktober Werke von Omar Fast zu sehen waren.

Der Berliner Künstler wurde von einem Quartierverein des Rassismus bezichtigt, weil eine seiner Installationen die mit Chinatown verbundenen Klischees wie die Verschmutzung des Viertels thematisierte.

Arbeiterviertel wie Chinatown und Lower East Side sind nicht zuletzt aufgrund der im Vergleich zu Chelsea komplett anderen Architektur so reizvoll. «In New York wurden die Leute der klischeehaften Galerien mit ihren weissen Wänden und ihrem Neonlicht überdrüssig», weiss Andrew Russeth.

Anne Mourier mag es, in den vielen unkonventionellen Lokalitäten New Yorks auszustellen. «New York strotzt vor Energie und Chancen, ist aber auch sehr kalt», sagt die französische Künstlerin. «Die Leute verspüren ein echtes Verlangen nach wärmeren, menschlicheren Räumen.» Diese Suche nach atypischen Orten liess viele ungewöhnliche Galerien entstehen.

The Chimney zum Beispiel, ein alter, in eine Galerie umgebauter Industriekamin in Bushwick, oder das im Heizkessel einer stillgelegten Fabrik in Brooklyn untergebrachte Kunstzentrum The Boiler.

Anne Mouriers Atelier befindet sich im Invisible Dog, einer verlassenen Fabrik, die 2009 von Lucien Zayan in ein Kunstcenter umgewandelt wurde und heute 27 Künstlerinnen und Künstlern Raum bietet. «Bei unseren Ausstellungen handelt es sich mehrheitlich um Installationen», sagt Lucien Zayan.

«Die Künstler haben so Gelegenheit etwas zu schaffen, das über ihre sonstige Tätigkeit hinausgeht. Man betritt das Invisible Dog wie ein Zentrum für zeitgenössische Kunst, aber ganz ohne Kaufdruck.»

In einem der Ateliers wirkt Mac Premo. Der 44-jährige Regisseur und Multitalent wird von der Galerie Pavel Zoubok in Chelsea vertreten. Trotzdem sei er künstlerisch unabhängig, betont er: «Ich war in den letzten Jahren in der Werbebranche sehr erfolgreich, dadurch kann ich mich heute als Kunstschaffender frei betätigen.»

Der für seine Grossporträts bekannte Jérôme Lagarrigue zog 1992 nach New York und richtete sein Atelier in einer Halle in Red Hook mit Blick auf die Freiheitsstatue ein.

Das ehemalige Hafenviertel von Brooklyn ist seit der Eröffnung des interdisziplinären Ausstellungs- und Schaffensraums Pioneer Works im Jahr 2010 zu einem neuen Hotspot der Kunstszene geworden.

Jérôme Lagarrigue bleibt trotz der horrenden Lebenskosten, die viele Künstler dazu veranlasst haben, New York den Rücken zu kehren, in Red Hook. «Ich mag es, jeden Morgen an diesen magischen Ort zu kommen und nach getaner Arbeit in die Stadt zurückzukehren», sagt er.

Die Künstler in New York geben die Hoffnung nicht auf, das verbindet. «New York bringt mir vielleicht weniger als am Anfang», gesteht er, «aber es ist schön, einer Gemeinschaft aus Leuten anzugehören, die das gleiche durchmachen und trotzdem versuchen, weiterzukommen.»