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AstraZeneca stoppt Impfstoffstudie

Der britische Pharmariese setzt seine Studie für einen Coronaimpfstoff aus, aufgrund des Auftretens einer unerklärbaren Erkrankung.

(Reuters) AstraZeneca stoppt vorübergehend die weltweiten Studien mit seinem Corona-Impfstoffkandidaten wegen gesundheitlicher Probleme bei einem Probanden. Der britische Pharmakonzern sprach am Mittwoch von einem routinemässigem Schritt, der gegangen werde, wenn bei einem Studienteilnehmer eine unerklärbare Erkrankung auftrete. Dies gebe einem unabhängigen Ausschuss Zeit zur Überprüfung. Woran der Proband leidet, blieb offen.

AstraZeneca gehört zu den führenden Unternehmen im Rennen um einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Die Europäische Union, die USA, Grossbritannien und weitere Länder haben sich vorab schon Hunderte Millionen Einheiten gesichert. Die Unterbrechung der Studie dämpft nun die Hoffnung auf eine baldige Zulassung. Der führende US-Seuchenexperte Anthony Fauci erklärte indes, der Vorfall sei zwar bedauerlich, aber nicht ungewöhnlich. Er hoffe, dass die Studien bald fortgesetzt werden könnten. Die «Financial Times» berichtete, dies könnte schon kommende Woche der Fall sein.

Die «New York Times» berichtete unter Berufung auf eine mit der Sache vertraute Person, in Grossbritannien sei bei einem Probanden eine transverse Myelitis festgestellt worden – eine Entzündung des Rückenmarks, die oft durch Virusinfektionen ausgelöst wird. Ob dies im direkten Zusammenhang mit der Impfung stehe, sei unklar. AstraZeneca äusserte sich dazu nicht.

Der Impfstoffkandidat mit dem Projektnamen «AZD1222» befindet sich in den USA, Grossbritannien, Brasilien und Südafrika in späten klinischen Studien. Weitere Untersuchungen sind in Japan und Russland geplant. Insgesamt sollen sie bis zu 50.000 Teilnehmer umfassen. Südkorea erklärte, es werde seinen Plan zur Teilnahme an der Herstellung des Impfstoffes überprüfen. Solche Unterbrechungen klinischer Studien seien aber nicht selten, hiess es aus dem dortigen Gesundheitsministerium.

Die deutschen Biotechfirma Leukocare, die an einem ähnlichen Impfstoff wie AstraZeneca arbeitet, sich aber noch in einem frühen Stadium befindet, bestätigte diese Einschätzung. «Wenn sie 20.000 Menschen impfen, ist es statistisch nicht anders zu erwarten, dass es irgendwann zu schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen kommt. Sobald ein Zusammenhang mit dem Impfstoff eindeutig ausgeschlossen werden kann, geht die Studie weiter», sagte Leukocare-Chef Michael Scholl.

Astrazenecas Impfstoff, der mit der Universität Oxford entwickelt wird, ist ein sogenannter Vektorimpfstoff, der auf Adenoviren von Affen basiert. Er soll Erbmaterial des Virus in menschliche Zellen einschleusen, das Immunsystem darauf mit der Bildung von Antikörpern reagieren. Der russische Impfstoff «Sputnik V», der als weltweit erster – ohne umfassende Studien zur Wirksamkeit – zugelassen wurde, basiert wie auch der des US-Konzerns Johnson & Johnson (JNJ 145.1 -2.73%) auf menschlichen Adenoviren.

«Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Basis auf menschlichen Adenoviren viel sicherer und erprobter ist», sagte Kirill Dmitriev vom russischen Staatsfonds, der die Forschung in Russland finanziert. AstraZeneca und Leukocare setzen auf Affen-Adenoviren, da sie vermeiden wollen, dass das Immunsystem das Trägervirus aufgrund einer früheren Erkrankung bekämpft.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte den Impfstoff von AstraZeneca als einen der führenden Kandidaten bezeichnet. US-Präsident Donald Trump hat Medienberichten zufolge eine beschleunigte Zulassung noch vor den Präsidentschaftswahlen am 3. November in Aussicht gestellt. Weltweit gibt es nach WHO-Angaben gegenwärtig 176 Corona-Impfstoffprojekte, davon befinden sich 34 in der klinischen Erprobung am Menschen.

Anleger reagierten auf die Entwicklung verschnupft: Die Aktien von AstraZeneca fielen um bis zu drei Prozent, auch an den Börsen in Asien und Europa drückte der Vorfall die Stimmung.

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