Meinungen

Nicht genug

Jetzt rollen bei Credit Suisse endlich Köpfe. Das ist ein Anfang. Doch was es braucht, ist eine klare Strategie. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Die Zeit des Unter-den-Teppich-Kehrens muss vorbei sein.»

Ein Schritt nach vorne, zwei Schritte zurück: So kann man die vergangenen Jahre der Credit Suisse (CSGN 9.31 +0.89%) zusammenfassen. Die jüngsten Massnahmen zählen zwar knapp zur Kategorie «ein Schritt nach vorne», doch ohne eine Strategie, die verhindert, dass auch die Zukunft der Bank von Strafzahlungen, Rückstellungen, fahrlässigen Fehlern und Skandalen geprägt wird, nützt das wenig. Greensill und Archegos dürfen sich nicht wiederholen.

Mit Risikochefin Lara Warner und Investment-Banking-CEO Brian Chin müssen zwei weitere Spitzenbanker den Sessel räumen. Das reicht nicht. Das grosse Aufräumen hat erst angefangen – hoffentlich. Das Motto «die Zeit heilt alle Wunden» muss aus dem Hinterkopf von CEO Thomas Gottstein und aus seiner Bank verschwinden.

Die Ansage ist klar: Der Verwaltungsrat hat eine Untersuchung eingeleitet. Dabei soll explizit nicht nur die Vergangenheit aufgearbeitet werden, sondern die Untersuchung soll Konsequenzen haben, auch für das breite Geschäft. So weit, so gut. Die Zeit des Unter-den-Teppich-Kehrens muss vorbei sein. Schön wäre es, wenn schon an der GV am 30. April Klarheit über die Strategie bestünde. Wahrscheinlicher ist, dass der neue VRP António Horta-Osório, der in wenigen Wochen Urs Rohner beerben wird, das Aufräumen zur Chefsache macht.

Eine Bitte vorweg: Warten Sie nicht zu lange. Ja, die berühmten hundert Tage sind o.k., doch die Zeit läuft. Die Themen Risiko, Vergütung und ihre Verknüpfung sowie das Neugeschäft und seine Nachhaltigkeit drängen. Credit Suisse muss sich entscheiden, ob sie auch künftig jedem Trend nachrennen oder lieber eine etwas langweiligere, dafür zuverlässige Bank sein will. Weniger ist oft mehr, kann man dazu nur sagen.

Leser-Kommentare

Aloys K. Osterwalder 06.04.2021 - 23:28
Die grossen Verlierer sind die Aktionäre und Kunden der CS, die Reputation der Schweizer Finanzindustrie schlechthin und letztlich unser wirtschaftliches System. Bei der CS muss alles hinterfragt werden, die Risikopolitik, die Kontrollsysteme und -organe, die Besetzung und Mandatsdauer des VR und der GL, die Vergütungspolitik, die Stärkung des Aktionariats. Zu lange sind schweizerische Banken und ihre Exponenten verwöhnt und geschützt… Weiterlesen »
Peter Martin Wigant 06.04.2021 - 23:56
Ein sehr guter Artikel Herr Schwalbe. Ihr letzter Satz in Gottes Ohr. Ich habe mich oft gewundert wie blauäugig um nicht zu sagen naiv, sich die Schweizer Grossbanken auf dem internationalen Parkett bewegen. Die Angst links liegen zu bleiben und das Feld einem Andern zu überlassen, ohne den Durchblick zu haben, hat nicht nur die aktuellen Miseren geschaffen. Diese Angst… Weiterlesen »