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Nicht nur Energie ist teuer

und Andreas Neinhaus

Internationale Arbeitsteilung erhöht die Wohlfahrt. Den Abbau von Handelshemmnissen prägen indes regelmässig partikularistische Grabenkämpfe. Im Vorfeld der Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf äusserten die Vertreter der grossen Netto-Agrarimportländer (G-10) ihre Besorgnis, durch den geforderten Wegfall der Agrarzölle einseitig zur Kasse gebeten zu werden. Preisanstieg und Knappheit von Nahrungsmitteln hätten zudem gezeigt, wie wichtig für jedes Land eine eigene landwirtschaftliche Produktion sei.
Die Idee, in einem sensiblen Bereich wie dem der Ernährung uneingeschränkt vom Weltmarkt abhängig zu sein, hinterlässt zurzeit in der Tat kein restlos gutes Gefühl. Auch ökologische Anforderungen lassen sich vor Ort besser durchsetzen, besonders als kleines Land, dessen Präferenzen über die Nachfrage allein die Produktion nur marginal beeinflussen.

Preisschub auf breiter Front

Obschon also nicht pure Bizarrerie, ist das Plädoyer für preisstützende, protektionistische Tarife in Zeiten hoher Nahrungsmittelpreise doch bemerkenswert. Landwirtschaftliche Produkte haben sich im Juni auf Produzentenebene in der Schweiz zwar 0,7% gegenüber dem Vormonat verbilligt. Im Vergleich zum Vorjahr sind sie allerdings 7,3% teurer geworden. Damit trugen sie überdurchschnittlich zur Jahresteuerung des Gesamtindex der Produzenten- und Importpreise bei, den das Bundesamt für Statistik (BFS) am Montag veröffentlichte.
Das Preisniveau des Gesamtangebots von Inland- und Importprodukten hat sich in einem Jahr 4,5% gesteigert. Neben den üblichen Verdächtigen – Erdöl und Erdölprodukte – sind inzwischen eine Vielzahl von Waren ab Fabrik substanziell teurer als zwölf Monate zuvor: Nahrungsmittel und Tabak +5,1%, Holzprodukte +4,7%, Metallerzeugnisse +6,2%. Das Risiko, dass die Erhöhungen von den Produzenten weitergereicht werden und später in den Konsumentenpreisen sichtbar werden, ist gross. Alarmsignale gehen auch von der Importpreisstatistik aus: Diesel kostet 32% und Flugpetrol 64% mehr als im Juni 2007.
Inflation ist unsozial. Sie trifft primär Haushalte mit geringem Einkommen, weil sie einen grossen Teil ihrer Einkünfte für tägliche Konsumausgaben aufwenden müssen. Die Sozialpartner der wichtigsten Gesamtarbeitsverträge müssen dies derzeit erfahren. Für 2008 haben sie eine nominale Erhöhungen der Effektivlöhne von 2,2% bzw. der Mindestlöhne von 1,8% beschlossen. Die Geldentwertung frisst die Aufbesserung indes auf. Mit einer angenommenen Teuerung von 2,5% der Konsumentenpreise resultieren nach Berechnung des BFS dieses Jahr reale Kaufkraftverluste. Immerhin liefert die Eidgenössische Zollverwaltung eine beruhigende Nachricht: Die Exporte erhöhten sich im Juni nominal 7,3% zum Vorjahr. Der Überschuss in der Handelsbilanz kletterte auf das Allzeithoch von 2,41 Mrd.Fr.
Anleihen aus Frankreich scheinen Hochkonjunktur zu haben: Vergangene Woche waren es die Pariser Metro (RATP, Régie Autonome des Transports Parisiens) und CFF (Compagnie de Financement Foncier). Diese Woche gaben nun Credit Suisse (CS) und BNP Paribas der Doppelpremiere 33/8% Assistance Publique 2008/2014 und 33/8% Assistance Publique 2008/2015 das Geleit. Es handelt sich bei Assistance Publique-Hôpitaux de Paris um das öffentliche Spitalwesen der französischen Hauptstadt, Europas grösste Spitalgruppe und das nationale Flaggschiff der Branche. Mit Dienstleistungen von der Pflege über Forschung, Lehre, Prävention bis zum Notfalldienst stellt die staatliche Non-Profit-Gesellschaft die Hälfte der Spitalkapazität von Paris und 30% der Region Île der France. Die Doppeltranche sei auf Wunsch des Schuldners entstanden, der diese beiden Laufzeiten gesucht habe, sagt Federführer CS.

Rarer Triple-A-Schuldner

Das Unternehmen geniesse keine explizite Staatsgarantie, betont BNP. Doch im Gegensatz zu Epics (Entités publics à caractère industriel et commercial), also öffentlichen Anstalten mit Gewerbecharakter, könne Assistance Publique nicht privatisiert werden, was das Triple-A zusätzlich festige. Die begebene Laufzeit werde zurzeit nicht favorisiert. Auch die wegen der Tranchierung eher kleinen Emissionsvolumen hätten es am Markt nicht leicht. Trotzdem sei die Lancierung ein Erfolg geworden, es handle sich um einen Schuldner, der sich nur in wenigen Schweizer Depots befinde.
Eine Rarität am Frankenkapitalmarkt ist auch Roche, begab der Pharmariese bislang doch nur eine Optionsanleihe, die im März auslief. Wofür Roche zurzeit Geld gut gebrauchen könnte, ist spätestens seit der Ankündigung, die Tochter Genentech für 43,7 Mrd.$ zu übernehmen, klar. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat prompt die Bewertung von AA+ auf AA– herabgestuft, denn finanziert werden soll der Kauf vornehmlich durch Verschuldung. Der Ausblick sei stabil. Genentech setzte sie von AA ebenfalls auf AA–. Der Basler Pharmakonzern verspricht sich Synergien von jährlich 750 bis 850 Mio.$. Moody’s nahm Roche auf die Überprüfungsliste. Roche droht der Abstieg vom Aa1 auf ein «zumindest mittleres» A, sollte die Transaktion zu den genannten Bedingungen über die Bühne gehen, teilt die Agentur mit.
Québec darf sein A+ behalten. Die kanadische Provinz beherbergt eine breit diversifizierte Wirtschaft. Aufgrund der seit Jahren ausgeglichenen Staatsrechnung und sinkender Verschuldung ist der Ausblick ausserdem positiv. Québec hatte im April einen zehnjährigen Bond über 250 Mio. Fr. begeben. Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?