Unternehmen / Konsum

Nicht nur für Kampfschwimmer

Von Ignaz Miller

Kommen alle namhaften Uhren aus der Schweiz
So gut wie alle. Ausser Lange & Söhne, deren erfolgreiche Wiederbelebung selbst Cartier-Chef Dominique Perrin respektvoll kommentierte. Doch auch der Groupe Vendôme gelang vor Jahren ein Coup. Sie angelte sich 1997 mit der italienischen Panerai ein «Hot item», wie der Uhrenkenner Jost Meier von Bucherer die unverwechselbare Uhr kommentiert hat.
Anders als das Traditionsunternehmen im sächsischen Glashütte war Panerai jedoch nur einem handverlesenen Sammlerkreis ein Begriff. Genauer gesagt, den Militaria-Sammlern mit Spezialkenntnissen der italienischen Marine. Dass sich die Wiederauflage der taschenuhrgrossen Luminor mit der markanten Hebelsicherung auf der Krone verkauft wie warme Semmeln, ist verständlich, denn grosse Uhren sind im Kommen, nachdem die Schaffhauser Uhrenmanufaktur IWC mit der Portugieser das Terrain exploriert hat.
Die Luminor mit dem Hebelverschluss für die Kronensicherung ist unverkennbar, und sie hat eine gute Geschichte. Die Uhr wurde eigens entwickelt für die italienischen Kampftaucher, die der britischen Mittelmeerflotte im Zweiten Weltkrieg schwer zu schaffen machten. Die Officine Panerai, beheimatet in Florenz und um 1870 gegründet von Guido Panerai, waren eine Werkstatt für feinmechanische Präzisionsinstrumente. Das genaue Datum ist nicht bekannt; die ersten Deckuhren sollen aus dem Jahr 1867 stammen. In kleinsten Serien produzierte der Betrieb Zeitzünder für Haftladungen, Torpedozünder und -zielvorrichtungen und mechanische Rechner für Torpedoattacken per Schnellboot, alles für die italienische Kriegsmarine und mit höchsten Ansprüchen an Betriebssicherheit und Wasserfestigkeit.

Vom Zeitzünder zur Uhr

Für den anspruchsvollen Kunden fertigten die Officine in den Dreissigerjahren auch mechanische Tiefenmesser und Kompasse, die am Handgelenk getragen wurden. Und schliesslich Armbanduhren. Wie der italienische Uhrenhistoriker Giampiero Negretti schreibt, orderte die Marine von Panerai eine Taucheruhr mit Leuchtanzeige. Im März 1936 testete das Taucherkommando einen Prototyp und bestellte daraufhin zehn Stück und danach weitere Kleinstserien. Bis 1992 wurden jedoch insgesamt nicht mehr als 300 Stück der beiden Panerai-Modelle Luminor und Radiomir produziert.
1993 legte Panerai die Luminor und einen «Mare nostrum» getauften Chronographen fürs zivile Publikum auf. Die Mare nostrum geht auf einen Prototyp von 1943 zurück, der für die Bedürfnisse der Deckoffiziere konzipiert war. Das sechszehnlinige Rohwerk stammte von Cortebert, wurde aber von Rolex remontiert und signiert. Dass es ein Savonnette-Werk ist, sieht man an der kleinen Sekunde bei der Neun (statt bei der Sechs). Damit die Krone zur Hand zeigt, wurde das Werk um 90 Grad gedreht.
Das wichtigste Erkennungszeichen ist zweifellos der schwere Hebelverschluss für die Krone, der Anfang der Vierzigerjahre entwickelt wurde. Der übliche Sicherungsvorgang über die verschraubte Krone erwies sich in der Praxis für Kommandotaucher als ungenügend, weil zu zeitraubend. Deshalb der Schnellverschluss mit dem Hebel, der Wasserdichtheit garantiert bis 250 Meter, was weit mehr ist als die Tiefen, in denen die Taucher operierten. Das Patent wurde allerdings erst 1956 in Bern angemeldet.
Eine andere Innovation war das Achttagewerk. Wie Negretti herausfand, liess sich die Marine die handgearbeiteten Panerai-Uhren durchaus etwas kosten. In einer Lieferung von 1954 figurierten die Uhren mit einem Stückpreis von 75000 Lire. Eine Rolex Submariner kostete dazumal in Italien nur 67 000 Lire.
Die Kampftaucher des Gruppo Gamma waren eine gefürchtete Einheit, die der britischen Mittelmeerflotte schwer zusetzte und den Briten etliches Kopfzerbrechen bereitete. Der 1. Torpedobootflottille in La Spezia zugeordnet (1° Flottiglia motorbarca armata silurante), operierten sie mit bemannten Torpedos, den so genannten SLC (Silura a lenta corsa), von der Truppe Maiali (Schweine) genannt.

Ritt auf dem Torpedo

Rittlings auf dem Torpedo sitzend, schlichen sich die Taucher in den Feindhafen, fixierten die 250-kg-Haftladungen und machten sich davon. Alles Sekundenarbeit. Ausgelöst wurden die Sprengladungen durch Zeitzünder oder durch Tempozünder. Letztere bevorzugten die Italiener für Schiffe, die in neutralen Häfen lagen, um diplomatische Unliebsamkeiten zu vermeiden. Ging der Kapitän auf hoher See auf volle Fahrt, explodierten die Haftladungen unter dem Kiel.
Die spektakulärsten Erfolge gelangen dem Gruppo Gamma im Dezember 1941 mit der Versenkung der beiden Schlachtschiffe HMS Valiant und HMS Queen Elizabeth im Hafen von Alexandria. Während der Attacke wurden auch ein Benzintransporter und ein Zerstörer versenkt. Alles war die Arbeit von sechs Männern auf drei bemannten Torpedos, oder wie Winston Churchill im Unterhaus sagte: «Six Italians in rather unusual diving suits and equipped with materials of laughably little cost, have swung the military balance of power in the Mediterranean in favour of the Axis.»

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