Märkte / Aktien

«Niedrige Zinsen sprechen für Aktien»

Yves Bonzon, CIO der Privatbank Julius Bär, setzt auf ein diversifiziertes Aktienportfolio. Der Schweizer Aktienmarkt hat für ihn Anleihencharakter.

Herr Bonzon, die Schwankungen an den Börsen haben zugenommen, die Märkte sind trotz Erholung angeschlagen. Zeit, Aktien zu verkaufen?
Ich glaube nicht. Im Gegenteil, solange die Zinsen niedrig oder im Franken negativ sind, bleibt die Nachfrage nach Aktien bestehen. Als Anleger haben Sie nur die Wahl zwischen einem sicheren Verlust oder einem mit hoher Wahrscheinlichkeit anfallenden Gewinn über eine Laufzeit von fünf Jahren.

Kurzfristige Marktverwerfungen sind also völlig irrelevant?
Es wird solche Korrekturen immer geben, aber die Börsen befinden sich nach wie vor in einem Aufwärtstrend, das ist, was zählt. Nehmen wir den Schweizer Markt. Die durchschnittliche Dividendenrendite liegt bei 3%. Über einen Zeithorizont von fünf Jahren summiert sich das zu einem Puffer von 15%, da können die Börsen kurzfristig auch einmal tauchen.

Aber trotzdem: Der Schweizer Aktienmarkt gehört dieses Jahr zu den besten weltweit, ist das gerechtfertigt?
Ja. Der Index ist in seiner Zusammensetzung defensiv, das ist, was Anleger in diesem unsicheren Umfeld suchen. Nehmen Sie Nestlé (NESN 107.9 -0.37%): Das Unternehmen ist gut geführt, die Wachstumsraten sind konstant und vorhersehbar. Investoren wissen, womit sie bei Nestlé rechnen können.

Ist Nestlé ein Obligationenersatz?
Viel näher an eine Obligation kann eine Aktie meines Erachtens nicht kommen. Aus Anlegersicht ist das wie eine Obligation mit langer Laufzeit. Ich würde sogar noch weiter gehen, der gesamte Schweizer Aktienmarkt hat Anleihencharakter.

Welche Aktie empfehlen Sie Anlegern neben Nestlé?
Für mich ist es wichtig, dass Anleger ihre Risiken streuen. Ich vergleiche Investieren gerne mit einem Einkauf, da kaufen Sie auch verschiedene Dinge, aber Sie achten auf die Qualität.

Klingt das nicht etwas abgedroschen?
Überhaupt nicht. Es geht darum, Risiken zu steuern. Wer da nicht systematisch vorgeht, wird enttäuscht.

Womit beginnen Sie?
Mein Ziel ist es, dass die Summe der Anlagen ein besseres Risikoprofil aufweist als die einzelnen Aktien.

Und was heisst das konkret, aus der Sicht eines Schweizer Investors?
Mit den drei grossen Blue Chips, Nestlé, Novartis (NOVN 87.34 -0.48%) und Roche (ROG 271.85 -0.02%) – sie müssen der Kern eines Schweizer Aktienportfolios sein. Es geht darum, die Risiken im Griff zu haben. Auf diesen Titeln würde ich auch nicht stark handeln.

Und weiter?
Sie würzen das Portfolio mit einigen Dividendenaktien. Dazu gehören Aktien der Versicherungsgesellschaft Zurich, des Telecomanbieters Swisscom (SCMN 478.8 -0.79%) und der des Rückversicherers Swiss Re (SREN 98.8 -0.76%). Diese Titel sind für mich ein Anleihenersatz und sollen regelmässiges Einkommen generieren.

Swiss Re befindet sich gerade in einer schwierigen Phase, gehäufte Grossschäden, Flugzeugabstürze und Flugverbot. Ist das nicht zu riskant?
Der Umgang mit Risiken gehört zu ihrem Geschäft. Klar gibt es Risiken. Meines Erachtens ist es aber ein grossartiges Geschäft. Es handelt sich um ein Oligopol, Warren Buffet ist aus gutem Grund in dieser Industrie.

Aber das klingt noch sehr zurückhaltend?
Ich hatte gesagt, qualitativ hochwertig. Der Liftbauer Schindler (SCHP 218.6 0.78%) und der Sanitärtechniker Geberit (GEBN 439.6 -0.18%) gehören für mich auch in ein Schweizer Portfolio, allerdings geringer gewichtet, vielleicht halb so stark wie Nestlé. Verglichen mit dem Index ist ein solches Portfolio aber deutlich stärker in diesen Titeln involviert.

Bei welchen Aktien halten Sie sich zurück?
In der Schweiz bei den Luxusgüteraktien Swatch und Richemont (CFR 76.14 -1.07%) und bei den Grossbanken.

Weshalb?
Um auf das Beispiel mit dem Einkauf zurückzukommen: In der Schweiz kaufe ich, was top ist. Für die anderen Werte gehe ich ins Ausland. Ich glaube, die europäischen Luxusartikelhersteller sind attraktiver, allen voran die französischen Unternehmen LVMH (MC 392.45 -1.89%), Hermes und Kering. Diese Unternehmen verfügen über stärkere Marken, eine bessere Wettbewerbsposition und sie schaffen für ihre Aktionäre deutlichen Mehrwert.

Und Banken? Die Aktien sind günstig.
Ja, Banktitel sind günstig, aber aus gutem Grund. Es bestehen immer noch grosse Überkapazitäten im Sektor. Banken eignen sich nur als kurzfristige Anlage. Um langfristig interessant zu werden, wäre eine Normalisierung der Zinskurve nötig, und das sehe ich im Moment nicht.

Können Sie das erläutern?
Die Zinsentwicklung in den USA hat gezeigt, dass die Zinsen nicht zu schnell angehoben werden können. Das sendet die falschen Signale. Das gilt im selben Ausmass für Europa. Banken bleiben deshalb vorerst uninteressant.

Also bleiben die Zinsen bis auf weiteres auf niedrigem Niveau?
Davon gehe ich aus. Deshalb glaube ich auch nicht an eine nachhaltige Erholung im Bankensektor.

Aber das Vermögensverwaltungsgeschäft von UBS (UBSG 10.345 -0.91%) und Credit Suisse (CSGN 11.225 -1.01%) ist doch interessant?
Beide sind aber auch im Investment Banking tätig, das stark schwankt. Eine weitere Herausforderung sind die hohen Kosten und die Digitalisierung.

Keine Bank, die Sie empfehlen würden?
Am ehesten die südeuropäischen Banken. Sie leiden unter einem Risikoabschlag ihres Landes, was nicht gerechtfertigt ist. Zudem ist die Zinskurve etwa in Italien deutlich steiler, da lässt sich, im Gegensatz zur Schweiz oder Deutschland, Geld verdienen.

Was fehlt Ihnen noch in Ihrem Portfolio?
Technologieaktien. Dazu investiere ich in den USA. Die Tech-Giganten Alphabet, Microsoft (MSFT 133.39 -3.19%) und Amazon (AMZN 1749.62 -3.1%) gehören in ein diversifiziertes Portfolio.

Hinken Sie mit diesen Empfehlungen nicht etwas hinterher?
Nein. Diese Unternehmen verändern ganze Industrien und sind zudem äusserst solide kapitalisiert. Vergleiche mit der Internet-Blase, wie sie immer wieder angestellt werden, sind nicht angebracht. Diese Unternehmen profitieren von ihrer sehr starken Marktposition und sind auch die Gewinner von morgen.

Zurück zu den Aktien: Die Länderaufteilung ist also sekundär?
Bis zu einem gewissen Grad ja. Nestlé und Pepsi haben ein sehr ähnliches Risikoprofil, beide operieren global, da entscheide ich mich gerade als Schweizer Anleger für Nestlé.

Und etwas exotischer?
Mir gefällt International Game Technology. Dabei handelt es sich um die italienische Lotteriegesellschaft. Die Valoren sind aber in den USA kotiert.

Weshalb mögen Sie die Aktie, da klingt bereits der Name nach Zockerei?
Weil sie völlig falsch verstanden wird. Das ist wie eine Anleihe. Nichts ist so vorhersehbar und unzyklisch wie das Lotteriegeschäft. Der Spieltrieb und die Sehnsucht nach einem Gewinn sind nicht sehr zyklisch. Allerdings sind die Titel wenig liquid und daher sehr volatil. Aber die Aktien sind sehr niedrig bewertet.

Gibt es andere Anlagethemen, die zum Performance-Treiber werden können?
Der Biotech-Sektor. Anleger sind zwar über die grossen Pharmatitel etwas engagiert, was mich aber interessiert, ist der Bereich der mittelgrossen Biotech-Namen, dort findet Innovation statt. BB Biotech ist eine Anlagemöglichkeit, um diversifiziert in Biotech-Unternehmen zu investieren. Als Einzeltitel gefällt mir Veeva, dabei geht es um Datenmanagement in Gesundheitssektor.

Fehlt auf Ihrer Shoppingtour noch etwas?
Ja, Anlagen in Schwellenländern. In diesem Bereich setzen wir alles auf China. Ich bin überzeugt, dass China in den kommenden zehn Jahren der interessanteste Markt für Anleger sein wird.

Und der Handelsstreit zwischen den USA und China macht Ihnen keine Sorge?
Nein. Im Gegenteil, ich glaube, dass die Spannungen zwischen China und den USA mittelfristig die Wettbewerbsposition von China sogar stärken werden. Hinzu kommt, dass China stark von der wachsenden Inlandnachfrage profitiert. Der chinesische Markt eignet sich aber auch aus Diversifikationsgründen für internationale Investoren, es ist der am wenigsten zu den US-Börsen korrelierte Aktienmarkt.

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