Zum Thema: Der Ölpreiszerfall fordert seinen Tribut

Niedriger Ölpreis als Stimulus für Konsum

In den USA ist der Effekt besonders ausgeprägt. Das Bewertungsniveau des Sektors ist bereits stattlich.

Ein sinkender Ölpreis bringt verschiedenen Wirtschaftssektoren Vorteile. Für die Konsumenten bedeuten sinkende Kosten für Benzin und Heizöl, dass sie mehr Geld zur Verfügung haben. Vor allem in den USA, wo der Privatkonsum mit 68% Anteil am Bruttoinlandprodukt besonders hoch ist, fällt die Benzinpreisverschiebung ins Gewicht. Die Amerikaner geben jährlich rund 360 Mrd. $ für Sprit aus, was 2600 $ pro Haushalt entspricht. Gemäss den Analysten von Barclays (BCY 2.6450 +0.78%) bleiben den US-Konsumenten dank dem jüngsten Rückgang der Energiepreise jährlich 70 Mrd. $ mehr im Portemonnaie.

Da die Sparneigung der Amerikaner gering ist, dürfte das Geld rasch in den Wirtschaftskreislauf gelangen. Eine Studie von Bank of America (BAC 47.91 -1.74%) (BofA) Merrill Lynch zeigt auf, wohin die Mittel fliessen könnten: Die Branchen zyklische Konsumgüter und Basiskonsumgüter entwickeln sich am ehesten konträr zum Ölpreis. Dazu zählt das Segment Körperpflege, das nach Analysten von Berenberg erfahrungsgemäss rege Nachfrage erfährt, wenn die Treibstoffpreise sinken.

Dem Konsum in den USA und damit den Aktien des Sektors eine rasante Entwicklung zu prophezeien, wäre aus mehreren Gründen dennoch vermessen. Eine Einschränkung machen die Ökonomen von BofA Merrill Lynch, indem sie eine Verzögerung von drei Monaten im Konsumverhalten identifizieren. Unter allen Sektoren ist der zyklische Konsum in den Anlagefonds am meisten übergewichtet, und der Bewertungsspielraum ist beschränkt. Mit 11% ist zudem der Gewinnanteil der zyklischen Konsumgüterhersteller im S&P 500 zu gering, als dass allein deshalb ein steiler Anstieg des Leitindex zu erwarten wäre.

Da geringere Energiekosten besonders Haushalte mit niedrigem Einkommen entlasten, ist zudem abzusehen, dass Discounter und preisgünstige Restaurantketten zu den Profiteuren zählen dürften. Barclays nennt unter anderem Wal-Mart, Target und Domino’s Pizza.

Airlines können aufatmen

In der margenschwachen Flugbranche fallen die tieferen Treibstoffpreise besonders ins Gewicht. Bei Preisen über 100 $ pro Barrel Rohöl machen sie nicht selten gegen 30% der Betriebskosten aus. Im Fall von Lufthansa (LHA 7.2410 +0.00%) betrug der Anteil am Kostenblock in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres 22%. Der Durchschnittspreis der ersten drei Quartale sank 2,6% im Vergleich zum Vorjahr. Der Jet Fuel Crack, die Preisdifferenz zwischen Rohöl und Kerosin, bewegte sich auf rund 10,5% niedrigerem Niveau als im Vorjahr. Die Treibstoffkosten betrugen 5,2 Mrd. € und damit 4,9% weniger als im Vorjahreszeitraum. Da die Airline wie die meisten Branchennachbarn die Treibstoffkosten mit Hedging-Verträgen absichert, wurden die effektiven Einsparungen geschmälert. Aus der Preissicherung resultierten in den ersten drei Quartalen 53 Mio. € Verlust. Für das gesamte Jahr erwartet die Lufthansa Group auf der Basis eines Ölpreises von 87 $ pro Barrel Treibstoffkosten von 6,7 Mrd. €, 5,6% weniger als im Vorjahr.

Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg hat die Gruppe bereits 65% des Verbrauchs von 2015 mit Hedging abgesichert. Zu welchem Preis, ist nicht bekannt. Auch IAG (IAG 1.9750 +0.25%) (British Airways und Iberia) sowie die Billigcarrier EasyJet und Ryanair haben ihre Treibstoffkosten in grossem Stil vertraglich abgesichert. Das mag den Einfluss der Preisentwicklung verringern. Analysten der UBS (UBSG 17.98 +0.93%) haben Lufthansa am Freitag auf «Kaufen» hochgestuft und dabei mit dem Kerosinpreis und abnehmendem Restrukturierungsaufwand argumentiert. Barclays und Credit Suisse (CSGN 9.3300 -2.26%) finden American Airlines attraktiv.

Eher Lust auf Reisen

Unterstützung durch den Ölpreis könnten auch die Reiseveranstalter erfahren, wenn sie Ferienreisen günstiger anbieten können. Eine Berenberg-Studie hält den Ölpreiseffekt in den Aktien der Touristiker für  noch nicht eingepreist. In einer bevorzugten Stellung sieht sie die Kreuzfahrtbranche. Die Kosten seien weniger umfangreich abgesichert, sodass die Preisentwicklung unmittelbarer durchschlage, auch sei der Treibstoffanteil am Gesamtaufwand grösser als im Touroperating. Zudem hätten Kreuzfahrtanbieter mehr Spielraum in der Preisgestaltung.

Das Thema Ölpreisfolgen für den Konsumgütersektor bietet dem Investor Spielmöglichkeiten. Als Hauptargument für einen Anlageentscheid eignet es sich aber nicht. Dazu ist die Preisentwicklung zu wenig konstant.