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Fast zu friedlich, um als Sportwagen durchgehen zu können.

Seit 2007 ist der Nissan GT-R nun schon auf dem Markt. Also natürlich nicht in seiner ursprünglichen Form, die ersten GT-R gab es schon 1969, doch in der neuen Variante gibt es «Godzilla» nun fast zehn Jahre. 2010 wurde er erstmals aufgefrischt. Seither gibt es jedes Jahr ein paar Verbesserungen und Veränderungen, zuletzt in diesem Jahr.

Da haben die Japaner ihrem Spielzeug mehr Ladedruck und geänderte Zündzeitpunkte und 20 PS mehr spendiert, 570 sind es insgesamt, es gibt auch mehr Drehmoment, 637 Nm maximal, die zwischen 3300 und 5800/min anliegen. Optisch sieht man das vorne, grössere Öffnungen sollen 20% mehr Frischluft in den Motorraum bringen. Die Fahrleistungen sind auf dem Papier weiterhin vorzüglich, in nur gerade 2,8 Sekunden soll der GT-R von 0 auf 100 km/h sprinten, gegen oben ist erst bei 315 km/h Schluss.

Unter den bösen Sportwagen war der Nissan GT-R schon immer so etwas wie das Rundum-sorglos-Paket. Er hat Allradantrieb, was ihn wintertauglich macht, er hat den Motor vorne eingebaut, was ihm ein anständiges Kofferraumvolumen beschert, nämlich 315 Liter. Und mit seinen 4,7 Metern Länge ist er so gross, dass hinten tatsächlich jemand sitzen kann.

Schalter für die Nachbarn

Ausserdem hat Nissan seinem Vorzeige-Produkt in der jüngsten Ausgabe noch einen Schalter eingebaut, der die Nachbarn schützt: Er macht den GT-R leiser. Eine interessante Überlegung, denn bei allen Konkurrenten ist üblich, dass der Auspuff-Sound auf laut gestellt werden kann, die Japaner nehmen dagegen 10 Dezibel aus der Titan-Auspuffanlage. Wobei: Der 3,5-Liter-V6 mit doppelter Zwangsbeatmung klingt ohnehin nicht aufregend.

In der jüngsten Variante – es gibt davon übrigens fünf, um genau zu sein – wird dem GT-R mehr Komfort mit auf den Weg gegeben. Es beginnt damit, dass das Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe nicht mehr jeden Gangwechsel mit einem Schlag auf den Hinterkopf der Insassen quittiert, auch das laute Klacken haben sie abgestellt.

Das Fahrwerk hat unterdessen noch so etwas wie Rest-Komfort, man kann nicht mehr unterscheiden, ob der überfahrene Zigarettenstummel auf der Strasse einen Filter hatte oder nicht. Als souveränen Gleiter auf der Autobahn muss man ihn nicht gleich bezeichnen, da bleibt eine gesunde Härte erhalten. Auf schlechten Strassen allerdings kommen die Plomben schon etwas ins Wackeln.

Dann also mal los auf die Autobahn. Und da ist man dann ein wenig erstaunt, dass der Nissan auch im schärfsten Modus so nett ist. Irgendwie erwartet man schon Wilderes, Gröberes von einem Sportwagen, aber weil das Drehzahlband so breit ist, bleibt der Tritt ins Genick aus – wie schnell man ist, sieht man eigentlich nur auf dem Tacho. Und dann eilt man schnell einmal und locker mit 270, 280 Kilometern pro Stunde einher – und fühlt sich so sicher wie im Premium-Geschäftsleiter-Diesel bei 150.

Die Frage darf aber erlaubt sein: Wollen wir uns in einem Sportwagen vom Kaliber des GT-R fühlen wie in Abrahams Schoss? Für unseren Geschmack dürfte er bissiger sein, härter, böser. Ach ja, das Gewicht: 1827 Kilo. Das ist zu viel, eine Diät würde dem Nissan guttun.

Und innen vielleicht ein moderneres Design. Das ist alles okay, aber eben mehr: praktisch. Es gibt weniger Knöpfe und mehr Übersicht. Wir würden uns in erster Linie mehr Charme wünschen. Vielleicht auch eine Lederausstattung, die nicht nach McDrive aussieht. Zwar ist der Nissan wahrscheinlich der digitalste unter den aktuellen Sportlern, die Masse an elektronischen System ist heftig.

Nur Freude am Fahren

Egal. Denn wenn man drin sitzt und das Fahrzeug so langsam kennt und auch damit umgehen kann, dass er etwas unübersichtlich ist, dann kommt Freude auf. Dann wählt der Fahrer auch gerne einmal den Umweg, von Salzburg fuhren wir ins Engadin, dann über den Albula, die Lenzerheide, den Klausen und schliesslich auch noch den Susten.

Ein anständiger Ritt, und es war ein Wochentag, fast kein Verkehr in den Bergen. Und dann lernt man dieses Rundum-sorglos-Paket eben schätzen, der Nissan riss die Kilometer und Kurven mit einem Lächeln runter, kein ungewöhnliches Geräusch, nur Freude am Fahren.

So ein bisschen quer bringt man ihn nur mit Vorsatz, die Bremsen sind grossartig, die Lenkung ein Gedicht und das Getriebe, das neu über Paddels am Lenkrad bedient wird, perfekt in seinen Anschlüssen, hoch wie runter. An die Grenzen kommt der Pilot. Gut, die Sitze könnten etwas mehr Seitenhalt bieten, aber auch daran gewöhnt man sich bald. Und vielleicht ist man dann auch irgendwann froh, dass der GT-R nicht zu wild röhrt.

Den GT-R gibt es in seiner Basisversion hierzulande ab 119 900 Fr. Kein Pappenstiel, doch man kann sich also zwei dieser Japaner kaufen statt eines Audi R8 plus oder eines Porsche 911 Turbo S. Und das ist ja dann – beim Audi, auch beim Porsche – noch ohne Spezialwünsche.

Gut, man kann den Japaner auch künstlich verteuern, die Nismo-Variante, dann so richtig kompromisslos, 600 PS, kostet 209 000 Fr., doch das ist irgendwie gar nicht nötig. Denn gerade so, mit dem Rundum-sorglos-Paket, ist der GT-R bestens, alltagstauglich und doch richtig schnell, ziemlich wild – aber doch nicht gefährlich böse.