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Blogs / Never Mind the Markets

900 Milliarden hoch: Europas zweiter Schuldenberg

Andreas Neinhaus

Das Risiko steigt mit den Schulden: Behelfmässig geschlossene Bancomaten der Barclays Bank in London. Foto: Chris Helgren (Reuters)

In diesen Frühlingstagen vor sieben Jahren informierte die griechische Regierung ihre EU-Partner und Brüssel, dass sie ohne finanzielle Unterstützung nicht in der Lage sei, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Es war der Anfang der Euro-Staatsschuldenkrise.

Heute leben wir zwar mit der Gewissheit, dass die unmittelbaren Risiken des unvorstellbar hohen Schuldenbergs der Eurostaaten eingedämmt sind. Denn die Europäische Zentralbank garantiert seit 2012, dass sie im Notfall alles unternehmen wird, um eine Eurokrise abzuwenden. Dazu zählen auch unbegrenzte Staatsschuldenaufkäufe bankrotter, aber reformwilliger Regierungen, sogenannte Outright Monetary Transactions (OMT).

Die Regierungen haben ihrerseits mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus einen gemeinsam finanziell gespeisten «europäischen Währungsfonds» geschaffen, der im Notfall Kredite vergibt, um Zahlungsbilanzprobleme und damit allseits befürchtete Staatsbankrotte zu verhindern.

Nicht nur die Staatsschulden wachsen

Sieben Jahre später ziehen wir aber auch die Erkenntnis, dass die Staatsschulden nicht abgebaut wurden. Im Gegenteil: Sie haben in den meisten Ländern seither zugenommen. Der Schuldenberg ist heute höher als im Frühjahr 2010.

Die Schulden europäischer Staaten im Vergleich. Quelle: Thomson Reuters

Darüber hinaus ist ein zweiter Schuldenberg entstanden: die faulen Kredite in den Bilanzen vieler Banken in Europa. Wie der Chart zeigt, hat sich ihr Anteil («Non-performing loans», NPL) an den gesamten Ausleihungen von Banken in Griechenland, Italien und Portugal mehr als verdoppelt.

Anteil von «Non-performing loans» (NPL) an den Gesamtausleihungen von Banken. Quelle: Thomson Reuters, Weltbank

Tatsächlich konzentriert sich dieses Kreditrisiko auf einzelne Eurostaaten. Das bestätigt auch die folgende Aufstellung der NPL in 115 Banken, die von der EZB beaufsichtigt werden. Sie bietet einen informativen Überblick über Höhe und Zusammensetzung dieses zweiten Schuldenbergs in Euroland. (Die Werte in der Grafik und der Tabelle weichen zum Teil leicht voneinander ab, weil die Weltbank und die EZB-Bankenaufsicht für ihre Erhebungen unterschiedliche Definitionen verwenden.)

NPL von Banken unter EZB-Aufsicht. Quelle: ECB (PDF-Link)

Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Summe der notleidenden Kredite beläuft sich auf 900 Mrd. €.
  • Davon konzentrieren sich mehr als 70% in vier Ländern. Italiens Banken sind doppelt so exponiert wie die Institute in den restlichen drei Staaten: Auf sie entfallen 271 Mrd. € oder 30% der europäischen NPL. Frankreich und Spanien bringen es auf je rund 136 Mrd. € (15%) sowie Griechenland auf 114 Mrd. € (13%). Im Falle Frankreichs machen die faulen Kredite gemessen an den Gesamtausleihungen französischer Banken aber nur 3,8% aus («Gross NPL ratio»).
  • Sechs Länder sind wirklich gefährdet: Griechenland und Zypern, wo 47% resp. 40% der ausgeliehenen Kredite notleidend sind. Ebenfalls in Gefahr sind Portugal, Irland, Slowenien und Italien, wo diese Anteile zwischen 20 und 16% liegen.
  • Entscheidend ist die Höhe der Bank-Rücklagen zur Absicherung gegen Kreditausfälle. Sie sind in der fünften Kolonne («Impairments») aufgeführt. Werden sie berücksichtigt, ergibt sich der Nettoanteil notleidender Kredite («Net NPL ratio», in der siebten Kolonne). Sloweniens Situation entschärft sich hier. Italien (8,5%) steht ebenfalls etwas besser da als Portugal und Irland (rd. 11%). Griechenlands und Zyperns Banken bleiben klar am exponiertesten.
  • Die Aufstellung legt auch offen, wie die Situation in Spanien rechtzeitig entschärft wurde. Die Regierung hatte 2012/13 vom ESM 41 Mrd. € bezogen, um den heimischen Bankensektor zu rekapitalisieren. Dort steht heute zwar längst nicht alles zum Besten, wie der massive Geldbezug in der letzten Liquiditätszuteilung der EZB – Stichwort: «T-LTROs» – belegt. Aber dass Spaniens Wirtschaft wieder wächst, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass die Banken des Landes ihre Kreditrisiken stark abbauten und wieder normale Geschäfte führen können.

Für den zweiten Schuldenberg Europas gilt das Gleiche wie für den ersten: Das Risiko einer Explosion ist zwar allgegenwärtig, aber relevanter ist die alltägliche lähmende Wirkung. Die Überschuldung behindert das Wirtschaftswachstum der betroffenen Staaten. Sie ist verantwortlich dafür, dass dort die internationale Konjunkturerholung derzeit zu wenig mehr als einer Stagnation führt.