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Corona bremst die Globalisierung

Andreas Neinhaus

Weniger Globalisierung, weniger Exporte: Die langfristigen Epidemiefolgen werden auch die Schweiz betreffen. Foto: Getty Images

Der Pharmakonzern AstraZeneca hat seine Tests für einen Impfstoff gegen das Coronavirus unterbrochen. Die Nachricht sorgte diese Woche für Kursverluste an den Börsen. Bei einem Teilnehmer der Studie in Grossbritannien waren schwere Nebenwirkungen aufgetreten. Die Forscher nehmen sich nun Zeit, den Fall genauer zu untersuchen. Dass es zu Rückschlägen kommt, sollte niemanden überraschen. Aber es steht viel auf dem Spiel. Wie viel, lässt sich an den Schätzungen des Prognoseinstituts Oxford Economics ablesen. Die Ökonomen haben die Wachstumsrate der Weltwirtschaft im kommenden Jahr von 5,8 auf 5,4% gesenkt.

Der Hauptgrund für die Herabstufung: Verzögerungen bei der Herstellung des Impfstoffs. «Wir gehen nun davon aus, dass eine Covid-19-Impfung nicht vor Mitte nächsten Jahres allgemein verfügbar sein wird, rund sechs Monat später, als wir zuvor angenommen hatten», schreiben sie in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. Das längeres Warten habe zur Folge, dass die Auflagen zum Abstandhalten entsprechend länger andauern werden und es daraufhin auch viel längere Zeit in Anspruch nehmen wird, bis die Wirtschaft wieder zu voller Auslastung zurückkehrt. Sechs Monate länger Corona-Gefahr kostet die Weltwirtschaft also knapp ein Zehntel Wachstum.

Was kommt nach der Epidemie?

Das sind die kurzfristigen Folgen. Aber wie sieht es langfristig aus, wenn die Epidemie endlich bekämpft ist? Auch dazu hat sich das Institut Gedanken gemacht. Covid-19 werde die Globalisierung weiter abbremsen, lautet die These. Behalten die Ökonomen Recht, wird das auch die Schweiz in den kommenden zehn Jahren zu spüren bekommen.

Aber beginnen wir von Anfang an. In den zwanzig Jahren von 1990 bis etwa 2010 wuchs die Weltwirtschaft vor allem dank kräftiger Impulse des Aussenhandels. Nicht nur der Eiserne Vorhang war gefallen, auch Handelsbarrieren wurden beseitigt, und China trat der Welthandelsorganisation WTO bei. Neue Märkte entstanden und, dank sinkender Transportkosten, auch neue Produktionsstandorte. Fabriken wurden ins Ausland ausgelagert, um Kosten zu sparen. Die Produktivität nahm stark zu. Der Aussenhandel mit Gütern und Dienstleistungen trug 1990 etwa ein Viertel zur Weltwirtschaft bei. 2010 machte er die Hälfte des Welt-Bruttoinlandprodukts aus.

Umweltbewusstsein und Protektionismus versus Globalisierung

Mit der globalen Finanzkrise 2008/09 fand dieser Boom sein Ende. Der Globalisierungsprozess hat sich seither deutlich verlangsamt. Von 2010 bis 2019 gewann der Welthandel nur noch 3,5 Prozentpunkte hinzu, auf 53,5% des Welt-BIP. Die grenzüberschreitenden Kapitalflüsse – vor allem zwischen den Schwellen- und den Industrieländern – gingen stark zurück. Auch die Exporte wuchsen langsamer. Immer mehr Schwellenländer entwickelten sich wirtschaftlich, bauten die Produktionskapazitäten vor Ort aus und waren weniger auf Einfuhren angewiesen.

In den vergangenen Jahren kam das grössere Umweltbewusstsein hinzu. Hierbei kommt vermehrt das Bedürfnis auf, die Transportwege zu verkürzen, beispielsweise in der Modebranche. Zudem führten auch technologische Errungenschaften in der Robotik und dem 3-D-Druck dazu, dass Produktionsstätten wieder vermehrt nach Europa und Nordamerika zurückkehrten. McKinsey spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Wertschöpfungsketten im Autobau, der Computer- und Elektronikindustrie «häufiger regional konzentriert» seien.

Ausserdem spielt die Politik eine Rolle. Protektionismus ist seit einigen Jahren wieder auf dem Vormarsch. Donald Trump und die von ihm angezettelten Handelsdispute mit China und der EU sind das eklatanteste Beispiel für die neuen politischen Prioritäten. Aber auch in Europa verfolgen populistische Parteien dezidiert das Ziel, die internationalen Wertschöpfungsketten zu zerschlagen, und möglichst viel daheim zu produzieren.

Die Schweiz ist betroffen

Die Erfahrung mit Covid-19 wird diese Entwicklung zu weniger Globalisierung eher fördern. Zwar wird gerade bei der Impfstoffentwicklung die weltweite Zusammenarbeit gepredigt. Aber Oxford Economics ist davon überzeugt, dass Regierungen Lieferengpässe und -unterbrüche fürchten. «Die Krise wird wahrscheinlich dazu führen, dass Firmen ihre Lieferketten verkürzen und/oder diversifizieren, um die Verlässlichkeit zu verbessern», argumentieren die Ökonomen. In der Pharmabranche und der Medizintechnik würden die Regierungen sogar Druck ausüben, damit das geschehe. Die Pandemie werde nationalistische Stimmungen anheizen und die protektionistische Handelsagenda fördern, prophezeien sie.

Wird die Globalisierung behindert, flaut das Produktivitätswachstum ab und damit auch das Wirtschaftswachstum, lautet die Schlussfolgerung. Betroffen werden jene Länder sein, die zuvor von der Globalisierung besonders profitierten. Dazu zählen an vorderster Front auch exportorientierte und international stark vernetzte Industriestaaten wie Deutschland und die Schweiz. Das Potenzialwachstum könnte sich deutlich abflachen, besonders wenn zusätzlich die Bevölkerung schrumpft. Trifft die Analyse ins Schwarze, bahnt sich nach dem Ende der Coronapandemie bereits die nächste wirtschaftspolitische Herausforderung an.