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Was wir von China lernen können

Mathias Binswanger

Trotz Maskenpflicht sind die Geschäfte wieder weitgehend geöffnet: Einkaufszentrum in Peking. Foto: Keystone

Nachdem die meisten Wirtschaften der westlichen Welt wegen des Coronavirus in künstlichen Tiefschlaf versetzt wurden, haben die Menschen mehr Zeit. Das gilt auch für Politiker und Ökonomen, die uns mit Vorschlägen zur Bekämpfung der drohenden Wirtschaftskrise keine Ruhe mehr lassen. Erstaunlicherweise wird dabei nur selten ein Blick auf China geworfen. Dort hat man schliesslich zwei Monate Vorsprung, was Erfahrungen im Umgang mit dem Virus und seinen wirtschaftlichen Folgen betrifft. Grund genug, die Lage dort etwas genauer zu analysieren.

Blenden wir zeitlich zurück. Der eigentliche Lockdown in China erfolgte am 23. Januar dieses Jahres. In wichtigen Städten wurde der gesamte öffentliche Transport eingestellt, Menschen durften die Wohnungen nur noch aus bestimmten Gründen verlassen, und die Produktion wurde vielerorts heruntergefahren oder gestoppt. Diese Massnahmen werden in den letzten Tagen langsam gelockert, doch während fast zweier Monate stand die chinesische Wirtschaft grossenteils still. Was sind die Folgen?

Dramatisch, aber …

Da für den März verständlicherweise noch keine Zahlen vorliegen, ist es nur möglich, Januar und Februar dieses Jahres mit den gleichen Monaten im Vorjahr zu vergleichen. Tun wir dies, dann ergibt sich gemäss Daten des Statistischen Bundesamtes in China folgendes Bild: Die Einzelhandelsumsätze schrumpften um gut 20%. Die industrielle Produktion sank um 13,5%, und die Ausrüstungsinvestitionen gingen um 25% zurück. Besonders stark betroffen wurden etwa Restaurants, wo die Umsätze bis Ende Februar um über 40% einbrachen. Und die Autoverkäufe gingen gar um 80% zurück, weil die Produktion weitgehend eingestellt wurde. Da die Wirtschaft auch in der ersten Hälfte März grossenteils stillstand, werden die Auswirkungen für das erste Quartal 2020 noch einiges stärker sein. Das heisst: Rückgang der Einzelhandelsumsätze um mindestens ein Drittel und mindestens 20% Rückgang in der industriellen Produktion.

Diese Zahlen wirken zunächst dramatisch. Doch muss man berücksichtigen, dass sie nur das erste Quartal des Jahres 2020 betreffen. Wenn die Wirtschaft in den nächsten Quartalen wieder hochgefahren werden kann, werden die Auswirkungen auf die jährlichen Wachstumsraten moderater ausfallen. Dies auch deshalb, weil der Staat in China geldpolitisch und fiskalpolitisch zusätzlich einzugreifen plant. Bisher übten sich die Chinesen geldpolitisch nämlich in Zurückhaltung. Die People’s Bank of China hat die Zinsen seit Januar nur wenig gesenkt. Hauptsächlich sorgte sie mit Liquiditätsspritzen dafür, dass der Geldmarkt weiterhin funktionierte. Doch bald sollen Banken erleichterten Zugang zu weiteren Reserven erhalten, und drastischere Zinssenkungen sind denkbar. Das geldpolitische Pulver ist in China noch nicht verschossen.

Langfristige Programme für die Post-Corona-Phase

Fiskalpolitisch war der chinesische Staat seit Beginn des Lockdowns mit gezielten Massnahmen und nicht mit grossen Programmen aktiv. Sozialabgaben wurden reduziert, Energiepreise gesenkt, Steuern erlassen, Zahlungsaufschübe gewährt. In naher Zukunft sind hingegen grosse Investitionsprogramme in verschiedenen Provinzen geplant, um die Wirtschaft in der Post-Corona Phase wieder anzukurbeln. Schliesslich möchte China zu seinem gewohnten Wachstum zurückkehren, welches das Virus so abrupt unterbrach.

Was können wir aus diesen Erfahrungen lernen? Bei uns dürfte der Lockdown im Einzelhandel zu Einbrüchen von ähnlicher Grössenordnung wie in China führen. Und auch viele Dienstleistungsanbieter müssen mit vergleichbaren Rückgängen über zwei Monate rechnen. Solange Bund und Kantone aber mit gezielten Massnahmen dafür sorgen, dass es nicht zu Entlassungen kommt und Unternehmen (inklusive Selbstständige) nicht in Konkurs gehen, lässt sich der Einbruch temporär begrenzen. Doch wie in China braucht es dann längerfristige Programme, um die Wirtschaft anschliessend wieder hochzufahren.