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Die Achillesferse Europas

Tobias Straumann

Im industriellen Zentrum Italiens läufts nicht mehr nach Wunsch: Eine Frau schiebt ihren Fiat 500 an. Foto: Alessandro Bianchi (Reuters)

Alle Welt schaut zurzeit nach Grossbritannien, als ob sich hier die Zukunft der EU entscheiden würde. Es wird sicher eine chaotische Übergangszeit geben, aber am Schluss wird man sich finden. Die gegenseitigen Interessen sind zu gross, genauso wie beim Verhältnis zwischen der EU und der Schweiz. Nach wie vor viel bedrohlicher ist die wirtschaftliche Misere Südeuropas. Gerade in den letzten Tagen ist wieder deutlich geworden, dass die Politik wegen der chronischen Krise blockiert ist.

  • In Rom und Turin gewann die Aussenseiterpartei Cinque Stelle die Bürgermeisterwahl. Das ist historisch einmalig.
  • Die Neuauflage der spanischen Parlamentswahlen hat kein eindeutiges Ergebnis gebracht. Die Konservativen haben zwar etwas zugelegt, aber sind weit weg von einer absoluten Mehrheit.

Italien kommt nicht vom Fleck

Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation wird empfohlen, die Arbeits- und Produktemärkte zu deregulieren. Teilweise hat dies schon stattgefunden. Das mag tatsächlich mittelfristig eine Verbesserung bringen. Aber das Problem sitzt viel tiefer: Südeuropas Wirtschaft leidet seit langem an einer zu tiefen Produktivität. Wenn man nun die Märkte liberalisiert, springt nicht sofort die Innovationsrate an. Dafür braucht es viel mehr, vor allem ein gutes Ausbildungssystem sowie Forschung und Entwicklung.

Nehmen wir das Beispiel Italien. Das Land ist seit mehr als zehn Jahren nicht vom Fleck gekommen, wie die folgende Grafik zeigt.

Besonders gelitten hat die Industrieproduktion. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist sie um 25 Prozent gesunken, und es sieht nicht nach einer schnellen Erholung aus. Grund für die schwache Entwicklung ist die schwache Produktivität seit Mitte der 1990er-Jahre, wie zahlreiche Studien bestätigen.

Die neuste Untersuchung ist besonders beunruhigend, weil sie zeigt, dass die Produktivitätsprobleme besonders im Nordwesten (z. B. Fiat in Turin), dem industriellen Zentrum, zugenommen haben (Quelle). Es stimmt nicht mehr, dass das italienische Problem im Wesentlichen auf den Süden beschränkt ist.

Harte Währung und fehlende Produktivität

Das Resultat beruht auf der Messung der Disallokation von Ressourcen. Man untersucht, wie stark der Zufluss von Arbeit und Kapital hin zu den produktivsten Firmen gebremst wird. Im Nordwesten ist die Bremswirkung besonders stark, wie die folgende Grafik zeigt:

Figure 3. Evolution of within-misallocation by region

Viele haben gehofft, dass mit der Einführung des Euro der nötige Druck erzeugt werde, um einen Produktivitätsschub zu bewirken. Nur wenn die Politik die Probleme nicht mehr über eine Währungsabwertung hinausschieben könne, werde es besser, hiess es in den Neunzigern.

Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die Kombination von harter Währung und fehlender Produktivität ist geradezu toxisch für Wirtschaft und Politik. Wie lange kann sich Renzi noch halten?