Blogs / Never Mind the Markets

Die dunkle Seite der Tech-Macht

Markus Diem Meier

Spielt in einer eigenen Liga: Amazon-Chef Jeff Bezos. Foto: Shannon Stapleton (Reuters)

Grosse, weltumspannende Technologiekonzerne wie Google, Facebook oder Amazon machen unser Leben deutlich einfacher. Wir können in einem Umfang kommunizieren wie noch nie, und das kostengünstig, wenn nicht sogar gratis. Was könnte man da Schlechtes über solche Unternehmen sagen?

Man könnte zum Beispiel die Macht anprangern, die sie mittlerweile einnehmen. In der Kommunikationsbranche, aber auch weit darüber hinaus (die Medienbranche ist nur ein Beispiel) nehmen Tech-Giganten ein immer grösseres Gewicht ein – und dies auf Kosten ihrer Konkurrenten. Wegen ihrer Macht und ihres Erfolgs hat man diesen Unternehmen auch schon den Namen «Superstar-Firmen» gegeben. Den benützen wir hier.

Stärker als die Konkurrenz

Aber was ist problematisch an dieser Macht? Diese Firmen haben sie ja nicht durch unfaire Methoden errungen. Im Gegenteil: Sie ist das Ergebnis raffinierter technologischer Innovationen, die, wie gesagt, unseren Alltag erleichtern.

So viel zur hellen Seite der Tech-Macht. Das ist aber bei weitem nicht die ganze Geschichte.

Die technologischen Eigenschaften der Märkte, die diese Firmen beherrschen, haben alleine schon zur Folge, dass Grösse und Macht entscheidend sind und dass diese Macht kaum mehr angefochten werden kann:

  • Da ist einmal das Prinzip der Skalenerträge: Die Kosten für die Erstellung eines Angebots wie zum Beispiel von Whatsapp werden pro Benutzer immer kleiner, je mehr Benutzer den Kommunikationskanal nutzen. Neueinsteiger auf einem kleineren Markt haben daher immer höhere Kosten pro Nutzer und deshalb geringere Chancen.
  • Dann gibt es den Netzwerk- und den Lock-in-Effekt auf der Nutzerseite: Je mehr einen Dienst wie Whatsapp benützen, desto nützlicher ist er für die Nutzer (Netzwerkeffekt) und desto schwieriger wird es für sie, auf einen anderen auszuweichen (Lock-in), da sich ohne diesen Dienst immer weniger mit anderen Leuten kommunizieren lässt.
  • Einen solchen Markt zu dominieren, ist daher schon aus technischen Gründen entscheidend. Man spricht dann von «winner takes most» – der Gewinner räumt den grössten Teil ab. Die nachfolgende Konkurrenz hat kaum mehr Chancen, selbst wenn sie gut ist.
  • Unternehmen wie Google oder Facebook «verkaufen» ihre Produkte an die breite Masse nicht für Geld, sondern für Daten. Die Nutzer geben ihnen eine Unmenge an Wissen über ihr persönliches Verhalten und ihre Vorlieben preis. Das Wissen dank dieser Daten steigert und festigt die Macht der Superstar-Firmen erst recht. Sie können es in bare Münze umsetzen, indem sie gezielte zahlbare Angebote lancieren oder Daten verkaufen. Die Verfügbarkeit über eine solche Masse an Daten ist zudem ein Risiko für die Freiheit der Menschen und für die Demokratie (siehe dazu auch hier und hier).
  • Seit diese Unternehmen die Macht errungen haben, stehen ihnen auch die klassischen Möglichkeiten zu deren Sicherung zur Verfügung. Durch Lobbying können sie mehr als andere dafür sorgen, dass Regeln zu ihren Gunsten erlassen werden, oder solche verhindern, die ihnen im Wege stehen würden. Sie können besser als andere Steuern vermeiden. Und sie können aktiv Massnahmen ergreifen, die andere daran hindern, in ihren Markt einzudringen.

Die Macht der Superstar-Firmen hat auch negative Folgen für die Volkswirtschaft insgesamt:

  • Sie hat zur Folge, dass der Anteil der Arbeitseinkommen am Gesamtprodukt schrumpft und die Ungleichheit zunimmt. Die Grafik unten zeigt für ausgewählte Länder, wie der Anteil der Arbeitseinkommen von 1975 bis 2010 zurückgegangen ist. Wie die Ökonomen David Autor, David Dorn, Lawrence Katz, Christine Patterson und John Van Reenen zeigen, dehnen Superstar-Firmen ihren Umsatz und ihre Gewinne aus, ohne dass sie dafür mehr Leute einstellen. Je grösser daher der Anteil der Superstar-Firmen an der Gesamtwirtschaft ist, desto geringer ist die durchschnittliche Beschäftigung und desto grösser ist daher auch die Macht der Kapitaleigner gegenüber den Beschäftigten, was wiederum den Lohndruck erhöht. Das ist ein Grund dafür, weshalb trotz besserer Wirtschaftslage die Inflation kaum reagiert.

  • Die Superstar-Firmen können dank ihrer Macht immer höhere Profite verzeichnen, aber sie investieren deutlich weniger, als das klassische Unternehmen tun, und sitzen auf hohen Cash-Beständen. Nicht zuletzt, um Konkurrenten aufkaufen zu können, um die eigene Reichweite weiter zu steigern. Die geringere Kapitalnachfrage und die höhere Sparquote haben zur Folge dass der (natürliche) Zinssatz fällt und damit das Zinsniveau generell. Das ist mit ein Grund dafür, dass die Notenbanken rascher als früher an die Grenzen ihrer Möglichkeiten mit Zinssenkungen kommen.
  • Ein Blick auf die Daten relativiert schliesslich die positive Wirkung der Superstar-Firmen auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Seit ihrem Bestehen und ihrer Machtausweitung bleibt das Produktivitätswachstum in der Gesamtwirtschaft unbefriedigend. Es legt nur in den betroffenen Branchen zu, etwa der Kommunikation.