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Die «FAZ» und ein gängiges Fehlurteil

Markus Diem Meier

Die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist nur die halbe Geschichte: Lagerturm von VW in Wolfsburg. (Bild: Keystone)

Überschüsse im Aussenhandel seien ein Zeichen der Stärke, Defizite eines der Schwäche. Deshalb seien nur letztere ein Problem. Die renommierte deutsche «FAZ» liefert die Argumente – und haut daneben.

Im laufenden Jahr dürfte der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands sechs Prozent gemessen am BIP überschreiten. Während Deutschland im Aussenhandel kräftig Überschüsse verzeichnet, sieht das Bild in den krisengeplagten Ländern wie Spanien und Italien genau umgekehrt aus: Hier zeigen sich drastische Defizite. Für viele Ökonomen zeigt sich hier ein gefährliches Ungleichgewicht zum Schaden aller.

Anders sieht das die «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), wie dort ein Kommentar von Philip Plickert vom letzten Dienstag zeigt. Ich gebe ihn hier in voller Länge wieder. Er enthält weitverbreitete Missverständnisse und eignet sich genau deshalb ausgezeichnet, um das Thema genauer zu beleuchten:

Deutschlands Exportüberschuss ist nochmals gestiegen. Jetzt wird wieder über angebliche «Ungleichgewichte» debattiert. Verfehlt ist eine solche Diskussion vor allem dann, wenn sie Überschüsse und Defizite als gleichermaßen problematisch anprangert.

Wenn Länder permanent sehr hohe Leistungsbilanzdefizite haben und mithin immer höhere Auslandsschulden aufhäufen, kann das nicht gut gehen. So ist die Euro-Peripherie in die Krise gerutscht. Ihre Handelsdefizite waren und sind Ausdruck mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Deutschlands hohe Überschüsse liegen dagegen an der besonderen Stärke und Struktur der hiesigen Wirtschaft. Sie produziert die hochqualitativen (Investitions-)Güter, die in den aufstrebenden Ländern gebraucht werden. Das ist kein Grund zur Sorge.

Schon der Begriff des «makroökonomischen Ungleichgewichts» ist hoch fragwürdig. Wäre es denn anzustreben, dass ein Land eine «ausgeglichene Leistungsbilanz» hat – also genau so viel Waren und Dienstleistungen ausführt wie es einführt und netto weder Kapital exportiert noch importiert? Wer sollte das steuern und wie?

Chinas Überschuss hat mit der unterbewerteten Währung und der künstlichen Exportaufblähung durch die Planwirtschaft zu tun. In Deutschland haben Marktkräfte zu dem hohen Überschuss geführt. Verfehlt ist eine «Ungleichgewichte»-Diskussion vor allem dann, wenn sie Überschüsse und Defizite als gleichermaßen problematisch anprangert.

Was ist hier falsch?

Beginnen wir mit einem Satz, der nicht falsch ist – dem letzten im Text mit der generellen Aussage über die deutsche Wirtschaft:

Sie produziert die hochqualitativen (Investitions-)Güter, die in den aufstrebenden Ländern gebraucht werden. Das ist kein Grund zur Sorge.

Nein, dass Deutschland hoch produktiv ist, ist kein Grund zur Sorge und es wäre tatsächlich vollkommen widersinnig und würde niemandem helfen, wenn Deutschlands Produktivität abnehmen würde oder – um beliebte Metaphern in dieser Debatte zu verwenden – wenn Deutschland schwächer würde: Die deutsche Stärke ist nicht das Problem.

Doch darum geht es gar nicht. Wo liegt das Problem bei obigem Text und der durch ihn auf den Punkt gebrachten weit verbreiteten Ansicht:

  • Permanente  und hohe Überschüsse eines Landes sind ein Problem – ganz besonders unter fixen Wechselkursen und damit auch in einer Währungsunion. Den Ländern mit Überschüssen müssen zwingend andere Länder gegenüberstehen, die Defizite verzeichnen. Sind die Strukturen eines Landes – wie im Fall von Deutschland – strukturell auf Aussenhandelsüberschüsse ausgerichtet, bedeutet das umgekehrt nichts anderes, dass auf der anderen Seite Länder mit Defiziten in der gleichen Höhe stehen müssen. Man kann also schlecht behaupten, Überschüsse seien anders als Defizite kein Hinweis auf Ungleichgewichte, wenn die Überschüsse darauf bauen, dass andere Defizite verzeichnen und für diese anderen die Defizite ein Problem darstellen.
  • Bei fixen Wechselkursen, bzw. in einer Währungsunion akzentuiert sich das Problem, weil hier genau jener Mechanismus fehlt, der gewöhnlich zu einem gewissen Ausgleich führt: Flexible Wechselkurse. Schauen wir uns das zuerst für ein Defizitland an:
  • Die Währung eines Landes mit permanenten und steigenden Handelsdefiziten schwächt sich ab. Diese Währung wird relativ weniger nachgefragt, als jene seiner Handelspartner. Diese Abwertung ist für das Defizitland ein Segen, denn es vergünstigt seine Produkte auf den Weltmärkten. Gleichzeitig werden die ausländischen Güter teurer, was auf die Importe drückt und die inländischen Produzenten relativ wettbewerbsfähiger macht. Dieser Ausgleichsmechanismus entfällt in der Währungsunion. Damit zu einem  Land mit Überschüssen:
  • Die Währung des Überschusslandes wertet sich bei flexiblen Wechselkursen auf (im Verhältnis zu den Währungen seiner Handelspartner). Diese Aufwertung sorgt über die Verteuerung seiner Güter zu einer Abnahme der Exporte und einer Zunahme der Importe.
  • Wir können folgern: Ohne Euro (oder bei seinem Auseinanderbrechen) würde die deutsche Währung durch die deutsche Exportstärke deutlich aufwerten, die Exporte dämpfen und die Importe befeuern. Die aktuellen Euro-Defizitländer hätten bessere Absatzchancen für ihre Produkte. Deutschlands permanente und gewachsene Exportüberschüsse sind also nicht bloss Ausdruck der eigenen Stärke, sondern auch eine logische Folge der Währungsunion. Während der Euro (im Vergleich zu unabhängigen Währungen) die deutschen Exporte preisgünstiger macht, ist er für die Defizitländer in der Währungsunion zu teuer.
  • Die folgende Grafik zeigt die Leistungsbilanzsalden von Deutschland (blaue Linie) und von Italien und Spanien zusammengenommen (rote Linie) seit 1995. Wie sich deutlich zeigt, driften die beiden Linien fast genau mit dem Start der gemeinsamen Währung deutlich und fast spiegelbildlich auseinander (Quelle: Fred-Datenbank):

  • Aussenhandelsdefizite- und überschüsse können daher nicht – wie es der «FAZ»-Autor gemacht hat – unabhängig von der Währungsunion beurteilt werden. So lange Deutschland hier Mitglied ist und die Einheitswährung aufrechterhalten will, kann es sich nicht um die Zahlungsbilanzungleichgewichte scheren.
  • Ja, die Defizitländer könnten hochtheoretisch auch die Löhne entsprechend senken, bis sie wieder die preisliche Wettbewerbsfähigkeit erlangen. Doch das ist  sehr viel schwieriger zu erreichen, als durch Währungsabwertungen (die Erklärung hat Milton Friedman geliefert), weshalb das als Weg zur Stabilisierung der Wirtschaftslage kaum je gelungen ist. In Ländern wie Spanien mit einer hohen privaten Verschuldung ist das auch deshalb keine gangbare Strategie, weil stark sinkende Löhne und Preise die reale Schuldenlast weiter ansteigen lassen, ein solches Land noch weiter nach unten reissen und dadurch auch die politische und soziale Stabilität gefährden würden.
  • Im Text des FAZ-Kommentators schwingt schliesslich auch das berühmte Missverständnis der Merkantilisten mit: Aussenhandelsüberschüsse werden als Ausdruck besonderer Wirtschaftskraft gefeiert und als Möglichkeit zu grösserem Reichtum. Damit verbunden ist auch die falsche Vorstellung, dass ein Land wie ein Unternehmen funktioniert, dessen Gedeihen von seinen Verkäufen an andere Länder abhängt. Das ist komplett falsch. Der wichtigste ökonomische Zweck des Aussenhandels liegt für ein Land darin, den Nutzen für seine Bewohner zu steigern: Ein Land muss dank Aussenhandel nicht alles, was seine Bewohner schätzen, selbst herzustellen. Es kann sich auf die Bereitstellung jener Produkte und Dienste konzentrieren, die es relativ am produktivsten herstellen kann («Gesetz der komparativen Kostenvorteile»). Diese kann es dann im Aussenhandel gegen Produkte und Dienste anderer Länder eintauschen (vermittelt durch Geld und auf Märkten). Leistungsbilanzüberschüsse zu verzeichnen heisst schliesslich, dass die entsprechende Volkswirtschaft die eigenen Produkte ohne entsprechende Gegenleistung an Gütern und Diensten ans Ausland vergibt  – das Land verzichtet auf inländischen Konsum und Investitionen im Ausmass des Überschusses. Unter dem Titel «Deutschlands riskante Abhängigkeit vom Export» bringt der Kommentator einer anderen deutschen Zeitung – Mathias Ohanian von der «Financial Times Deutschland» – das Problem perfekt auf den Punkt:

Jahrelang produzierte die Wirtschaft wertvolle Waren, die woanders gebraucht wurden. Die Exporte stiegen und stiegen, ebenso die Importe der europäischen Nachbarn. Einiges war finanziert auf Pump. Als die Blase platzte, war klar: Deutschland bleibt auf dem Gros seiner Geldforderungen sitzen.

Ein schlechter Deal, viele Deutschen hatten jahrelang verzichtet. In Zahlen drückt sich die Geschichte so aus: Von 2000 bis 2007 legten die privaten Konsumausgaben in Deutschland inflationsbereinigt um knapp vier Prozent zu, im Währungsraum insgesamt gab es ein Plus von 13 Prozent. Ähnlich krass ist die Divergenz bei den Investitionen.

Eigentlich wäre Deutschland jetzt an der Reihe. Doch das Gegenteil ist der Fall: Durchbrachen die Ausfuhren 2011 erstmals die Marke von 1000 Mrd. Euro, wird in Deutschland heute drei Prozent weniger investiert als vor der Finanzkrise. In der ersten Hälfte 2012 sanken die Investitionen sogar: Die offiziellen Zahlen geben die Geschichte vom Binnenboom nicht her.

Worin würden denn nun aber mögliche Lösungen liegen, wenn die Eurozone bestehen bleibt?

  • Wie anfänglich gesagt, selbstverständlich nicht darin, dass das Überschussland – Deutschland – schwächer wird, sondern in einem grösseren Gewicht von dessen Binnenwirtschaft im Mix der Gesamtnachfrage: Auf Kosten der Exportnachfrage sollte jene nach deutschen Gütern und Dienstleistungen aus dem Inland zulegen. Das ist selbstverständlich nichts, was man verordnen kann und was sich über Nacht einstellt. Lohnzurückhaltung der deutschen Beschäftigten hat der deutschen Wirtschaft geholfen, aus dem Jammertal zu Beginn der 2000er-Jahre zu kommen. Jetzt sollte Deutschland hier und bei den Staatsausgaben nicht auch noch drastisch auf die Bremse treten, da damit die letzte Hoffnung auf Nachfrageimpulse für die Krisenländer auch noch flöten ginge. Leider geht die Entwicklung in Deutschland in die andere Richtung, wie dieser Artikel meines Kollegen Peter Rohner zeigt: Auch die Deutsche Binnennachfrage lahmt. Tatsächlich ist das ein zentraler Grund für die hohen Leistungsbilanzüberschüsse – denn diese steigen nicht nur, wenn die Exporte zunehmen, sondern auch wenn die Importe abnehmen.
  • Eine etwas höhere relative Inflation in Deutschland im Vergleich zu den Krisenländern (und damit eine etwas höhere Durchschnittsinflation in der Eurozone generell) wäre ebenfalls hilfreich. So könnten Löhne in den Krisenländern real sinken, ohne es nominal zu tun. Nominallohnsenkungen – sinkende Lohnbeträge – sind sehr viel schwerer zu bewerkstelligen als Reallohnsenkungen, das heisst, wenn die Löhne zwar nicht zurückgehen, aber nicht oder weniger zunehmen als  die Inflation. Zu so einer Lösung wird die Europäische Zentralbank allerdings keine Hand bieten. Schliesslich besteht ihr Mandat gerade darin, die Inflationserwartungen in engen Grenzen zu halten – mittelfristig darf die Inflation nicht über 2% steigen.

Kurz: Lösungen sind keine in Sicht. Schlimmer aber ist, dass vielerorts noch nicht einmal das Problem richtig verstanden wird, wofür der obige Kommentar der FAZ kein untypisches Beispiel ist.