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Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Mathias Binswanger

We Chat statt Whatsapp, Huawei statt iPhone: China setzt die Politik der digitalen Autarkie fort. Foto: Reuters

«Präsident Trumps Strafzölle gegen die wichtigsten Handelspartner haben einen Konflikt mit unabsehbaren Folgen ausgelöst.» Diese Zeile las man vor kurzem in der NZZ. Allgemein dient der Handelsstreit zwischen den USA und China heute als Hauptargument für die Begründung fast jeder negativen Entwicklung. Droht eine Rezession, ist die Unsicherheit wegen des Handelsstreites der Grund, weil die Unternehmen deshalb nicht mehr investieren. Und geht es an der Börse einmal abwärts, wird sofort die Furcht vor einer weiteren Eskalation des Handelsstreites ins Feld geführt. Denn die Devise lautet: Lieber eine falsche Begründung als keine.

Schaut man allerdings die soeben publizierten Zahlen zum Aussenhandel Chinas an, sieht es wenig dramatisch aus. Die Exporte stiegen seit Beginn dieses Jahres insgesamt um 4,5 Prozent auf 2,2 Billionen US-Dollar und die Importe auf 1,85 Billionen US-Dollar. Das ergibt einen ansehnlichen Handelsüberschuss von 370 Milliarden US-Dollar. Chinas grösster Handelspartner ist die EU. Das bilaterale Handelsvolumen (Exporte und Importe) stieg dort gegenüber dem Vorjahr um 7,7 Prozent. Und mit dem Verband Südostasiatischer Nationen (Asean), dem zweitgrössten Handelspartner Chinas, betrug das Wachstum des Handelsvolumens sogar 12,7 Prozent. Nur beim Handel mit den USA beobachten wir tatsächlich einen Rückgang von 11,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ändert aber nichts daran, dass China weiterhin die mit Abstand grösste Exportnation bleibt.

Ein Überwachungssystem wird zum Exportschlager

Was wir somit beobachten, ist letztlich eine zunehmende Zweiteilung der Welt. Der Handel mit den USA geht tatsächlich zurück, und dies in beide Richtungen. Im Rest der Welt expandiert China hingegen weiter mit beachtlichen Wachstumsraten. Noch bedeutender ist aber die damit verbundene technologische Entwicklung. Als Antwort auf die Sanktionen der USA hat Chinas Regierung seine Behörden angewiesen, binnen drei Jahren alle PC-Komponenten und Software, die nicht chinesischen Ursprungs sind, gegen einheimische Produkte auszutauschen. Damit setzt China konsequent eine Politik der digitalen Autarkie fort, die sich schon vorher abgezeichnet hat: We Chat statt Whatsapp, Baidu statt Google, Huawei statt iPhone und bald vielleicht Ubuntu Kylin statt Windows.

Kampf dem iPhone! Die World 5G Convention in Peking. Foto: Getty Images

Die ganze Digitalisierung Chinas dient vor allem auch einer besseren Überwachung der Bevölkerung. Inzwischen weiss der Staat ziemlich viel über die 1,4 Milliarden Bewohner des Landes. Denn sie benützen alle die gleichen vom Staat kontrollierten Social Media Accounts und verwenden diese auch für Zahlungen. Kombiniert mit einem in Städten fast lückenlosen System von Überwachungskameras ermöglicht dies eine permanente Kontrolle der Menschen und ihrer Handlungen. Doch dieses System wird zunehmend auch zum Exportschlager. China offeriert seine Überwachungs- und Steuerungssysteme inzwischen auch andern Staaten, die ebenfalls gerne etwas mehr Kontrolle über ihre Bewohner hätten.

We Chat statt Whatsapp

Wie der China-Experte Sebastian Heilmann berichtet, kommen in Ruanda und Uganda bereits chinesische Überwachungssysteme zum Einsatz. In Serbien gibt es ein «Smart City»-Projekt in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Technologieunternehmen Huawei. Letztlich geht es auch dort um Überwachung, ergänzt mit neuen Energie- und Mobilitätssystemen. China bietet selbst erprobte Lösungen für die Sicherheitsprobleme anderer Länder und installiert die Technologien auch gleich noch selbst.

Doch zurück zum Handelsstreit. Dieser führt letztlich dazu, dass China seinen Einfluss in wesentlichen Teilen der Welt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technologisch ausbauen wird. Immer mehr Länder in Asien, Afrika, aber auch in Osteuropa werden de facto in das chinesische Überwachungssystem integriert und damit von China kontrollierbar. Vielleicht wird We Chat auch in afrikanischen Ländern Whatsapp bald verdrängen. So stimmt der Satz am Anfang dieses Artikels doch: «Präsident Trumps Strafzölle gegen die wichtigsten Handelspartner haben einen Konflikt mit unabsehbaren Folgen ausgelöst.» Doch es sind ganz andere Folgen, als wir normalerweise glauben.