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Die globale Sicht der Globalisierung

Markus Diem Meier

Offen für alles: Werbung aus aller Welt am Times Square in New York. Foto: Richard Allaway (Flickr)

Studien und Berichte über die Ungleichheit fokussieren in der Regel auf die Entwicklung innerhalb von Ländern. Der an der University of New York lehrende Ökonom Branko Milanovic hat diese Entwicklung nun auf globaler Ebene untersucht und das Ergebnis in seinem neuen Buch «Global Inequality, a new Approach for the Age of Globalisation» veröffentlicht. Die folgende Grafik zeigt diese Entwicklung für die zwanzig Jahre von 1988 bis 2008. Das ist – wie Milanovic selbst festhält – genau die Zeit der «starken Globalisierung» vom Fall der Berliner Mauer bis zur Finanzkrise.

Die Grafik zeigt auf der waagrechten Achse die gesamte Erdbevölkerung, aufgegliedert von den ärmsten 10 Prozent (0. bis 10. Perzentil) bis zu den reichsten 10 Prozent (90. bis 100. Perzentil). Das 50. Perzentil zeigt damit die Mitte der Verteilung an (den Median). Die senkrechte Achse zeigt die Einkommensgewinne der jeweiligen Bevölkerungsgruppe, d.h. der entsprechenden Perzentile, über diesen Zeitraum an. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die drei Punkte A, B und C in der Verteilung. Schauen wir sie uns etwas genauer an:

  • Punkt A: Die Grafik macht klar, dass die grössten Einkommensgewinne an jene gingen, die sich etwa in der Mitte der globalen Einkommensverteilung befinden. Deren Einkommen hat um fast 80 Prozent zugenommen. Dabei handelt es sich laut Milanovic fast ausschliesslich um die Bevölkerungen asiatischer Schwellenländer, hauptsächlich China, aber auch Indien, Thailand, Vietnam und Indonesien. Wichtig zu beachten ist weiter, dass hier nicht der Gewinn der Reichsten aus diesen Ländern gezeigt wird, da diese sich weiter rechts in der globalen Einkommensverteilung befinden.
  • Punkt B: Die Einkommen der Bevölkerungsteile, die sich weltweit gesehen beim 80. Perzentil befinden (20 Prozent der Weltbevölkerung sind reicher, 80 Prozent ärmer) haben während der zwanzig Jahre starker Globalisierung stagniert. Dabei handelt es sich um die Mittelschicht der reichen Länder, laut Milanovic kommen drei Viertel aus dieser Gruppe aus Westeuropa, Nordamerika, Ozeanien und Japan. So wie bei Punkt A China dominiert, dominieren hier die USA, Japan und Deutschland.
  • Punkt C: Hier zeigt sich die Einkommenszunahme des reichsten Prozents weltweit. Es wird deutlich, dass die Allerreichsten ebenfalls grosse Gewinner der Globalisierung sind. Hier dominieren Leute aus den USA mit der Hälfte dieses reichsten Prozents, was bedeutet, dass 12 Prozent der Amerikaner zu den weltweit Allerreichsten zählen. Die meisten der übrigen Vertreter dieser globalen Plutokraten stammen aus Westeuropa, Japan und Ozeanien. Mit nur einem Prozent Anteil an ihrer eigenen Bevölkerung sind hier die Reichsten aus Russland, Brasilien und Südafrika vertreten.

Am meisten Gewinn für die Reichsten

Wie die Grafik oben zeigt, haben die Mittelschichten aus den Schwellenländern einen grösseren Einkommenszuwachs erfahren als die Allerreichsten. Absolut gesehen sieht das aber vollkommen anders aus, wie die folgende Grafik von Milanovic zeigt:

Wie hier deutlich wird, haben die Einkommen des weltweit reichsten und zweitreichsten Prozents mit grossem Abstand absolut am meisten zugenommen. Da die Mittelschichten in den Schwellenländern von einem sehr tiefen Einkommen eine Zunahme erfuhren, ergibt das bei jedem Zuwachs eine starke relative (prozentuale) Zunahme. Die Reichsten dagegen haben eine starke Steigerung von einem bereits hohen Niveau aus erreicht. Sie haben absolut gesehen daher mit grossem Abstand am meisten von den beiden Globalisierungsjahrzehnten profitiert, wie die Grafik der absoluten Gewinne zeigt.

Dennoch hat die relative Zunahme für die Betroffenen die grössere Bedeutung, wie sie in der ersten Grafik wiedergegeben wird. Denn was zählt, ist für die meisten vor allem, welche Verbesserung in den Einkommen sich bei einem selbst oder beim eigenen sozialen Umfeld zeigt und weniger der Vergleich zu den Reichsten in weit entfernten Ländern.

Mittelschicht ist nicht gleich Mittelschicht

Was sagt uns nun aber diese weltweite Betrachtung der Einkommensentwicklung über die Globalisierung und ihre Akzeptanz? Unten die wichtigsten Punkte:

  • Die Mittelschicht in den reichen Ländern hat von der Globalisierung nicht profitiert, obwohl auch ihr die ökonomische Theorie das Gegenteil versprochen hat. Ganz anders die Reichsten in den gleichen Ländern, die im Vergleich zu dieser Mittelschicht relativ und absolut richtiggehend abgesahnt haben. Diese Entwicklung hat die Akzeptanz der wirtschaftlichen Öffnung in den reichen Ländern unterminiert. Sie hat damit zur wachsenden Ungleichheit beigetragen und wird als ungerecht wahrgenommen.
  • Auf der anderen Seite hat die Globalisierung den Mittelschichten in den Schwellenländern vor allem Asiens zu starken Einkommenszuwächsen verholfen. Das hat umso mehr Bedeutung, als die Menschen hier (anders als jene aus der Mittelschicht im reichen Westen) aus tiefster Armut kommen. Die wirtschaftliche Öffnung hat sich hier als grosser Segen erwiesen.
  • Die positiven Aspekte der Globalisierung bzw. der wirtschaftlichen Öffnung sollten bewahrt werden. Dazu gehört mehr als der Einkommenszuwachs in den ärmeren Ländern (mehr dazu in dieser Analyse). Dafür braucht die bestehende Öffnung Legitimität – vor allem auch in den reichen Ländern. Um diese sicherzustellen, reicht es nicht, nur auf generelle wirtschaftliche Vorteile zu pochen. Es braucht eine Politik, die dafür sorgt, dass tatsächlich allen die Früchte einer Öffnung zukommen, und es braucht eine soziale Absicherung. Dabei geht es noch nicht einmal um Gerechtigkeit, sondern schlicht um das Bewahren der positiven Seiten der wirtschaftlichen Öffnung.
  • Und es ist wichtig, es mit der Öffnung nicht zu übertreiben (mehr dazu ebenfalls in dieser Analyse). Ein vollkommen freier Kapitalverkehr zum Beispiel hat ganz andere Folgen als der Freihandel. Eine zu weit gehende Kapitalmarktliberalisierung führt immer wieder zu schweren Finanz- und Wirtschaftskrisen. Auch eine vollkommene Personenfreizügigkeit ist eine Übertreibung, sie gefährdet die gewachsenen sozialen und institutionellen Strukturen in einem Land (siehe dazu auch hier). Schiedsgerichte für Investoren (statt ordentliche Gerichte), die die Souveränität von Ländern einschränken, gehören ebenfalls zu den Übertreibungen. Dasselbe gilt für Patentregeln, die den Wettbewerb zu stark behindern und meist bereits mächtigen Konzernen zu lange eine Monopolmacht sichern.

Die optimale Globalisierung

Wie in ökonomischen Analysen üblich, kann man auch bei der wirtschaftlichen Öffnung ein Optimum definieren. Die Grafik unten zeigt schematisch, wie man sich das vorstellen könnte:

Die Globalisierung mit immer offeneren Grenzen stiftet Nutzen. Aber dieser Nutzen nimmt mit zunehmender Öffnung ab. Man spricht von einem abnehmenden Grenznutzen, wenn der Nutzen einer weiteren «Einheit» Öffnung bzw. Globalisierung abnimmt. Tatsächlich ist der Nutzen einer Öffnung am grössten, wenn zuvor kein Freihandel existiert. Nach einem schon relativ weitgehenden Freihandel ist er aber nur noch gering.

Umgekehrt hat eine weitere Öffnung aber immer auch Kosten (Ungleichheit, soziale Unsicherheit, gefährdeter Zusammenhalt in der Gesellschaft, geminderte demokratische Mitbestimmung). Diese Kosten steigen mit jeder weiteren «Einheit» Öffnung bzw. Globalisierung an, man spricht dann von steigenden Grenzkosten. So lange der Grenznutzen bei einer weiteren Öffnung über den Grenzkosten liegt, ist das für die Gesamtgesellschaft ein Gewinn. Wenn die Grenzkosten aber den Grenznutzen einer weiteren Öffnung übersteigen, ist das ein Verlust.

Man kann gut argumentieren, dass so weit gehende Öffnungen wie durch die Währungsunion in Europa (wegen der eingeschränkten demokratischen Souveränität), oder durch das TTIP (aus dem gleichen Grund und wegen der geplanten Schiedsgerichte für Investoren) oder auch durch eine vollkommene Personenfreizügigkeit das Optimum überschreiten und die dann zu hohen Kosten sogar die bestehenden Vorteile der Öffnung gefährden, weil die Öffnung auf immer mehr Widerstand stösst und protektionistische Bewegungen Zulauf erhalten.