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Die Heuchelei der Notenbankkritiker

Markus Diem Meier

Unter Beschuss: Der Eingang der Schweizer Notenbank in Bern. Foto: iStock

Negativzinsen, Käufe von Staatsanleihen, Devisenmarktinterventionen: Die «unkonventionelle» Geldpolitik der Notenbanken ist unbeliebt, und die Warnungen vor ihren negativen Begleiterscheinungen häufen sich. Mit den Entscheiden der Europäischen Zentralbank, des Fed in den USA und auch der SNB in den letzten beiden Wochen wurde deutlich: An dieser Art von Geldpolitik wird sich auf nicht absehbare Zeit nichts ändern. So geraten auch die Notenbanker selbst immer stärker ins Feuer der Kritik. 

In Deutschland stellte das Boulevard-Blatt «Bild» Draghi nach dem Zinsentscheid der EZB sogar als blutsaugenden Vampir dar. Besonders lauthals schimpfen überall auch die Banken. Der Chef der Deutschen Bank warnt, die aktuelle Geldpolitik würde das Finanzsystem ruinieren. Bei seinen Kollegen in der Schweiz tönt es ähnlich.

Auch Politiker gefallen sich überall darin, auf der Geldpolitik herumzureiten. In den USA beleidigt der Präsident den von ihm eingesetzten Fed-Chef Jerome Powell öffentlich immer übler – allerdings in diesem Fall, weil er trotz gut laufendem Wirtschaftsgang deutlich tiefere Zinsen will. Allen Kritikern gemein ist, dass sie die Verantwortung für den Gang der Wirtschaft und die tiefen Zinsen bei den Notenbankern sehen. 

Schwäche ist eher Ursache als Folge

Dabei ist es umgekehrt. Viel eher liegt der Fehler der Notenbanken gerade darin, dass sie all jenen, die nun auf ihnen herumhacken, ermöglicht haben, ihre eigenen Aufgaben zu vernachlässigen. Das Paradebeispiel dafür ist die Eurozone. Ohne das Versprechen von Mario Draghi, notfalls – mit Geldspritzen – alles zu tun, um die Währungsunion zu retten, und ohne die massiven Geldschübe, die er in der Folge ins System gepumpt hat, wäre das Eurogebilde den Politikern schon im Jahr 2012 um die Ohren geflogen. 

Negativzinsen wären noch das geringsten Problem der Banken gewesen, wäre es dazu gekommen. Die Schwäche der europäischen Finanzinstitute ist mehr Ursache für die extreme Geldpolitik als die Folge davon. Und ohne den zu billigen Euro hätte Deutschland nicht die massiven Exportüberschüsse der letzten Jahre verzeichnet. Die deutschen Politiker, die jetzt Draghi beschimpfen, wären gezwungen gewesen, sich um die Strukturschwächen im eigenen Land zu kümmern. Trotz der Eurokrise von 2011 und 2012 haben es die politisch Verantwortlichen nicht geschafft, die Währungsunion nachhaltig zu stabilisieren. 

Es ist wahr, die extreme Geldpolitik ist an ihre Grenzen gekommen und die schädlichen Nebeneffekte drohen ihren Nutzen zu übersteigen. Niemand weiss das besser als die Notenbanker selbst. Sie wagen sich von dieser Politik aber so lange nicht zu verabschieden, wie jene nicht die Verantwortung übernehmen, die sie jetzt an die Notenbanken abschieben. 

Mit ihrem Vorgehen ermöglichen die Notenbanker aber den wahren Verantwortlichen nicht nur, nötige Schritte zur echten Lösung der anstehenden Probleme wahrzunehmen. Sollte es zur Krise kommen, lässt sich die Schuld dafür leicht wiederum an die Notenbanker abschieben. Das Terrain dafür ist bestens vorbereitet.