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Lehren aus der Toilettenpapierkrise

Markus Diem Meier

Panikkäufe verbindet man normalerweise eher mit Lebensmitteln. In Taiwan aber horten die Menschen gerade Toilettenpapier. Foto: David Chang (Keystone)

Erwartungen spielen in der Ökonomie eine grosse Rolle. Auf Kapital- und Devisenmärkten sind sie sogar entscheidend. Aktuelle Langfristzinsen oder Devisenverhältnisse werden stark durch die Erwartungen an die Geldpolitik der Notenbanken bestimmt. Aktienkurse drücken künftige Gewinnerwartungen aus und solche zur weiteren Zinsentwicklung.

Aber Erwartungen haben auch auf Märkten für sehr viel alltäglichere Produkte einen grossen Einfluss. Das erleben die Bewohner der Pazifikinsel Taiwan gerade. Denn dort herrscht eine eigentliche Toilettenpapierkrise. Ihr Verlauf ist ein Lehrbeispiel für die ökonomischen Folgen einer veränderten Erwartung.

Nachdem die Produzenten von Toilettenpapier die Detailhändler informiert hatten, dass die Preise von Klopapier ab etwa Mitte März zwischen 10 und 30 Prozent ansteigen würden, tätigten die Konsumenten Hamsterkäufe und räumten die Regale leer. Die Produzenten haben auf die Knappheitskrise mit der Zusicherung reagiert, dass sie die Preise nicht schon frühzeitig anheben würden.

Ankündigungen wirken sofort

Doch sie wären naiv, hätten sie deshalb mit einer Beruhigung der Lage gerechnet. Wenn eine Sache, wie in diesem Fall das Toilettenpapier, lange haltbar bleibt und die Preiselastizität gering ist – das heisst, man kann auch bei höheren Preisen schlecht darauf verzichten –, dann macht es für die Konsumenten Sinn, in der Erwartung des Preisanstiegs so viel Klopapier wie möglich noch im Vorfeld zu kaufen.

Ebenfalls zu erwarten war daher ein sofortiger Preisanstieg. Das ist angesichts des Ansturms die ökonomische Antwort auf die entstehende Knappheit. Doch die Regierung hat bereits angekündigt, Händler zu büssen, die entsprechend handeln. Damit haben diese jetzt einen starken Anreiz, das Klopapier zu horten, weil sie das noch zu tieferen Preisen eingekaufte Papier später deutlich teurer absetzen können. Das dürfte die Knappheit weiter verschärfen und die Panikkäufe befeuern.

Die Geschichte ums Klopapier in Taiwan ist aber auch ein Lehrbeispiel für die Abhängigkeiten in einer globalisierten Wirtschaft: Denn die Gründe für die erwartete Preiserhöhung liegen weit weg von der Pazifikinsel: in Waldbränden in Kanada und Produktionsproblemen in Brasilien. Beides verteuert den Zellstoff, den es zur Herstellung des Klopapiers braucht. Dass es in anderen Ländern nicht zur gleichen Entwicklung gekommen ist, liegt unter anderem daran, dass der Anteil an rezykliertem Toilettenpapier in Taiwan mit nur 5 Prozent im internationalen Vergleich sehr gering ist. In Japan liegt er bei 65 Prozent, in den USA und Europa bei rund 50 Prozent.