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Die liberale Marktwirtschaft hat ein Problem

Markus Diem Meier

Die Generation seiner Eltern hatte es mal besser: Tieflohnarbeiter in einem Amazon-Warenlager in den USA. Foto: Bartek Sadowski (Getty Images)

Moderne demokratische, politisch und wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaften, wie wir sie in den hochentwickelten Ländern kennen, gibt es erst seit einer sehr kurzen Zeit. Wir tendieren dazu, sie für gesichert zu halten und zu glauben, dass die Geschichte ohnehin zu immer höheren Formen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung führt. Diese Ansicht ist falsch. Unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist gefährdet, wenn die Grundlage für den Erfolg vergessen geht. Leider liegt aktuell darin die grössere Bedrohung als in einem wirtschaftlichen Abschwung oder im Handelskrieg.

Dazu schrieb kurz vor dem Zweiten Weltkrieg der berühmte Ökonom John Maynard Keynes über seinen frühen Idealismus: «Wir wussten nicht, dass die Zivilisation eine dünne und prekäre Kruste ist, die sich kraft der Persönlichkeit und des Willens sehr weniger Einzelner gebildet hat und nur durch Regeln und Konventionen intakt bleibt, welche mit Geschick eingerichtet und mit List bewahrt werden.»

Doch die Regeln, Konventionen und andere Institutionen, auf denen unsere Ordnung aufbaut, haben nur praktische Bedeutung, wenn sie eine ausreichend grosse Legitimität geniessen. «Nur Erfolg schafft Legitimität, keine Regierung». Das hat der Tessiner Investor Tito Tettamanti in einem Interview dazu gemeint. Er hat recht. Es ist aber nicht der Erfolg unseres Systems im Vergleich zu früheren Zeiten, der die nötige Legitimität schafft, sondern die erfüllte Erwartung, dass es mit dem Erfolg weitergeht.

Trumps Bruch mit Konventionen und Institutionen

Die wachsende Ungleichheit und die seit längerem stagnierenden Einkommen ausser am obersten Rand der Vermögensverteilung wecken deshalb Zweifel an der Funktionsweise des geltenden Systems. Dazu kommen verbreitete Ängste, moderne Technologien würden den grössten Teil der Bevölkerung eh auf der Strecke lassen. Wenn mit Donald Trump der Präsident jenes Landes die bisherigen Konventionen, Regeln und Institutionen mit Verachtung straft, für die sein Land einst international einzustehen versprach, dann untergräbt das die Legitimität der Institutionen in gefährlichem Ausmass weiter. Auch die Bekenntnisse von 180 Chefs von US-Grosskonzernen zur gesellschaftlichen Verantwortung lassen sich als etwas hilflose Reaktion auf ihre Angst um das System deuten.

Eine Revolution steht kaum vor der Tür. Was droht ist ein weiterer Zerfall der Grundlagen, die moderne Gesellschaften historisch einmalig erfolgreich gemacht haben.