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Blogs / Never Mind the Markets

Die Mär vom inflationsfreien Aufschwung

Andreas Neinhaus

Unberechenbare Preisentwicklung: Noch ist unklar, ob sich die Situation normalisiert. (Bild: Reuters/ Edgar Su)

Die Weltwirtschaft erholt sich in raschen Schritten. Konjunkturauguren revidieren erstmals wieder ihre Wachstumsprognosen nach oben, ein Phänomen, das es seit bald zehn Jahren nicht mehr in dieser Form gegeben hat. Frühindikatoren, wie die Einkaufsmanagerindizes, fallen seit Monaten sehr kräftig aus. Selbst die Unternehmensinvestitionen – lange Zeit das grösste Sorgenkind der Wirtschaftsentwicklung – legen in vielen Ländern zu und tragen zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum bei.

Und was ist mit der Inflation? Auf den ersten Blick hat auch sie stark zugelegt. Im Euroraum beispielsweise sprang sie von nahe 0 Prozent auf 2 Prozent. In fast allen Industrieländern wird sie dieses Jahr deutlich höher liegen als letztes Jahr.

Das ist fast ausschliesslich den Rohstoff- und Energiepreisen zuzuschreiben. Rohöl hat sich kräftig verteuert, seit sich die Opec-Länder im November auf eine geringere Fördermenge verständigten und hierbei von Nicht-Kartellmitgliedern wie Russland unterstützt werden. Metalle kosten inzwischen ein Fünftel mehr als vor einem Jahr dank einer stabileren Nachfrage aus China und den USA. Nahrungsmittel haben sich ebenfalls auf breiter Front verteuert.

Quelle: IWF World Economic Outlook 2017

Die Deflationsgefahr ist definitiv gesunken, wie der Internationale Währungsfonds in seinem vergangene Woche vorgelegten Weltwirtschaftsausblick unterstreicht. Aber unter den Konjunkturbeobachtern hält sich die Freude dennoch in Grenzen.

Denn nachdem der erste Preisschub bei Rohmaterialien und Grundstoffen vorüber ist, richtet sich das Interesse nun auf die allgemeine Preisentwicklung. Und damit auf die Frage, ob sich die Situation tatsächlich normalisiert. Erholt sich die Konjunktur, dann sollten auch die Verkaufspreise steigen, Anbieter höhere Gewinne machen, sich daraufhin neue Investitionen lohnen und der Spielraum für höhere Löhne zunehmen.

Genau das ist in vielen Ländern aber weiterhin umstritten. Bereits im März fiel die Teuerung überwiegend schwächer aus. Der Basiseffekt, der die Rohstoffinflation hochhält – sehr tiefe Vorjahrespreise gegenüber dem stabil hohen aktuellen Niveau -, wird in den kommenden Monaten abklingen. Die übrigen Preiskomponenten in den Warenkörben, die den Inflationsindizes zugrundeliegen, tendieren indes nur seitwärts.

Die allgemeine Furcht vor einer zu niedrigen Inflation ist eine verständliche Reaktion auf das, was in den vergangenen Jahren vorgefallen ist: Deflationsgefahr, Minuszinsen etc. Aber sie befindet sich ausserhalb des historischen Kontextes.

Unterschätzte inflationäre Kräfte

Vor der Weltfinanzkrise 2008/09 wäre eine weltweite Konjunkturerholung, ohne dass sich die Preise kräftig erhöhen, begrüsst worden. Ein solcher Zustand wurde seinerzeit als die beste aller Welten beschrieben. Oder in den USA als Goldilocks Economy, gemäss dem populären Märchen von den drei hungrigen Bären auf der Suche nach dem Schälchen mit dem optimal temperierten Brei: «nicht zu heiss und nicht zu kalt».

Die derzeitige Furcht wird auch von Anlegern genährt, die seit rund einem Jahr auf den sogenannten Reflation Trade setzen: ein kräftiges – möglichst überraschendes – Anziehen der Preise, das tendenziell Aktien und aktienähnliche Anlagen bevorzugt und die meisten Anleihen benachteiligt, weil deren Marktverzinsung dann steigt und der Kurs sinkt. Dass zuletzt die Inflationsüberraschungen abgenommen haben und US-Staatsanleihen immer mal wieder tiefer verzinst wurden, führt verständlicherweise zu Unbehagen und Sorge darüber, ob Reflation noch die richtige Anlagestrategie ist.

Allerdings: Solange sich die Wirtschaft in den meisten Industrieländern im gegenwärtigen Tempo weiter verbessert, wird sich das auch in der Teuerung niederschlagen. Die jahrelange Wachstums- und Inflationsflaute hat die Potenzialwachstumsrate verringert. Ebenso sind weniger Volkswirtschaften unterausgelastet, anders als noch vor einem Jahr. Die Produktionslücke ist in den USA und anderen Ländern geschlossen. Sie wird sich sukzessive auch anderswo schliessen. Das ist die Voraussetzung für mehr Inflation.

Die Realwirtschaft wächst wieder, und überzeugender, als viele Experten das erwartet haben. Kann es da nicht sein, dass auch die inflationären Kräfte, die diese Erholung freisetzen, momentan unterschätzt werden?