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Die Nationalbank und ihr Eigenkapital

Markus Diem Meier

Wenn das Eigenkapital einer Nationalbank aufgebraucht ist, druckt sie einfach mehr Geld: Thomas Jordan, Vizedirektor der Schweizerischen Nationalbank, März 2011.

Was passiert eigentlich, wenn das Eigenkapital der Schweizerischen Nationalbank SNB durch Verluste auf Währungsreserven aufgebraucht wird und sogar ins Negative rutscht, das heisst, wenn die Verbindlichkeiten der Notenbank grösser sind, als ihre Anlagen? Die Frage wurde in jüngster Zeit angesichts der mutigen Entscheidung der SNB, für den Euro-Franken-Kurs eine Untergrenze von 1.20 festzulegen und zu verteidigen, schon des Öfteren aufgeworfen.

Ein negatives Eigenkapital ist im Falle einer Zentralbank kein ernsthaftes Problem!

Dies ist die Kernaussage eines Referats von SNB-Vize Thomas Jordan, das dieser gestern gehalten hat. Hier sein Text im Original

Folgende Überlegungen sind von Bedeutung:

  1. Die SNB will die Öffentlichkeit möglicherweise auf allfällige Verluste auf Währungsreserven vorbereiten.
  2. Doch beim Gelingen der Franken-Schwächungsaktion sollten Verluste auf den Währungsreserven gar nicht anfallen.
  3. Grosse, das Eigenkapital übersteigende Verluste stellen für eine Notenbank kein Problem dar.
  4. Anders bei gewöhnliche Unternehmen und besonders bei Banken: Dort ist ein ausreichendes Eigenkapitalpolster überlebensnotwendig. Daher fordert die SNB von den Banken auch vehement ein solches Polster.
  5. Langfristig hat eine Notenbank besonders einfache Möglichkeiten, Gewinne zu erzielen, die auch vorübergehende Verluste kompensieren können.
  6. Langfristig steigende Verluste sind ebenso wie ein negatives Eigenkapital eben doch ein Problem, aber aus anderen Gründen als bei gewöhnlichen Unternehmen oder Banken.

Wie geht Jordan das an? Hier meine Zusammenfassung:

Die Punkte 1 und 2 erklären sich fast von selbst aus der Debatte der vergangenen Wochen und Jahre. Wenn die SNB zur Abschwächung des Frankens massiv Euro kaufen muss und die Operation dereinst doch misslingt, drohen ihr massive Abwertungsverluste auf den aufgekauften Euro und anderen Devisenanlagen. Diese Verluste können sogar so gross werden, dass sie durch das Eigenkapital der Notenbank nicht mehr gedeckt sind. Dass Jordan die Möglichkeit solcher Verluste und damit implizit eines Scheiterns der neuen SNB-Politik erwähnt, ist nicht ganz unproblematisch, denn der Erfolg der Aktion hängt wesentlich davon ab, dass auf den Devisenmärkten keine Zweifel darüber aufkommen , dass die SNB die Kursuntergrenze auf Biegen und Brechen verteidigt.

Zuerst Punkt 4: Warum gewöhnliche Unternehmen und insbesondere Banken ein ausreichend dickes Eigenkapitalpolster benötigen:

Eine gewöhnliche Firma (und erst recht eine Bank) braucht Eigenkapital, um ihre Gläubiger im Bedarfsfall auszahlen zu können. Ein negatives Eigenkapital bedeutet, dass der Wert aller Anlagen nicht mehr ausreicht, alle Schulden zu begleichen. Generell, aber für eine Bank besonders wichtig: Ein ausreichend dickes Eigenkapitalpolster schafft Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens. Bei Banken reicht es bereits, wenn dieses Vertrauen in Frage gestellt ist, um sie in schwere Krisen zu stürzen: Weil dann die Einleger aus Angst sofort ihr Geld zurückerhalten wollen. Die Bank (und auch ein anderes Unternehmen) wird dann schnell illiquid. Das heisst, es fehlen die rasch verfügbaren Mittel, um die geforderten Auszahlungen vorzunehmen. In diesem Fall müsste sie Anlagen notfallmässig verkaufen – dann meist zu Preisen unter dem Wert der Anlagen – und sie wird kaum mehr Kredite (und Geld über die Kapitalmärkte) erhalten, die ihr sonst über die Liquiditätskrise hinaus helfen würden.

Der zentrale Punkt 3: Warum ein negatives Eigenkapital bei einer Zentralbank kein vergleichbares Problem darstellt:

Eine Notenbank hat – anders als ein gewöhnliches Unternehmen – das Problem, dass sie illiquide werden könnte, nicht. Ihre Zahlungsfähigkeit hängt schliesslich nicht vom Umfang ihres Vermögens im Verhältnis zu den Verbindlichkeiten ab. Sie kann die Liquididät – das heisst das Geld zur Begleichung ihrer Verbindlichkeiten – jederzeit selber schaffen und dies praktisch kostenlos. Anhand der Notenbankbilanz argumentiert: Die von der Nationalbank geschaffene Notenbankgeldmenge (bzw. Basisgeldmenge) erscheint dort als Verbindlichkeit der Notenbank (Fremdkapital) – aber diese «Schuld» muss die Nationalbank nie zurückzahlen, sie muss keinen Zins darauf entrichten und sie kann sie beliebig ausdehnen. Zu guter Letzt gibt es keine rechtlichen Bestimmungen, die der Nationalbank ein negatives Eigenkapital untersagen.

Punkt 5: Warum eine Notenbank langfristig immer Gewinn macht.

Das Zauberwort hier heisst «Seignorage»: Damit ist der monetäre Vorteil gemeint, den die Notenbank durch das Monopol geniesst, Geld aus dem nichts selber erschaffen zu können. Ein Vorteil, der einst mächtigen adligen «Seigneurs» zugestanden hat, daher der Begriff. Allgemein gesagt, kann die Notenbank so praktisch kostenlos Tauschwert schaffen. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass sie das selbst erschaffene Geld für Käufe von Rendite abwerfenden Anlagen verwenden kann, was ihr einen einfachen Gewinn ermöglicht. Die ständige Möglichkeit von solchen Gewinnen verringert die Bedeutung vorübergehender Verluste etwa auf Währungsreserven, die vorübergehend selbst das Eigenkapital aufzehren und ins Negative drücken können.

Punkt 6: Warum langfristig Eigenkapital eben doch wichtig ist.

Wäre kein Eigenkapital vonnöten und könnten Gewinne stets derart leicht erzielt werden, hätte die Nationalbank keine guten Gründe, den Kantonen selbst bei kleinen Reserven eine Gewinnausschüttung zu verweigern. Die bisherigen Argumente scheinen genau das zu besagen. Doch ganz so egal ist das fehlende oder negative Eigenkapital doch nicht – vor allem, wenn ein solcher Zustand lange anhält. Wenn die Notenbank anhaltend grosse Verluste schreibt – etwa weil der Wert der Devisenreserven ständig abnimmt oder weil sie neu geschaffenes Geld über eigene Anleihen (wie die SNB-Bills) abschöpfen muss, für die sie aber Zinsen bezahlt – dann stösst die «Seignorage-Möglichkeit» an Grenzen. Denn wenn die Notenbank laufend neues Geld druckt, nimmt der Wert dieses neuen Geldes laufend ab – was sich spiegelbildlich in einer steigenden Inflation zeigt. Und weil die Nationalbank in diesem Fall ihre Pflicht zur Stabilisierung des Preisniveaus nicht mehr einhält, riskiert sie nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch ihre Unabhängigkeit.