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Die Ökonomie der Weihnachts­geschenke

Markus Diem Meier

Beim Schenken geht es nicht nur um das Bedürfnis des Beschenkten. Foto: iStock

Auf den Einkaufsstrassen und in den Läden wird es enger. In der Vorweihnachtszeit steigt die Hektik und bei manchen die Verzweiflung, was sie denn nun für Geschenke kaufen sollen. Viele Läden machen in diesen Tagen das grösste Geschäft des Jahres.

Das bedeutet aber nicht, dass der weihnachtliche Kaufrausch aus wirtschaftlicher Sicht eine gute Sache ist. Der amerikanische Ökonom Joel Waldfogel hält ihn sogar für eine grosse Verschwendung, oder im Jargon der Zunft für einen «grossen Wohlfahrtsverlust» (Deadweight loss). Seine Argumentation findet sich in einem Artikel, den die renommierte «American Economic Revue» bereits im Jahr 1993 abgedruckt hat. Im Jahr 2011 erschien auch die deutsche Übersetzung von Waldfogels Buch zum Thema, mit dem Titel «Warum Sie diesmal wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen sollten».

Wie es zum Wohlfahrtsverlust kommt

Waldfogel argumentiert mit klassischer Mikroökonomie. Wer die Präferenzen einer anderen Person nicht perfekt kennt – was immer der Fall ist – der kann dem Empfänger kaum je das schenken, was dieser auch selbst am liebsten hätte. Und selbst wenn der Beschenkte im Voraus etwas wünschen darf, nennt er vielleicht nicht das, was er wirklich am liebsten hätte.

Was der Ökonom mit dem Wohlfahrtsverlust beim Schenken meint, kann man sich leicht vorstellen, wenn man schon einmal Produkte erhalten hat, die man beim besten Willen nicht brauchen kann. Als Schenkender hat man umgekehrt die Sorge, selber so etwas zu überreichen. Aber das Problem ist viel grösser: Selbst wenn ein Geschenk für den Beschenkten einen Nutzen stiftet, ist mit ihm oft ein Wohlfahrtsverlust verbunden. Wie Waldfogel durch Experimente zeigen konnte, würden die Beschenkten für ihr Geschenk meist weniger bezahlen, als die Schenkenden dafür ausgegeben haben. In diesem Sinn haben die Schenkenden Geld verschwendet.

Geld als genereller Gutschein

Eine gängige Lösung, mit diesem Problem umzugehen, liegt darin, Gutscheine zu verschenken. Dann kann der Beschenkte unter den gegebenen Möglichkeiten selbst etwas aussuchen. Aber auch hier bleibt seine Auswahl eingeschränkt. Der grösste Profiteur eines Gutscheins ist daher immer der Verkäufer, denn dieser kassiert den Betrag unabhängig davon, ob der Beschenkte das Geschenk auch nutzt.

Nötig wäre also ein allgemeingültiger Gutschein – also einer, mit dem der Beschenkte das einlösen kann, wofür er die grösste Präferenz hat. Diesem Gutschein kommt Geld am nächsten.

Obwohl Geld das ideale Geschenk ist, wenn der Nutzen des Beschenkten im Vordergrund steht, wird Geld selten geschenkt. Ein solches Geschenk gilt sogar als fantasielos, kalt und unangebracht.

Die Botschaft der Schenkenden

Fantasielos, kalt und unangebracht.  Solche Worte bringen uns auf die Spur, worum es beim Schenken wirklich geht: Nicht nur um die Beschenkten, sondern auch um die Schenkenden. Sie wollen mit ihrem Geschenk auch etwas über sich mitteilen. Die Schenkenden wollen beim Geschenkeaustausch an Weihnachtenzum Beispiel auf keinen Fall fantasieloser oder knausriger  erscheinen als andere. Der Austausch von Geld als Geschenk würde hier eine äusserst unerwünschte Transparenz schaffen. Und wenn tatsächlich alle den gleichen Wert schenken, wird die Schenkerei gänzlich absurd. Denn dann werden gleiche Beträge ausgetauscht, sodass man es gleich auch ganz lassen kann.

Mit einem Geschenk vermittelt der Schenkende bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt, weitere Botschaften: Er zeigt damit, wie originell, witzig, gescheit, feinfühlig oder reich er ist – oder er will mit dem Geschenk die Bindung zum Beschenkten stärken. 

Fazit:

Ginge es einzig darum, für die Beschenkten das für sie Nützlichste auszuwählen, wäre Geld das beste Geschenk. Aber beim Schenken geht es auch um den Nutzen des Schenkenden und um die Verbindung zwischen Geber und Empfänger.

Der Ökonom Joel Waldfogel definiert das ideale Weihnachtsgeschenk in seinem Buch so:

«Das ideale Weihnachtsgeschenk ist ein sorgfältig ausgewähltes Produkt, das dem Empfänger Freude bereitet, ihr oder ihm eine neue Konsummöglichkeit eröffnet und zudem dafür sorgt, dass zwischen Geber und Empfänger herzliche Gefühle strömen. Dem Empfänger eine Freude zu bereiten, bedeutet, ihm (oder ihr) etwas zu liefern, das er sich gewünscht hätte, wenn er davon gewusst hätte. Kurz gesagt: Das ideale Geschenk ist besser als Bargeld.»