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Die Ökonomie des Kindergelds

Markus Diem Meier

Eine grosse Familie muss man sich erst mal leisten können. Foto: iStock

Pro Kind erhält man in der Schweiz eine Familienzulage von mindestens 200 Franken. Für einen Beschäftigten hat das die gleiche Wirkung wie eine Lohnerhöhung um diesen Betrag pro Kind. 200 Franken unter der Etikette Kindergeld unterscheiden sich in nichts von 200 Franken Lohn, was die Kaufkraft betrifft. Es ist ebenso Geld wie jenes, das als Gehalt ausbezahlt wird.

Aus klassischer ökonomischer Sicht ist daher anzunehmen, dass die Empfänger das Geld nicht direkt für die Kinder verwenden. Gemäss dieser Analyse wird die Familie das Geld dafür verwenden, wofür sie den grössten Nutzen oder Bedarf hat. Für die Familie als Ganzes wäre es wenig rational, wenn für ein Kind Geld ausgegeben würde, das dieses weniger dringend benötigt als die Familie in einem anderen Lebensbereich.

Stossend ist allerdings, wenn das Geld für Zwecke ausgegeben wird, die den Kindern sogar schaden können: Etwa für den Alkoholkonsum der Eltern, für das Rauchen, für andere Drogen oder für Unterhaltungselektronik, die dafür sorgt, dass sich die Eltern für die Kinder weniger Zeit nehmen.

Dennoch: Eine gesonderte Betrachtung des Kindergeld-Einkommens wäre im Sinn des Wirtschaftsnobelpreisträgers Richard Thaler ein Beispiel für eine «mentale Buchführung» (Mental Accounting). Damit ist das oft zu beobachtende Verhalten gemeint, dass Menschen Geld verschieden wahrnehmen und ausgeben, je nachdem, wie sie dazu gekommen sind. Für Ökonomen ist das eine Verhaltensanomalie.

Kein systematischer Missbrauch

Wie nun eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus Deutschland zeigt, hat die Etikettierung als Kindergeld tatsächlich eine sehr starke Wirkung. Untersucht wurde, wie sich das Ausgabeverhalten der Eltern änderte, wenn sich die Höhe des Kindergeldes änderte, und ob Kindergeld anders als andere Zuschüsse verwendet wurde. Das Resultat: Die Eltern geben das Geld in der Regel gezielt für Bildungs- und Freizeitaktivitäten der Kinder aus und für eine Verbesserung der Wohnsituation.

Bei einer hypothetischen Erhöhung des Kindergelds um 100 € fliessen 14 € in eine höhere Miete. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder Turnangebote nutzen, steigt um 8% und jene, dass sie Instrumente erlernen, steigt bei unter Sechsjährigen um 7 und bei älteren um 11%. Mit 77% fliesst der grösste Teil des Geldes in den Konsum.

Auch mit Verweis auf weitere durchgeführte Untersuchungen stellen die Autoren fest, dass Eltern «auch bei einer angespannten Haushaltssituation den Ausgaben für ihre Kinder Priorität einräumen». Und das ist sogar in armen Ländern der Fall. Ein Anstieg der Ausgaben für Alkohol, Zigaretten oder Unterhaltungselektronik wurde dagegen nicht festgestellt.

Gerade weil Kindergeld letztlich wie zusätzliches Einkommen wirkt, das sich vom übrigen nicht unterscheidet, wurde schon vorgeschlagen, den Eltern Sachleistungen statt Geld für die Kinder zukommen zu lassen. Wie die Studienautoren argumentieren, ist das aber mit einem hohen administrativen Aufwand verbunden. Rund ein Drittel der Kosten dafür nähme die Verwaltung in Anspruch. Die Eltern wissen noch immer besser als ein Amt, was ihre Kinder am ehesten brauchen. Und die Studie zeigt, dass es keinen systematischen Missbrauch von Kindergeldern gibt.