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Die ökonomische Antwort auf die Krise

Andreas Neinhaus

Mehr Tests, weniger wirtschaftliche Schäden? Ein Corona-Drive-in-Testzentrum in Deutschland. Foto: Keystone

Erinnern Sie sich an den «Weissen Hai»? Im Kinoklassiker aus den Siebzigern lauert die unbekannte Gefahr vor den Stränden von Amity Island. Der lokale Polizeichef verfügt ein Badeverbot, um Anwohner und Feriengäste zu schützen. Das wird jedoch von den lokalen Wirtschaftsvertretern ausgehebelt, die um ihre Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft bangen. Bis der Hai zuschlägt und es Opfer gibt.

Parallelen zur gegenwärtigen Debatte über Verbote und ihre Folgen sind nicht zu übersehen. Je länger sich die Schliessungen im Kampf gegen das Coronavirus hinziehen, umso grösser fallen die wirtschaftlichen Schäden aus. Dänemark und Österreich planen nun, die Einschränkungen zu lockern. Die eine Seite applaudiert, weil sie die drakonischen staatlichen Einschränkungen schon seit längerem kritisiert. Die andere fürchtet, dass die Lockerung zu früh kommt und die Krankheitsfälle wieder zunehmen könnten. In dem Fall sähen sich die Befürworter einer Lockerung umgehend dem Vorwurf ausgesetzt, fahrlässig gehandelt zu haben. Im Zentrum steht ein «Trade-Off» zwischen dem Schutz der Bevölkerung und ökonomischem Interesse.

Aber befinden wir uns wirklich in einer Lage, in der nur ein Entweder-oder zur Option steht? Im Film macht sich der Polizeichef auf, den Hai persönlich zu besiegen. Und es wäre nicht Hollywood, wenn ihm das am Ende nicht gelänge. Die Realität in Zeiten der Corona-Krise ist komplexer. Es geht nicht darum, ob Gesundheit oder Ökonomie vorgeht. Vielmehr muss eine Strategie gefunden werden, die den Schutz vor einer Erkrankung unverändert hoch hält (oder sogar erhöht) und gleichzeitig den wirtschaftlichen Schaden gegenüber der aktuellen Situation deutlich verringert.

Der US-Ökonom Paul Romer sagt, dass er die Lösung dafür gefunden hat. Er empfiehlt, die Kapazitäten, um die Bevölkerung auf das Coronavirus zu testen, massiv auszubauen und zu verbessern. Und das sehr schnell.

Er kommt zum Schluss, dass ein Land wie die USA permanent etwa 7% der Einwohner Tests unterziehen muss, um die Ansteckung wirksam in den Griff zu bekommen. Ob das möglich ist? Romer ist überzeugt davon. Aber bevor wir zu diesem Punkt kommen, lohnt es sich, anzuschauen, wie Romer zu dieser Zahl gelangt.

Die Kalkulation

Er geht davon aus, dass das Virus sich mit einer Geschwindigkeit von 2,5 ausbreitet. Infiziert sich eine Person, dann haben es bald 2,5 Personen und so weiter. Entscheidend ist daher, die Ansteckungsquote auf unter 1 zu reduzieren. Nur so kann eine Gesellschaft mit dem Virus leben. Um zu erreichen, dass die Ansteckungsrate von 2,5 auf 0,75 zurückgeht, muss sichergestellt sein, dass täglich durchschnittlich 70% der Infizierten in eine 14-tägige Quarantäne geht.

Und wie lässt sich das erreichen? Indem sich 7% der Bevölkerung einem Test unterziehen. Er nutzt dazu eine simple Multiplikationsformel:

7% der Bevölkerung  x  Fehlerquote der Tests von 30%  x  14 Tage. Also: 0,07  x  0,7  x  14 = 0,69.

Werden jeden Tag 7% der Landesbevölkerung auf das Coronavirus getestet – wobei diese Tests nur etwa 70% der Fälle zutage fördern – und wandern dann die Infizierten für 14 Tage in Isolation, dann ist garantiert, dass landesweit 69% der Covid-19-Träger täglich in Quarantäne treten und so die ursprüngliche Ansteckungsrate von 2,5 auf 0,75 abnimmt.

Vertrauen in die Innovation

Ist Romers Ansatz realistisch? Gegenwärtig werden 10- bis 20-mal weniger Tests durchgeführt, als seine Kalkulation vorsieht. Romer hält das für machbar. Mit gezielten Investitionen in die Informationsverarbeitung könne bereits in ein, zwei Monaten ein enormer Effizienzgewinn erzielt werden. Man dürfe das nicht verwechseln mit dem Ausbau der Speicherkapazität von Batterien oder der Verschiebung von Masse zwischen Kontinenten, die sich viel langsamer potenzieren lasse.

Romer sollte wissen, wovon er spricht. Seit Jahrzehnten erforscht er den Zusammenhang zwischen Wissen, Innovation und wirtschaftlichem Potenzial. 2018 erhielt er dafür den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. In der Corona-Krise berät er derzeit den Gouverneur von New York, Andrew Cuomo.

Keine Zeit verlieren

Entscheidend ist, dass keine Zeit verloren wird. Je länger die Wirtschaft stillsteht, umso grösser ist die Gefahr, dass permanente Wohlstandsverluste eintreten. Unternehmen gehen in Konkurs, Arbeitnehmer verlieren ihre Stelle.

Romer rät deshalb davon ab, sich mit Alternativen wie digitalem sozialem Tracking über Apps und Handydaten aufzuhalten. Der soziale Konsens dafür fehle, und es werde nur eine politische Debatte über Datenschutzrechte losgetreten, die Monate daure und Zeit koste. Bis heute fehle zudem der mathematische Beweis, welchen Vorteil die digitale Strategie bringe.

Auch die Überlegung, die Immunität zu testen, hält Romer für zu wenig effizient. Staaten streben an, die Infektionsrate gering zu halten. Werde getestet, ob Menschen immun sind, weil sie Antikörper gegen das Virus gebildet haben, betreffe das folglich immer nur einen geringen Teil der Bevölkerung. Werde Immunität zur Bedingung erklärt, um Menschen wieder zur Arbeit gehen zu lassen, dann würden zu wenige davon profitieren. Und das verschleppe die dringend benötigte Wirtschaftserholung.

Der Ökonom ist sich deshalb sicher: Die Übertragungsrate des Virus unter den Faktor 1 zu bekommen, ist die wirksamste Strategie – auch langfristig. Nur wenn permanent und umfassend auf Neuinfektionen getestet wird, lässt sich das Virus unter Kontrolle bringen – auf Monate und gar auf Jahre hinaus. Dann lassen sich auch mit gutem Gewissen, die Ausgehverbote und Schliessungen lockern, damit die Wirtschaft endlich wieder Tritt fasst.