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Die ökonomischen Schattenseiten der Migration

Markus Diem Meier

Wenn die Gewinner der Globalisierung den Verlierern die Solidarität aufkündigen, entstehen Protestbewegungen wie jene der Gelbwesten in Frankreich. Foto: Guillaume Horcajuelo (Keystone)

Vier Freiheiten bilden die Grundlage des Binnenmarktes der Europäischen Union: der freie Warenverkehr, der freie Kapitalverkehr, der freie Dienstleistungsverkehr und der freie Personenverkehr. Die Binnenmarkt-Idee ist ein Kind des Denkens aus den 80er- und 90er-Jahren, als die Überzeugung vorherrschte, komplett offene, grenzüberschreitende Märkte seien letztlich im Interesse aller. Es war die hohe Zeit der Globalisierung.

Es kam anders. Und die Ökonomen haben dazugelernt. Dass ein freier Güterverkehr etwas ganz anderes ist als ein vollkommen freier Kapitalverkehr und dass Letzterer die Vorteile nicht teilt, die der Freihandel mit sich bringt, ist nach einer Reihe internationaler Finanzkrisen mittlerweile weitgehend unbestritten.

Noch problematischer ist aber der freie Personenverkehr. Damit ist wie beim Kapitalverkehr nicht gemeint, dass eine vollkommen abgeschottete Wirtschaft besser prosperieren würde – das Gegenteil wäre der Fall. Problematisch ist eine komplette Offenheit.

Und beim Personenverkehr ist es noch schwieriger, das Thema nüchtern zu debattieren, weil rasch der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit im Raum steht – und weil zuweilen Migration mit Hilfe für Menschen in Not und mit der Aufnahme von Flüchtlingen verwechselt wird. Der freie Personenverkehr hat sich bereits zu einer der grössten politischen Schwierigkeiten für die EU entwickelt. Die Forderung nach dieser Öffnung ist nicht nur ein wesentlicher Grund für die Schwierigkeiten in den Beziehungen mit der Schweiz, sie hat auch einen entscheidenden Anteil am Brexit und dem mit ihm verbundenen Chaos. Und sie belastet die Politik innerhalb der Länder der EU.

Unternehmen profitieren am meisten

Es wäre deshalb nicht nur unfair, sondern auch politisch unklug, die wachsenden Zweifel am freien Personenverkehr allein als Ausdruck einer xenophoben Ideologie abzutun. Es gibt im Gegenteil sehr gute ökonomische Gründe, es damit nicht zu übertreiben. Eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Probleme, zu denen eine zu weit gehende Öffnung führt, liefert der britische Ökonom Paul Collier in einem Unterkapitel seines Buches «Future of Capitalism».

Von der Migration profitieren in ökonomischer Hinsicht vor allem die Migranten selbst. Ihr Ursprungsland hingegen hat dann einen Nachteil, wenn damit wertvolles Wissen verloren geht und die Migranten das nicht durch Einkommenstransfers in die Heimat ausgleichen: Collier nennt als Beispiel einen sudanesischen Arzt, der als Taxifahrer in London arbeitet. Das kommt einer grossen Verschwendung wichtiger Ressourcen gleich.

Ein vollkommen freier Personenverkehr würde das Angebot an Beschäftigten aller Qualifikationsstufen im Einwanderungsland vervielfachen. Unternehmen haben damit einen Vorteil, weshalb sie sich meist für eine ungehinderte Migration starkmachen. Doch bei den inländischen Beschäftigten sind sehr unterschiedliche Folgen zu erwarten: Hochqualifizierte – vor allem in Metropolen –, die durch Zugewanderte nicht verdrängt werden, profitieren ebenfalls: von der höheren Produktivität, dem Wachstum und der gesteigerten Innovationsstärke, die mit dem vergrösserten Fähigkeitspool dank der Zuwanderung verbunden sind. Ihre Leistung wird in diesem stärkeren Netzwerk wertvoller. Ihr Einkommen wird deshalb tendenziell steigen. Dieser Effekt wurde für die Schweiz bereits in einer Studie aufgezeigt.

Ganz anders sieht das Bild für die Hochqualifizierten – und erst recht für die weniger Qualifizierten – aus, die durch die Migranten verdrängt werden. Ihre Jobmöglichkeiten und ihr Einkommen werden sinken. Und sie werden tendenziell aus den Metropolen verdrängt.

Schwindende Solidarität

Collier weist aber noch auf einen weiteren entscheidenden Effekt hin. Eine zu weit gehende Migration unterminiert – nicht zuletzt durch den beschriebenen Effekt auf dem Arbeitsmarkt – das gegenseitige Verantwortungsgefühl in einer Gesellschaft und damit die Bereitschaft vor allem der Bessergestellten, für die Mitbürger des eigenen Landes Verpflichtungen einzugehen. Der Ökonom verweist auf Untersuchungen, die zeigen, dass die Akzeptanz von Steuern, die für einen Ausgleich im Land sorgen, mit einem steigenden Migrationsanteil abnimmt. Die hochqualifizierten inländischen und eingewanderten Eliten identifizieren sich dann stärker mit ihresgleichen weltweit als mit den übrigen Bürgern des eigenen Landes. Diese Tendenz zum Bruch der hergebrachten inländischen Solidarität nehmen die Verlierer dieser Öffnung wahr, und sie wehren sich dagegen.

Das kann zu politischen Wirkungen führen, die wirtschaftlich grossen Schaden anrichten. Das Paradebeispiel ist der Brexit in Grossbritannien. So war es wenig überraschend, dass in London die Beschäftigten mit der höchsten Qualifikation am stärksten für den Verbleib in der EU stimmten, während die Beschäftigten im «Hinterland» und die weniger Qualifizierten in London mehrheitlich für den Austritt waren. Das Abstimmungsverhalten hat gemäss dieser Analyse wenig mit einem tieferen Verständnis für grosse Zusammenhänge zu tun, sondern lässt sich mit den ökonomischen Wirkungen der Migration perfekt erklären – und den Nachteilen, die sie für einen grossen Teil der Bevölkerung hat.