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Die Schweiz – reich und damit glücklich?

Mathias Binswanger

Wer alles hat, der darf sich nicht beklagen. Foto: Bruce Mars (Pexels)

Gerade beginnen die Sommerferien, was viele von uns dazu verleitet, die Schweiz temporär in Richtung Ausland zu verlassen. Und wenn wir dann nach Tagen oder Wochen aus den Ferien zurückkommen, sind wir immer wieder überrascht, wie glücklich die Menschen hierzulande doch sind. Vom Bodensee bis an den Lac Léman sieht man lachende, fröhliche Gesichter.

Wirklich? Was ist denn das für ein Unsinn, werden sich jetzt die meisten Leserinnen und Leser zu Recht fragen. Lachende, fröhliche Gesichter und die Schweiz, das passt doch nicht zusammen? Doch eigentlich müsste es so sein. Wenn man den Statistiken glaubt, gehören die Schweizerinnen und Schweizer zu den glücklichsten Menschen der Welt. Gemäss dem jährlich erscheinenden World Happiness Report sind wir gemeinsam mit den skandinavischen Ländern stets ganz vorn mit dabei. Eine Tatsache, die uns selbst wahrscheinlich am meisten überrascht.

Vor den USA oder Luxemburg

Ein paar objektive Erklärungen für das gute Abschneiden lassen sich durchaus finden. Als Erstes kommt uns vermutlich das im internationalen Vergleich hohe Durchschnittseinkommen der Schweizer Bevölkerung in den Sinn. Doch dessen Einfluss auf das Glück ist beschränkt. Zwar lässt sich damit erklären, weshalb wir in der Schweiz glücklicher sind als Menschen in Äthiopien oder Bangladesh. Aber es hilft uns nicht, zu verstehen, warum Schweizer im Ranking besser abschneiden als beispielsweise US-Bewohner.

Wenn das durchschnittliche Einkommen in einem Land einmal ein bestimmtes Niveau erreicht hat, dann hängt das Glück zunehmend von anderen Faktoren ab. Das sehen wir etwa am Beispiel von Luxemburg, welches zwar das weitaus höchste Bruttoinlandprodukt pro Kopf aufweist, aber im World Happiness Ranking noch nie über Rang 14 hinausgekommen ist.

Das Unglückspotenzial der Arbeitslosigkeit

Mehr als das Einkommen trägt die tiefe Arbeitslosigkeit und die damit verbundene hohe Arbeitsplatzsicherheit zum Glück der Schweizerinnen und Schweizer bei. Denn wer arbeitslos wird, ist im Normalfall auch nicht mehr glücklich. Kein anderer Faktor hat ein statistisch so gut erfasstes Unglückspotenzial wie Arbeitslosigkeit. Während von der gesamten Bevölkerung in der Schweiz nur knapp 4 Prozent angeben, dass ihre Zufriedenheit mit dem Leben gering ist, sind es bei den Arbeitslosen 24 Prozent und damit fast ein Viertel.

Das liegt allerdings nicht zwingend daran, dass diese Menschen so wahnsinnig gern gearbeitet haben und es nachher vermissen, wenn sie nicht mehr jeden Morgen früh aufstehen dürfen, um dann gestresst einer oft wenig sinnstiftenden Tätigkeit nachzugehen. Es liegt vielmehr auch an dem mit der Arbeit eng verknüpften Selbstwertgefühl und dem gesellschaftlichen Ansehen. Ist die Arbeit einmal weg, dann verschwinden häufig auch Selbstachtung und Ansehen, und so bleibt auch das Glück auf der Strecke.

Aber es geht nicht nur um die Menschen, die tatsächlich arbeitslos werden. Eine hohe Arbeitslosigkeit sorgt auch bei den Beschäftigten für Unsicherheit und Angst, selbst arbeitslos zu werden. Deshalb ist die hohe Arbeitsplatzsicherheit für die gesamte Schweizer Bevölkerung ein entscheidender Glücksfaktor.

Man darf sich nicht beklagen

Doch mit dem bisher Gesagten haben wir noch nicht erklärt, warum die Schweizer auf dem Papier viel glücklicher zu sein scheinen als in der Realität. Wenn wir die Zahlen etwas genauer anschauen, lässt sich erkennen, dass in erster Linie die Deutschschweizer für das hohe durchschnittliche Glücksempfinden der Schweizer Bevölkerung sorgen. Die Deutschschweizer Bevölkerung schneidet bei Glücksbefragungen Jahr für Jahr besser ab als die Romands oder die Tessiner. Doch ist der Röstigraben tatsächlich eine Glücksscheide?

Wohl kaum. In der Deutschschweiz scheint der sogenannte «social desirability bias» besonders stark ausgeprägt zu sein. Die Menschen geben bei Umfragen zu positive Antworten, weil sie sich verpflichtet fühlen, glücklich zu sein, auch wenn sie es in Wirklichkeit gar nicht sind. Schliesslich hat man alles, und man darf sich nicht beklagen.

Die Mentalität drückt durch

In den westlichen und südlichen Teilen der Schweiz ist das Gefühl, zufrieden sein zu müssen, hingegen weniger ausgeprägt. Vielmehr sind diese Landesteile schon durch eine mediterrane Mentalität angesteckt, wo Unzufriedenheit auch bei Umfragen lustvoll zelebriert wird. Dies erklärt dann auch, weshalb Länder wie Frankreich und vor allem Italien bei internationalen Glücksvergleichen stets schlecht abschneiden. So liegt Italien im neusten World Happiness Report wie üblich weit abgeschlagen auf Platz 36. Das kann man nur verstehen, wenn man auch die Mentalität mitberücksichtigt.

Als Fazit können wir somit festhalten: Das hohe Glücksniveau in der Schweiz lässt sich teilweise mit ökonomischen Bedingungen erklären. Doch ein anderer Teil wird durch den «social desirability bias» der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer verursacht, welche bei Glücksumfragen zu positive Antworten geben. Glücksrankings und das dort gute Abschneiden der Schweiz sollten deshalb mit Vorsicht interpretiert werden.