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Blogs / Never Mind the Markets

Die Sorgen-Formel der Zukunft

Markus Diem Meier

Wie es mit den Einkommen in der Zukunft weitergeht, hängt wesentlich von der Produktivität ab – aber nicht nur. Ein Blick auf den Gesamtzusammenhang gibt Anlass zur Sorge.

Während das Thema einer vierten industriellen Revolution die Business-Welt beschäftigt, wie kaum ein anderes – selbst das WEF in Davos stand unter diesem Motto – zweifelt der Ökonom Robert Gordon daran. Das war auf diesem Blog schon hier, hier und hier Thema. Genau genommen zweifelt Gordon nicht am technologischen Fortschritt an sich, aber an seiner Wirkung auf die Produktivität. In einem neuen Wälzer geht er ausführlich darauf ein. In einem Interview konnte ich ihn auf seine wichtigsten Aussagen darin ansprechen.

Für Gordons Analyse spricht die Entwicklung der Produktivität. Eine technologische Revolution müsste diese explodieren lassen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Seit 2003 ist sie deutlich am Schrumpfen. Nun werden eine Reihe von Gegenargumenten vorgebracht, wie etwa, dass eben der Effekt der neuen Technologien auf die Produktivität schlecht gemessen werde oder dieser sich noch nicht im vollen Umfang zeige. Diese spannende Debatte steht aber nicht im Vordergrund dieses Beitrags.

Der grössere Zusammenhang

Thema ist vielmehr die Bedeutung der Produktivität im grösseren Zusammenhang wirtschaftlicher Entwicklung. Dieser im Kern simple Zusammenhang macht deutlich, dass weitere deutliche Steigerungen der Produktivität notwendig sind, wenn wir unseren Lebensstandard nur schon halten wollen und dass dieser sinkt, wenn die Produktivität zu wenig zunimmt. Schauen wir dazu die folgende Schicksal-Formel an:

Die Formel besagt, dass das Einkommen pro Kopf (Gesamtproduktion bzw. Gesamteinkommen Y – das Bruttoinlandsprodukt – geteilt durch die Gesamtbevölkerung N)…

  1. …von der Arbeitsproduktivität abhängt, die an der Produktion pro gearbeitete Stunde gemessen wird (Produktion Y geteilt durch insgesamt gearbeitete Stunden H). Wichtigster Treiber der Produktivität ist der technologische Fortschritt.
  2. …auch vom Anteil der gearbeiteten Stunden pro Kopf abhängt (insgesamt gearbeitete Stunden geteilt durch die Gesamtbevölkerung).

Die drei Striche statt dem üblichen Gleichheitszeichen stehen übrigens für eine Identität, da tatsächlich auf beiden Seiten mathematisch dasselbe steht, denn kürzt man rechts das H heraus, erhält man den Ausdruck links.

Das Einkommen pro Kopf geht also nicht nur zurück, wenn die Produktivität schrumpft, sondern auch dann, wenn in einer Gesellschaft insgesamt weniger gearbeitet wird. Umgekehrt formuliert muss die Produktivität umso stärker steigen, je mehr die gearbeiteten Stunden pro Kopf sinken, wenn das Pro-Kopf-Einkommen gehalten werden soll. Dass die Menschen in den entwickelten Volkswirtschaften im Durchschnitt deutlich weniger lange Arbeiten als früher und dennoch reicher sind, liegt hauptsächlich daran, dass die Produktivität vor allem im letzten Jahrhundert sehr stark zugenommen hat.

Das Demographieproblem

Um die Herausforderungen für die Zukunft noch etwas besser zu verdeutlichen, bauen wir den letzten Ausdruck mit den gearbeiteten Stunden pro Kopf wie unten gezeigt etwas um (wir multiplizieren und teilen gleichzeitig mit E und L) und erhalten wiederum eine Identität, die uns weitere Einblicke ermöglicht:

Die gearbeiteten Stunden pro Person ergeben sich…

  1. …über die gearbeiteten Stunden je tatsächlich in einem Arbeitsprozess Beschäftigten (Gesamtstunden H geteilt durch Beschäftigte E).
  2. …aus dem Anteil der in einem Arbeitsprozess Beschäftigten E an der gesamten arbeitsfähigen Bevölkerung L. Die Differenz von L – E sind daher alle Arbeitsfähigen, die nicht arbeiten, inklusive den offiziell Arbeitslosen.
  3. …aus dem Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung L an der Gesamtbevölkerung N. Die Differenz N – L sind daher alle nicht der Arbeitsbevölkerung zugehörigen Personen, wie Kinder oder Senioren.

Die Formel erweitert bloss den oben bereits beschriebenen Zusammenhang zur Produktivität:

Je kürzer die Arbeitszeit der Beschäftigten und/oder je geringer der Anteil der Beschäftigten an der Arbeitsbevölkerung und/oder je geringer der Anteil der Arbeitsbevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist, je kleiner ist der Anteil gearbeiteter Stunden pro Person und entsprechend geringer fällt auch das Einkommen pro Kopf aus – ausser all diese Effekte werden durch eine entsprechend höhere Produktivität kompensiert.

Der letzte Ausdruck (Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung) hat für die Zukunft eine besonders grosse Bedeutung. Die demographische Entwicklung lässt erwarten, dass er sinkt. Der Anteil der Senioren wird zu- und damit der Anteil der Arbeitsbevölkerung abnehmen. Ohne einen entsprechenden Anstieg der Arbeitszeiten der Beschäftigten bzw. ohne einen Anstieg des Anteils der Beschäftigten an der Arbeitsbevölkerung bzw. ohne eine durch Einwanderung wieder wachsende Arbeitsbevölkerung werden deshalb die gearbeiteten Stunden pro Kopf ebenfalls zurückgehen. Nochmals: Nur ein entsprechender Anstieg der Arbeitsproduktivität kann dann verhindern, dass das Einkommen pro Kopf sinkt.

Die Bedeutung der Ungleichheit und des verfügbaren Einkommens

Die Betrachtung durch die obige Formel lässt einen zentralen Aspekt aus: Das so berechnete Einkommen pro Kopf zeigt nicht, wie viel an Einkommen jemand in der Bevölkerung tatsächlich zur Verfügung hat. Das heisst, sowohl die Verteilung der Einkommen, wie auch Abzüge in Form von Steuern und andere Abgaben, die das verfügbare Einkommen schmälern, bleiben unberücksichtigt.

Sind die Einkommen zum Beispiel sehr ungleich verteilt, liegt das Einkommen pro Kopf als Durchschnittseinkommen deutlich höher als dasjenige das die meisten Menschen tatsächlich erhalten. Ein besseres Mass für letzteres ist das so genannte Median-Einkommen. Das ist jenes Einkommen, das jemand in der Mitte der Einkommensverteilung erhält (Die Hälfte bekommt weniger, die andere Hälfte mehr). Je grösser die Ungleichheit ist, desto mehr übersteigt das Durchschnittseinkommen das Median-Einkommen.

Die Bedeutung von Steuern und Sozialabgaben stehen ebenfalls im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel: Ein grösserer Anteil der Bevölkerung im Alter führt erwartungsgemäss zu höheren Kosten für Pflege und Sozialversicherungen und einem geringeren Anteil an Arbeitseinkommen, die besteuert werden können. Beides für sich führt zu einer höheren Abgabenlast auf den Einkommen der Aktivbevölkerung.. Die Folge ist ein (noch) geringeres verfügbares Einkommen des (Median-)Lohnempfängers.

Robert Gordon hat alle Effekte für die USA in seinem Buch geschätzt, wobei er ein seiner Ansicht nach optimistisches Produktivitätswachstum von 1,2 Prozent pro Jahr zwischen 2015 und 2040 annimmt (siehe die rechte Spalte in der Tabelle unten aus dem erwähnten Buch von Gordon). Weil es sich um Wachstumszahlen handelt, müssen alle in den obigen Formeln multiplizierten Einflussfaktoren auf das Pro-Kopf-Einkommen nun summiert (bzw. subtrahiert) werden. So senkt gemäss der Schätzung ein erwarteter Rückgang der gearbeiteten Stunden pro Person das Pro-Kopf-Einkommen um 0,4 Prozent jährlich. Die Ungleichheit (Laut Gordon vor allem in den USA ein Problem) führt zu einem weiteren Abzug von 0,4 Prozent vom Durchschnitts-Pro-Kopf-Einkommen, um den entsprechenden Median-Wert zu erhalten. Die höhere Abgaben werden laut Gordons Schätzung zu einem weiteren Abzug von 0,1 Prozent pro Jahr führen. Im Ergebnis bleibt gerade noch ein Wachstum des verfügbaren jährlichen Median-Einkommens von 0,3 Prozent bis 2040 – deutlich weniger als 1,46 Prozent pro Jahr in den letzten 45 Jahren und 2,25 Prozent pro Jahr von 1920 bis 1970 (erste und zweite Spalte).

Wie realistisch die Schätzungen Gordons tatsächlich sind, ist nicht zentral: Das Beispiel macht vor allem klar, dass eine stark ungleiche Verteilung und steigende Steuer- und Sozialabgaben das Problem eines zu geringen Produktivitätswachstums noch verschärfen. Umgekehrt formuliert machen Produktivitätssteigerungen Lösungen potenziell einfacher: Die Umverteilung eines wachsenden Kuchens lässt sich besser umsetzen und künftig höhere Kosten lassen sich eher, bzw. mit weniger Abstrichen bei den verfügbaren Einkommen finanzieren.