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Die Stunde der Pessimisten

Andreas Neinhaus

Düstere Aussichten: Deutschlands Industrieproduktion ist weiterhin rückläufig. (Foto: iStock)

Viel schlechter hätten die Wirtschaftsnachrichten zum Jahresbeginn nicht ausfallen können. Aus Deutschland wurde diese Woche gemeldet, dass die Industrieproduktion auch im November deutlich zurückgegangen ist. Sie sank um 1,9% gegenüber dem Vormonat. Bereits im Oktober wurde die Produktion zurückgefahren.

Damit schwindet die Chance auf ein gesundes Wachstum der deutschen Gesamtwirtschaft im Schlussquartal 2018. Konjunkturforscher hofften, dass der überraschende Rückgang des deutschen Bruttoinlandprodukts im dritten Quartal (Juli/August/September) rasch ausgeglichen würde. Es sank damals –0,2% gegenüber dem zweiten.

Nun warnen Ökonomen bereits vor einer «technischen Rezession» in Deutschland. Dazu genügen zwei BIP-Quartalsrückgänge in Folge. Die Befürchtung passt zu den trüben Aussichten, die den Übergang ins neue Jahr prägen. Derzeit schlägt die Stunde der Pessimisten. Sie verfügen über die besseren Argumente. Leitzinserhöhungen werden inzwischen weitgehend ausgeschlossen. Aktien stehen überall auf der Verkaufsliste, sichere Staatsanleihen sind sehr hoch bewertet.

Abschwung nach unten verzerrt

Es ist nicht zu leugnen, dass die Weltwirtschaft langsamer wächst. Die globale Konjunktur kühlt sich seit dem zweiten Halbjahr 2018 ab, wie der untenstehende Chart zeigt. Offen bleibt jedoch, wie viel davon auf das Konto von einmaligen Sonderfaktoren geht, die den gegenwärtig sichtbaren Abschwung vorübergehend nach unten verzerren.

Quelle: Thomson Reuters

So haben in Europa Lieferstopps der Autohersteller beträchtlich zu den Negativwerten beigetragen. Dahinter steckt die Dieselaffäre. Um Schummeleien bei den Abgastests künftig zu verhindern, wurde ein neues Prüfverfahren eingeführt, die «Worldwide Light-Duty Vehicles Test Procedure». Wegen der Ungewissheit rund um die Umstellung drosselten die Hersteller die Produktion. Die Zahl der ausgelieferten Fahrzeuge sank drastisch. Wegen des Gewichts der Fahrzeugindustrie und deren internationaler Verflechtung über Zulieferer im Ausland, schlug sich das umgehend im in- und ausländischen Wirtschaftswachstum nieder.

Auch die Schweiz ist betroffen. Dort ist das Bruttoinlandprodukt u.a. deswegen im dritten Quartal gegenüber dem zweiten gesunken. Doch es waren noch weitere besondere Faktoren am Werk: IOK und Fifa hatten im ersten Halbjahr enorme Lizenzeinnahmen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen und der Fussball-WM verzeichnet, die das BIP aufblähten, im dritten Quartal jedoch ausblieben. Selbst der heisse Sommer bremste den BIP-Ausweis signifikant: Die Herbstkollektion im Detailhandel fiel praktisch aus, und wegen der Trockenheit produzierten Wasserkraftwerke weniger Elektrizität, sodass mehr Strom importiert werden musste.

Konjunkturforscher sind gefordert

Sonderfaktoren und Ausnahmesituationen haben den Abschwung somit überzeichnet. Aus diesem Grund sind Konjunkturforscher im neuen Jahr besonders gefordert. Sie müssen die eintreffenden Daten zweimal umdrehen, bevor sie Rückschlüsse auf die Wirtschaftsentwicklung treffen: Setzt sich der zyklische Abschwung unvermindert fort oder laufen die negativen Sondereffekte aus und stabilisiert sich die Konjunktur?

Dass das in der Praxis gar nicht so einfach ist, zeigen ebenfalls deutsche Wirtschaftsdaten, die diese Woche veröffentlicht wurden. Die Auftragseingänge sind im November überraschend stark gefallen. Auf den ersten Blick spricht das für eine Fortsetzung des negativen Trends und eine Bestätigung der Rezessionsangst. Bei näherer Betrachtung ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Interessant ist die Analyse der Commerzbank. Sie präzisiert:

«Der deutliche Rückgang der Euro-Orders ist hauptsächlich eine Korrektur der sehr starken Auftragseingänge aus der Luft- und Raumfahrtindustrie im Oktober. Deshalb ist dies also keine Hiobsbotschaft für die deutsche Industrie, zumal die Aufträge aus dem Inland und dem aussereuropäischen Ausland mit jeweils über 2% recht ordentlich gestiegen sind.»

Es lohnt sich, die Augen offen zu halten – und beispielsweise zu verfolgen, ob die negativen Sondereffekte auslaufen. Bei den Autoverkäufen in Europa ist bereits eine leichte Aufhellung auszumachen.

Ein verlässliches Signal dafür, dass die globale Konjunktur tatsächlich erneut Fuss fasst, wäre das Anziehen der Rohstoffpreise. Eine Entspannung bei den US-chinesischen Handelsgesprächen könnte hierbei Wunder wirken und auch die politischen Ängste deutlich verringern.

Dies wären Signale, dass die Zeit für die grössten Schwarzseher abgelaufen ist und an den Aktien- und Anleihenmärkten die nächste Welle der Neupositionierung einsetzt.