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Die grösste Gefahr für die Weltwirtschaft

Mark Dittli

Erhöht sie im nächsten Jahr die Zinsen? Die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, hat die Erwartungen jedenfalls nicht gedämpft. Foto: Keystone

Der amerikanische Investor Warren Buffett liebt Bonmots. Eines davon: «Erst bei Ebbe zeigt sich, wer ohne Badehosen schwimmt.»

An den Weltfinanzmärkten findet derzeit eine der wichtigsten Gezeitenänderungen seit Jahren, möglicherweise sogar seit Jahrzehnten statt. Der Grund: Der Dollar steigt.

Seit Mitte 2014 hat der Dollar-Index, der den handelsgewichteten Wert der amerikanischen Währung zeigt, um rund 12 Prozent zugenommen. Einer der Gründe für den Dollaranstieg ist die an den Finanzmärkten mittlerweile fest verankerte Erwartung, dass die US-Notenbank im kommenden Jahr beginnen wird, die Zinsen zu erhöhen.

Am Mittwoch hat Fed-Chefin Janet Yellen keine Andeutungen gemacht, dass diese Erwartung verfehlt sein könnte. Daher gilt: Die Aussicht auf höhere Zinsen zieht Kapital in die USA.

Wieso aber ist ein steigender Dollar ein Problem für das Weltfinanzsystem?

Die Antwort ist so simpel wie beängstigend: Zahlreiche Unternehmen aus Schwellenländern (Emerging Markets) von Brasilien bis China haben sich im Verlauf der vergangenen fünf Jahre einem beispiellosen Kreditexzess hingegeben (in diesem Blogbeitrag mehr zu dieser monströsen Entwicklung). Sie haben sich verschuldet. Und das in Dollar, einer Währung, die nicht ihre eigene ist.

Es ist immer eine potenzielle Gefahr, wenn man sich in einer fremden Währung verschuldet. Steigt nämlich der Wert dieser Währung in Relation zur Heimvaluta, so steigt die Schuldenlast für den Schuldner (hier mehr zu dieser «Mutter aller Sünden»).

Und genau das geschieht in den Emerging Markets momentan. Die Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigen sich in ihrem aktuellen Quartalsbericht überaus besorgt über diese Entwicklung.

Zunächst einige Zahlen (Quelle: BIZ):

  • Das Gesamtvolumen an Dollarkrediten, die in Emerging Markets gewährt wurden, hat sich seit 2009 auf 4000 Milliarden verdoppelt. Kredite an Finanzinstitute sind in dieser Summe nicht enthalten.
  • Chinesische Unternehmen haben aktuell Dollarschulden von 1100 Milliarden ausstehen. Vor fünf Jahren waren es nahezu null.
  • Russische Unternehmen sind mit 751 Milliarden Dollar verschuldet.
  • Brasiliens Dollarschulden belaufen sich auf 461 Milliarden oder 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes.
  • Mexikos Dollarschulden belaufen sich auf 381 Milliarden oder 30 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Auch Staaten wie Kolumbien und Indonesien sind betroffen.

Nun sind die Währungen all dieser Staaten gegenüber dem Dollar ins Rutschen geraten, wie der Kommentator Grant Williams in seinem stets sehr lesenswerten «Things That Make You Go Hmmm…»-Report zeigt.

Hier der Kursverlauf des russischen Rubels und des brasilianischen Reals:

Hier der mexikanische Peso:

Und hier, am wichtigsten, der chinesische Renminbi zum Dollar:

All diese Währungen werten sich gegenüber dem Dollar ab. Jahrelang hat sich der Renminbi aufgewertet, doch nun hat ihn die People’s Bank of China bewusst etwas abschwächen lassen.

Für die in Dollar verschuldeten Unternehmen von Brasilien bis China ist das eine brutale Entwicklung. Sie erwirtschaften ihren Cashflow in ihrer Heimwährung, doch ihre Verbindlichkeiten müssen sie in Dollar bezahlen. Möglicherweise werden sich daher schon bald die Schlagzeilen häufen, wonach Grosskonzerne aus Emerging Markets Mühe bekunden, ihre Schulden zu bezahlen.

Paradoxerweise wird das den Dollar noch weiter stärken, denn mit den ersten Anzeichen einer Finanzkrise in den Schwellenländern wird sich die Kapitalflucht in den sicheren Hafen der USA noch beschleunigen. Ein Teufelskreis von steigendem Dollar, steigenden Zahlungsausfällen und Kapitalflucht wäre die Folge.

Russell Napier, der unabhängige Marktstratege (hier seine Website) und langjährige Chefaugur von CLSA Asia-Pacific Markets, führt in diesem Interview mit den Kollegen Hanspeter Frey und Peter Rohner im Detail aus, weshalb der Dollarboom gegenwärtig eine der grössten Gefahren für das Weltfinanzsystem darstellt.

Wenn die Bewegung einmal im Gang ist, lässt sie sich kaum mehr stoppen.

Schon bald dürfte sich also zeigen, wer ohne Badehosen schwimmt.

Hier noch einige Links in eigener Sache: