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Unsere utopische Klimapolitik

Mathias Binswanger

Die Welt 2050: Nur noch erneuerbare Energien und keinerlei Wirtschaftswachstum? Foto: iStock

Die wichtigste Botschaft meines 2019 erschienenen Buches «Der Wachstumszwang» lautet, dass heute existierende kapitalistische Wirtschaften ohne Wachstum nicht funktionieren. Und ein Wachstum des BIP wird ja in allen Ländern weiterhin angestrebt. Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit sich dieses Wachstum in grüne Bahnen lenken lässt. Erwünscht ist aus ökologischer Perspektive ein Wachstum, welches möglichst wenig Umweltschäden verursacht und zu keiner Erschöpfung natürlicher Ressourcen führt. Man möchte also eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums von Ressourcen- und Energieverbrauch sowie den CO2-Emissionen. Darüber besteht weitgehend Einigkeit. Eine ganz andere Frage ist aber, ob und wie dies überhaupt möglich ist.

Tatsächlich haben sich die Wirtschaften in den Industrieländern gemäss Statistiken zunehmend in diese Richtung entwickelt. In Deutschland und der Schweiz stagniert der Endenergieverbrauch in den letzten Jahren bei weiterem Wirtschaftswachstum. Und die CO2-Emissionen sind seit 1990 rückläufig. Aber das liegt auch daran, dass viele umweltschädliche Prozesse ins Ausland verlagert wurden. Addiert man in der Schweiz die durch Importgüter im Ausland verursachten Emissionen hinzu, belaufen sich die CO2-Emissionen pro Kopf auf mehr als das Doppelte. Wir müssen die Frage der Entkopplung deshalb auf globaler Ebene betrachten. Tun wir das, dann sehen wir, dass die globalen Treibhausgasemissionen weiter angestiegen sind. Allerdings hat sich das Wachstum seit der Finanzkrise 2008/09 verlangsamt, und die Wachstumsrate betrug 2010 bis 2017 noch 1,1 Prozent pro Jahr (IEA).

Aus diesen Zahlen geht somit hervor, dass auch auf globaler Ebene eine relative, aber keine absolute Entkopplung stattgefunden hat (siehe auch OECD, 2017). Um tatsächlich einen absoluten Rückgang von Verbrauch und Emissionen zu erreichen, wären also massive Anstrengungen notwendig.

Optimismus oder Utopie?

So weit ein kurzer Ausflug in die Realität. Die Politik in Deutschland oder der Schweiz scheint sich hingegen von der Realität immer mehr abzukoppeln. Mittlerweile geht es im Zeichen der Klimadebatte nicht mehr um Reduktionsziele, sondern um Treibhausgasneutralität. Bis ins Jahr 2050 streben die Regierungen sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland an, netto keine Treibhausgase mehr auszustossen.

Dieses Ziel ist ähnlich realistisch, wie wenn man anstreben würde, die Zahl der bewaffneten Auseinandersetzungen bis 2050 auf null zu reduzieren. Ein nobles und erstrebenswertes Unterfangen, aber utopisch. Um die Utopie der Treibhausgasneutralität trotzdem realistisch erscheinen zu lassen, hat das Umweltbundesamt in Deutschland jetzt in einer über 400 Seiten langen Studie sechs Szenarien formuliert, wie die Treibhausgase bis 2050 gegenüber 1990 um 95 Prozent gesenkt werden können.

Nicht ohne Zauberkräfte…

Allen Szenarien gemein ist der vollständige Verzicht auf die Nutzung fossiler Energieträger bis 2050 und der Verzicht auf die energetische Nutzung von Anbaubiomasse. Das ist an sich schon ziemlich optimistisch. Doch allen Szenarien gemein ist aber vor allem auch das völlige Ignorieren des Wachstumszwangs heutiger Wirtschaften. Je nach Szenario wird angenommen, dass das Wachstum des BIP pro Jahr ab jetzt noch 0,7 Prozent beträgt, oder man sich sogar vollständig vom Wachstum befreit. Damit sind wir endgültig im Reich der ökonomischen Utopie angelangt.

Dass in dem Gutachten Fantasie über die Realität triumphiert, wird dann auf Seite 67 endgültig klar. Dort lesen wir: «Einhergehend mit dem gesellschaftlichen Wandel, veränderten Konsumverhalten und innovativen Produkten und Prozessen erfolgt im Wesentlichen ein qualitatives Wachstum einzelner Branchen und Sektoren. Dieses wird aber durch rückläufige Entwicklungen in anderen Bereichen kompensiert. Das bedeutet, dass ab 2030 in Deutschland wie im heutigen Japan zwar ein durchschnittliches Nullwachstum der Gesamtwirtschaft erfolgt, aber dennoch das Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt im Vergleich zu heute weiter ansteigt.» Erstens sind die Wachstumsraten in Japan im Durchschnitt weiterhin positiv. Und zweitens muss man Zauberkräfte besitzen, um in einem Land mit konstanter Bevölkerung ein höheres Wachstum pro Kopf als absolut hinzubekommen!