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Blogs / Never Mind the Markets

Erklärungsbedarf für Chinas Staatsführung

Mark Dittli

Alles im Takt, oder? Ein Dirigent am Nationalen Volkskongress 2016 in Peking.  Foto: AP

2017 ist ein wichtiges Jahr für China. Im Herbst findet in Peking der 19. Nationale Kongress der Kommunistischen Partei Chinas statt. Parteiführer und Staatspräsident Xi Jinping wird seine zweite fünfjährige Amtsperiode antreten, und mehrere Mitglieder des stehenden Komitees des Politbüros werden ausgewechselt.

Es wird im Interesse der Parteiführung sein, in diesem Jahr wirtschaftliche sowie aussenpolitische Stärke zu demonstrieren und keine grösseren Turbulenzen zu durchleben.

Doch unter der Oberfläche der chinesischen Volkswirtschaft brodelt es.

Zum einen benötigt die Wirtschaft des Landes einen immer grösseren Einsatz von Schulden, um das Wachstum von über 6,5 Prozent aufrechtzuerhalten. Die folgende Grafik zeigt das Ausmass (Quelle: Morgan Stanley):

 

Die Balken zeigen die Schulden in Prozenten des Bruttoinlandprodukts der Haushalte (blau), der Unternehmen (gelb) und des Staates (grün).

Per Ende 2016 belaufen sich die Schulden im chinesischen Wirtschaftssystem auf rekordhohe 279 Prozent des BIP – das sind hundert Prozentpunkte mehr als vor acht Jahren.

Wie mein Kollege Alexander Trentin in diesem Kommentar warnt, hat sich das Schuldenwachstum im Januar sogar nochmals deutlich beschleunigt.

Zum Schuldenwachstum kommt ein zweiter Faktor – einer, der die Kommunistische Partei Chinas dereinst in wachsende Erklärungsnöte bringen dürfte: Die Einkommens- und Vermögensverteilung im Land wird immer ungleicher.

Eindrücklich zeigt sich das in den Auswertungen der World & Income Database der Ökonomen Thomas Piketty, Gabriel Zucman, Emmanuel Saez und Facundo Alvaredo. Die folgenden Grafiken stammen alle aus dieser Quelle.

Hier zunächst die Verteilung der Einkommen in China seit der Öffnung unter Deng Xiaoping im Jahr 1978:

 

Die rote Kurve zeigt den Einkommensanteil des bestverdienenden 1 Prozents, grün sind die bestverdienenden 10 Prozent und blau die am schlechtesten verdienenden 50 Prozent.

Aktuell erhalten die «Top 1%» gut 11 Prozent der Einkommen, und die «Top 10%» kommen auf über 37 Prozent der Einkommen.

Die «Bottom 50%» erhalten weniger als 16 Prozent der Einkommen.

Die Ungleichheit der Einkommen hat sich vor allem in den Neunzigerjahren stark erhöht. Seit 2005 zeigt sie sich einigermassen stabil.

Deutlich extremer ist die Ungleichheit in den Vermögen, im Zeitraum von 1996 bis heute (ältere Daten sind nicht verfügbar):

 

Wiederum hier: Die rote Kurve zeigt den Vermögensanteil des reichsten 1 Prozents, grün steht für die reichsten 10 Prozent und blau für die ärmsten 50 Prozent.

Die «Top 1%» besitzen fast 30 Prozent der Vermögen in China. Im Jahr 1996 waren es bloss knapp 16 Prozent.

Die «Top 10%» der Chinesen besitzen gegenwärtig gut 67 Prozent der Vermögen – auch dies nahezu eine Verdoppelung seit 1996.

Derweil kommen die «Bottom 50%» lediglich noch auf 6,4 Prozent der Vermögen. Im Jahr 1996 waren es immerhin noch 16 Prozent.

Die Vermögensverteilung im kommunistischen China ist damit heute bereits ungleicher als in Frankreich, wie die folgende Grafik zeigt:

 

Und hier zum Schluss noch die Vermögensverteilung in den USA:

 

In den Vereinigten Staaten besitzen die reichsten «Top 1%» gut 37 Prozent der Vermögen, während die «Top 10%» auf über 70 Prozent kommen.

Die «Bottom 50%» der Amerikaner besitzen netto – nach Abzug ihrer Schulden – überhaupt nichts.

Im direkten Vergleich mit den USA ist China also heute noch ausgeglichener, aber: Mitte der Neunzigerjahre kamen die «Top 1%» in den USA auf etwas unter 30 Prozent der Vermögen und die «Top 10%» auf rund 65 Prozent – genau das Verhältnis, das gegenwärtig in China herrscht.

Das müsste Staatspräsident Xi zu denken geben.