Blogs / Never Mind the Markets

Europas riesiger Schatz an US-Schuldtiteln

Andreas Neinhaus

Irland ist der grösste US-Gläubiger in Europa, gefolgt von Luxemburg und Belgien. Foto: slon_dot_pics (Pexels)

Der Handelsstreit zwischen den USA und China ist erst einmal entschärft. Beide Nationen unterzeichneten ein «Phase 1»-Abkommen. Nun rückt das Verhältnis zwischen den USA und der EU in den Fokus.

Streitpunkte gibt es auch hier genügend: Donald Trump stösst sich an deutschen Autoexporten, französischen Web-Steuerplänen, europäischen Airbus-Subventionen und mehr. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen wird im Februar nach Washington fliegen, um mit der US-Regierung zu sprechen und um zu verhindern, dass das Politikum eskaliert und teure Strafzölle verhängt werden.

Das Defizit der USA im Warenverkehr mit der EU hat sich in den vergangenen zehn Jahren um 80% erhöht. Das erinnert an die prekäre Situation Chinas im Verhältnis mit den USA. Weniger bekannt ist: Die Eurozone ist wie die Volksrepublik auch einer der wichtigsten Gläubiger der USA. Vergangenes Jahr hat sie diesbezüglich sogar China den Rang abgelaufen.

Quelle: US Treasury Dpt.

Innerhalb des Euroraums werden US-Staatsanleihen und -Geldmarktpapiere im Wert von 1121 Mrd. $ gehalten. China hält Treasury-Wertschriften für 1089 Milliarden, Japan steht mit 1161 Mrd. $ noch vor dem Euroraum. Aber wenn sich die Entwicklung so fortsetzt wie bisher, kommt es bald zum Wechsel an der Spitze. Seit 2011 hat der Treasury-Bestand in Euroland um 620 Mrd. $ zugenommen, in Japan wuchs er gleichzeitig nur um 177 Mrd. $. In China verringerte er sich sogar (–181 Mrd. $ ).

Ein Käuferstreik zulasten Amerikas

Im Falle Chinas führen Beobachter immer wieder an, dass die beeindruckende Gläubigerposition gegenüber den USA ein politisches Druckmittel sei. Es stärke die Verhandlungsposition. Denn die chinesische Regierung müsste nur beschliessen, dass sie den USA weniger Staatsanleihen abkauft. Damit brächte sie Washington unter Druck, das seine Haushaltsdefizite finanzieren muss und dazu immer mehr Schuldpapiere emittiert, die Käufer finden müssen. Ein Käuferstreik der Chinesen also.

Hat auch Europa diese Option? Vermutlich nicht. Eurolands Gläubigerstatus unterscheidet sich grundlegend von jenem Chinas. Das zeigt sich, sobald man genauer hinschaut: In welchen EU-Staaten werden die US-Papiere gehalten? Es sind nicht, wie zu erwarten wäre, die grössten Volkswirtschaften, sondern die kleinen.

Irland steht mit einem Anteil von 26% an der Spitze, gefolgt von Luxemburg (23%) und Belgien (18%). Gemeinsam vereinen sie zwei Drittel des Gesamtbestands. In Deutschland, Frankreich und Italien, die den Grossteil des Warenhandels zwischen der Eurozone und China bestreiten, befinden sich nur etwas mehr als ein Fünftel der im Währungsraum gehaltenen US-Papiere.

US-Gläubiger in Europa

Irland ist der grösste Gläubiger, weil dort die grossen US-Konzerne ihre Europazentralen angesiedelt haben. Apple, Google, Facebook, Microsoft sind vor Ort, profitieren von Steuervorteilen im Europageschäft und legen ihre riesigen Bargeldvermögen grossteils in US-Papieren an. Auch viele US-Hedgefonds sind in Irland präsent und investieren von dort aus ebenfalls in amerikanische Staatsanleihen. Ähnlich sieht es in Belgien aus. In Luxemburg kommt hinzu, dass dort der Finanzplatz liegt, wo europäische Banken ihr Fondsgeschäft betreiben.

Anders als im Falle Chinas befindet sich der Gläubigerstatus also nicht unter Kontrolle der Regierung vor Ort, sondern es dominieren private Marktteilnehmer. Darüber hinaus scheinen die Treasury-Gläubiger in Europa zu einem beachtlichen Teil selbst Amerikaner zu sein. Die riesigen Treasury-Bestände diesseits des Atlantiks als Pfand im Handelspoker mit den USA einzusetzen, dürfte daher nicht funktionieren.

Die Rolle der EZB

Zeitweise liess sich sogar das Gegenteil beobachten. Die Regierung Trump lockte 2018 mit Steuererleichterungen Apple und Co., ihre in Europa gehaltenen Aktiven in die USA zu transferieren. Milliarden wurden daraufhin nach Amerika umgeschichtet. In Irland sank der Treasury-Bestand in den vergangenen zwei Jahren um 37 Mrd. $. Auch in der Schweiz nahm er ab (–20 Mrd. $).

Dass insgesamt im Euroraum aber trotzdem immer mehr US-Staatsanleihen gekauft wurden, ist der Tiefzinspolitik der EZB zuzuschreiben. Dollarwertschriften sind nicht nur viel höher verzinst als vergleichbare Euro-Zinspapiere, sondern in den vergangenen Jahren wertete sich auch der Dollar zum Euro um 10% auf. Solange die grosse Zinsdifferenz besteht, braucht sich das Weisse Haus keine Sorgen über genügend Abnehmer für seine Schuldpapiere zu machen.

Erst bei einer geldpolitischen Wende im Euroraum könnte es enger werden für Washington. Anders als die People’s Bank of China ist die EZB jedoch politisch autonom. Als Druckmittel im Handelsstreit lässt sie sich sicher nicht einspannen.