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Ist der Fall der türkischen Lira der Anfang einer grösseren Krise?

Tobias Straumann

Verliert an Wert: Die türkische Lira. Foto: Reuters

Die Türkei steht inmitten einer typischen Währungskrise eines Schwellenlandes. Wie schon oft zuvor haben eine allzu expansive Geld- und Fiskalpolitik zu einem Boom geführt, der grosse Ungleichgewichte hervorgebracht hat. Das zeigt sich am klarsten bei der Leistungsbilanz, die seit mehr als zehn Jahren negativ ist (Quelle):

Typisch sind nicht nur die Symptome der Krise, sondern auch ihre Gründe. Schwellenländer werden in der Regel autoritär und klientelistisch geführt, selbst wenn sie formale Demokratien sind. Wer immer an der Macht ist, versucht seine politische Dominanz auch wirtschaftlich abzusichern, und schaltet dadurch systematisch die Konkurrenz aus.

Des Weiteren wiederholen sich auch die internationalen Mechanismen. Boomphasen entstehen immer, wenn das internationale Zinsniveau über längere Zeit tief ist, weil so die Unternehmen, Haushalte und Staaten an billige Kredite kommen, was zu Fehlinvestitionen verleitet. In der Türkei und in manch anderen Schwellenländern sind es vor allem die international tätigen Unternehmen, die in den letzten Jahren ihre Dollarschulden stark erhöht haben.

Im neusten Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigt eine Grafik das Ausmass der Dollarverschuldung der Unternehmen («non-bank borrowers»). Sie befindet sich ganz rechts auf der unten stehenden Abbildung. Seit der Finanzkrise hat sie sich etwa verdreifacht.

Wenn nun die US-Zinsen langsam steigen und/oder der Dollar stärker wird, erhöht sich die Schuldenlast der Dollarschuldner. Deswegen brechen Finanzkrisen in den Schwellenländern meist in der Spätphase einer Hochkonjunktur aus. Von der Türkei scheinen keine grossen Ansteckungsgefahren auszugehen, aber der Absturz der türkischen Lira könnte durchaus der Auftakt zu einer grösseren Finanzkrise in den Schwellenländern sein. Diese Wellenbewegung würde dann schnell auf die globalen Kreditmärkte überschwappen, was wiederum die Krisen in den Schwellenländern verstärken würde.

So begann auch die Asienkrise 1997 in Thailand, einem für die internationalen Finanzmärkte unbedeutenden Land. Aber schon bald stellte sich heraus, dass die thailändischen Probleme typisch für Südostasien waren. Bald brachen auch in Indonesien, Malaysia und den Philippinen ähnliche Krisen aus. Selbst Hongkong und Südkorea, zwei reiche Länder, gerieten in den Sturm, später auch Russland und Brasilien. 1998 erreichte die Krise auch die Wallstreet.

Deswegen ist die Beobachtung, wonach die Türkei nur eine kleine Volkswirtschaft sei, irreführend. Auch Griechenland ist eine kleine Volkswirtschaft, dennoch hat die Eurokrise erst mit dem hellenischen Staatsbanktrott schnell eine bedrohliche Dimension angenommen, weil die Finanzmärkte panisch reagierten und die EU und die EZB zwei Jahre lang hilflos agierten.

Zwei Optionen bleiben

Was wird als Nächstes in der Türkei passieren? Gemäss typischem Krisenverlauf bleiben der türkischen Regierung nur zwei Optionen. Entweder erhöht sie die Zinsen, um den Fall der Lira zu bremsen und die Inflation in den Griff zu bekommen, oder sie führt Kapitalkontrollen ein, um den Abfluss des ausländischen Kapitals zu stoppen und den Wechselkurs kontrollieren zu können.

Die erste Option ist äusserst schmerzhaft, sie löst eine starke Rezession aus und beschleunigt den Bankrott der schwachen Unternehmen, was staatliche Unterstützung nach sich ziehen würde. Ausserdem würde sie das Regime stark schwächen. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass die türkische Regierung Kapitalverkehrskontrollen gekoppelt mit Preis- und Lohnkontrollen einführen wird. Möglicherweise wird sie auch dafür sorgen, dass die Dollarschulden des Privatsektors umstrukturiert werden, sobald sich eine Bankenkrise abzeichnet. Damit wird sich auch die staatliche Kontrolle in der Wirtschaftspolitik verstärken. Auch dies verheisst nichts Gutes.