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Flucht ins Bargeld gibt Rätsel auf

Andreas Neinhaus

Wirft das Geld auf dem Bankkonto keinen Ertrag ab, steigt die Versuchung, es anderweitig aufzubewahren. Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Die meisten Notenbanken haben sich in diesen Wochen von dem Gedanken verabschiedet, die Leitzinsen wieder auf ein normales Niveau zurückzuführen. Die extrem tiefen Zinsen werden in absehbarer Zeit nicht steigen. Künftig könnten sie sogar noch tiefer rutschen. Bis vor kurzem hat damit keine Notenbank ernsthaft gerechnet, deshalb besteht die Gefahr, dass die Währungshüter nicht ausreichend auf dieses Szenario vorbereitet sind.

Eine wichtige Frage, auf die niemand eine Antwort kennt, betrifft den Umgang mit Bargeld. Wie verändert er sich, wenn die Zinsen jahrelang auf oder unter null liegen? Wenn Banken auf ihre Sichteinlagen bei der Notenbank einen happigen Negativzins bezahlen müssen und der finanzielle Druck steigt, diesen Zinsabschlag an immer mehr Kundenkonten weiterzureichen?

Ökonomen argumentieren seit langem, dass ab einem bestimmten Punkt die Menschen beschliessen könnten, ihr Geld lieber abzuheben und bar aufzubewahren. Dazu kommt es, wenn die Kontokosten – also der Negativzins, der fällig wird – höher liegen als der Aufwand der Bargeldhaltung. Das sind allfällige Tresorgebühren, das Diebstahlrisiko etc. Da niemand diesen Aufwand genau berechnen kann und weil keine Erfahrungswerte vorhanden sind, lässt sich der Punkt, an dem Bargeld zur echten Alternative wird, nicht genau bestimmen.

In Krisenzeiten ist Bargeld gefragt

Notenbanken fürchten diese Aussicht. Denn in einer Zukunft, in der Banken plötzlich ausgebootet werden, verlieren sie ihre wichtigsten Partner, über die sie die geldpolitischen Signale an die Wirtschaft leiten. Würde Bargeld gehortet statt eingezahlt, wäre die Arbeit der Notenbanken noch schwieriger, als sie es heute schon ist.

Offen ist auch, ob es sich dabei um einen schleichenden Prozess handelt oder ob man nur ein Risikoniveau der Zinsen im Auge behalten muss, ab dem die Situation kippt, unterhalb dessen das Geldsystem jedoch wie gehabt funktioniert.

In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse einer Untersuchung der Schweizerischen Nationalbank aufschlussreich. Die Autoren verwenden unterschiedliche Methoden, um herauszufinden, wie viel Franken-Banknoten gehortet werden, anstatt sie für Zahlungen einzusetzen. Sie weisen nach, dass in Finanzkrisen und vor Risikoereignissen das Bargeldhorten zunimmt, zuletzt in der Eurokrise oder an der Jahrtausendwende, als viele Menschen sich vor dem Millennium-Bug fürchteten.

Rund 60% des Werts aller Schweizer Banknoten wird irgendwo aufbewahrt. Vor allem grössere Scheine dienen dazu. Die Studie umfasst einen Zeitraum von 1950 bis 2017. Auffallend ist, wie sehr die Bargeldhortung in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zugenommen hat. Das zeigen die beiden folgenden Charts aus der Studie. (Die gelben Balken signalisieren Phasen, in denen neue Banknotenserien eingeführt wurden.)

Seit dem grossen Aufwertungsschub des Frankens 2010, auf den die SNB ab 2011 mit der Senkung des Leitzinsen auf 0% und der Einführung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Fr./€ antwortete, hat sich das Bargeldvolumen wertmässig von 50 auf über 80 Mrd. Fr. aufgebläht (folgende Grafik, blaue Linie). Etwa 60% des Zuwachses lässt sich auf Scheine zurückführen, die gehortet werden (rote Linie).

Leider liefert die Untersuchung keine Hinweise darauf, wer hinter der kräftigen Nachfrage steckt. Sind es Privathaushalte in der Schweiz oder Familien im Ausland, die das Geld unter die Matratze legen? Welche Rolle spielen die Banken und welche die Negativzinsen? So hat die Bundesbank festgestellt, dass in Deutschland Banken ihre Kassenbestände stark erhöhten, als die Europäische Zentralbank Mitte 2016 den Einlagesatz unter null auf –0,4% reduzierte.

Die genauen Auswirkungen des tiefen Zinsniveaus auf die Bargeldnachfrage sind empirisch wenig erforscht. Notenbanken weisen darauf hin, dass sie die Lage beobachteten und sich bislang keine Hinweise abzeichneten, wonach der Minuszins zu einer Umorientierung auf Bargeld führe. Aber tatsächlich scheinen alle Beteiligten diesbezüglich weiter im Dunkeln zu tappen.

Die Frage wird wichtiger, je länger der monetäre Status quo anhält. In Zeiten anhaltender Negativzinsen sollte die öffentliche Debatte weniger über das vermeintliche Ende des Bargelds spekulieren, sondern sich mehr über dessen wachsende Bedeutung in der Zukunft Gedanken machen.