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Gewinner und Verlierer der tiefen Zinsen

Andreas Neinhaus

Zu den Gewinnern gehört, wer sein Geld in Immobilien investiert hat: Musterhaus bei Nürnberg. Foto: iStock

Negativzinsen treffen auf wenig Gegenliebe. Die Banken klagen, dass sie sie viel Geld kosten. Ökonomen kritisieren, dass sie negative Anreize schaffen und Staaten genauso wie Private dazu verleiten, zu viele Schulden zu machen. Und der Durchschnittsbürger sorgt sich, dass er am Ende die Zeche zahlt: Denn seine Ersparnisse werfen keine Rendite mehr ab.

Diese letzte Kritik ist vor allem in Deutschland zu hören. Das erstaunt nicht. Deutschland ist der klassische Netto-Gläubiger. Die Privathaushalte, die Unternehmen und der Staat sparen dort mehr als sie sich verschulden. Der negative Effekt extrem tiefer Zinsen für die Ersparnisse ist somit grösser als der positive Effekt, dass Kredite günstig werden.

Der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts IWH in Halle, im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt, wendet sich nun gegen diesen weitverbreiteten Vorwurf. Er sei plausibel, aber falsch, erklärt Reint Gropp in einem interessanten Vortrag, den er kürzlich am Münchner Ifo-Institut hielt. 

Schuldner profitieren mehr

Sein erstes Argument: Damit der Vorwurf aufgehe, müssten Spar- und Kreditzinsen gleich viel und gleich schnell sinken. Das sei in der Praxis aber nicht der Fall. Notenbanken kontrollieren zwar die Refinanzierungskosten der Banken, aber wie viel dann bei den Konsumenten via Kredit- oder Sparzinssenkungen ankomme, bleibe den Banken überlassen. Tatsächlich fallen die Kreditzinsen stärker, da kaum ein Institut sich traut, seinen Kunden Minuszinsen auf Einlagen zu berechnen.

Gropp belegt dies anhand eines einfachen Beispiels.

Angenommen, das Sparguthaben einer Familie beläuft sich auf 100’000 Euro, und die Schulden auf 70’000 Euro.

Die deutschen Einlagezinsen betrugen von 2001 bis 2009 durchschnittlich 2 Prozent und fielen ab 2010 auf 0 Prozent.

Die Kreditzinsen sanken im gleichen Zeitraum von 8 Prozent auf 5 Prozent.

Dann nehmen die Zinserträge von 2000 auf 0 Euro ab. Die Sparer büssen also 2000 Euro ein, bei 100’000 Euro Ausgangskapital. Die Kreditkosten rutschen gleichzeitig von 5600 Euro auf 3500 Euro. Sie verringern sich also um 2100 Euro bei 70’000 Euro Schulden

Deutsche Vermögen steigen um 345 Milliarden Euro

Das IWH kommt zudem anhand einer Modellrechnung zu dem Ergebnis, dass deutsche Privathaushalte als Folge der Tiefzinspolitik der Europäischen Zentralbank gar kein Geld verloren haben. Im Gegenteil: Ihr Sparvermögen hat in den untersuchten fünf Jahren um insgesamt 345 Milliarden Euro zugenommen. Deutsche Privathaushalte hatten also 2014 mehr auf der hohen Kante als vor der Tiefzinsphase, die 2010 begann.

Das ist dem Anstieg der Aktienkurse und Immobilienpreise zu verdanken, während Bankeinlagen, Sparhefte und ähnliches als Folge der Nullzinsen tatsächlich nur stagnierten. Besser situierte Haushalte profitierten überdurchschnittlich, weil sie mehr Immobilien und Aktien besitzen. Ihre Vermögen erhöhten sich im Jahrfünft 2010 bis 2014 um durchschnittlich 13,1 Prozent (35’000 Euro). Niedrige Einkommensgruppen hinkten mit 11,9 Prozent (4500 Euro) nur wenig hinterher. Die Ergebnisse der IWH-Analyse sind in der Folie zusammengefasst, die Gropp während des Vortrags auflegte.

Quelle: Reint Gropp, Münchner Seminar, 22.1.2018

Verblüffend ist, wie sehr das Ergebnis davon abhängt, ob jemand Immobilien besitzt oder nicht. Denn für Mieter sieht die Bilanz ganz anders aus: Ihre Vermögen nahm in der Tiefzinsphase weniger zu als im Jahrfünft davor. Und der Unterschied zwischen tiefen und hohen Einkommensgruppen ist eklatant.  Mieter mit geringem Finanzvermögen erzielten nur eine halb so hohe nominale Rendite (kumuliert 4,5 Prozent über fünf Jahre) als Mieter mit höherem Vermögen (10,1 Prozent). Zieht man davon die Inflation ab, verloren Erstere real sogar Geld. Wenn auch nur wenig: im Schnitt 220 Euro von 2010 bis 2014.

Dass die Erträge von Haushalten, die keine Immobilie besitzen, in der Tiefzinsphase so mager ausfallen, erklärt Gropp damit, dass sie in der Regel auch nur sehr wenige Aktien besitzen.

Sein Resümee: Die EZB ist der falsche Sündenbock. Die Deutschen sollten nicht die extreme Geldpolitik für die niedrigen Sparerträge der letzten Jahre verantwortlich machen, sondern die Art und Weise, wie sie ihre eigenen Guthaben anlegen. Er rät dazu, mehr zu diversifizieren und Aktien zu kaufen.