Blogs / Never Mind the Markets

Grossbritanniens wundersame Zinswende

Andreas Neinhaus

Geht es bald aufwärts für die Briten? Das Riesenrad London Eye. Foto: Hannah McKay (Reuters)

Seit dem überraschenden Brexit-Entscheid fährt die britische Regierung einen politischen Schlingerkurs. Theresa May verlor ihre Mehrheit im Parlament. In der Konservativen Partei geht es drunter und drüber. Der Streit zwischen den Hardlinern und den Gemässigten ist nicht ausgestanden, wie sich am viertägigen Parteikongress diese Woche leicht sehen liess. In Brüssel stocken die Austrittsverhandlungen mit der EU. Eben erst stufte die Ratingagentur Moody’s die Bonität der Insel herab.

Zum Glück gibt es die Bank of England. Die Notenbank des Königreichs wirkt in den politisch unsicheren Gezeiten bisher wie ein Fels in der Brandung. Aber auch damit ist es vorbei. Geldpolitisch sorgt sie inzwischen mehr für Verwirrung als für Klarheit. Der letzte Coup: Sie will im November den britischen Leitzins erhöhen.

Für sich genommen ist das nichts Aussergewöhnliches. Gegenwärtig denken auch die Notenbanken in den USA und im Euroraum darüber nach, die extrem expansive Politik der vergangenen Jahre zu drosseln. Aber in Europa und den USA gewinnt die Wirtschaft auch laufend an Fahrt. In Grossbritannien dagegen zeichnet sich das Gegenteil ab. Die Konjunktur beschleunigt sich nicht mehr, sondern verliert an Tempo, angeführt von der Industrie und der Bauwirtschaft. Die Geschäftslage im für die britische Wirtschaft besonders wichtigen Tertiärsektor, zu Beispiel bei den Banken, hält sich noch, aber im September tauchten auch dort Signale einer Abschwächung auf.

Lockere Zügel

Konjunkturforscher sind sich einig, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr langsamer wachsen wird. Viele Unternehmen werden ihre Investitionen zurückfahren angesichts der grossen Unsicherheit, die den Brexit umgibt, der 2019 in Kraft treten soll. Nur über das Ausmass der Abschwächung wird noch diskutiert: von durchschnittlich 1,6 Prozent Wachstum in diesem Jahr auf 1,3 oder sogar nur noch 1 Prozent im nächsten.

Die Bank of England hat die aktuellen und künftigen Konjunkturrisiken in der Vergangenheit immer in den Vordergrund gestellt und die Zügel möglichst locker gelassen. Seit September hat sich das geändert. Notenbankchef Mark Carney und seine Kollegen drängen darauf, die Zinsen rasch zu erhöhen. Das sei notwendig, um den Anstieg der Inflation zu bremsen. Sie liegt knapp unter 3 Prozent und damit deutlich über dem mittelfristigen 2-Prozent-Inflationsziel, das die Notenbank anpeilt. Die Zinsen zu erhöhen, um der Teuerung Einhalt zu gebieten, funktioniert, wenn die Wirtschaft kräftig wächst, die Kapazitäten an ihre Grenzen stossen und daraufhin die Güterpreise und die Löhne steigen. In Grossbritannien steigen die Preise aber vor allem, weil sich das Pfund seit dem vergangenen Jahr stark abgewertet hat und dadurch Importe teurer wurden. Die Löhne wachsen
kaum.

Kein gesundes Wachstumsmodell

Dass mehr konsumiert wird, liegt hauptsächlich daran, dass die Konsumenten auf ihre Ersparnisse zurückgreifen. Das ist kein gesundes Wachstumsmodell.

Und die Kapazitäten?

Sie dürften im Zuge des Brexit künftig eher weniger als mehr ausgelastet werden. Grossbritanniens Wirtschaftswachstum war in den vergangenen zehn Jahren zu rund 80 Prozent der Zuwanderung zu verdanken. Sollte die Freizügigkeit in Zukunft beschränkt werden, dürfte der Ausfall dieser exogenen Wachstumsimpulse kaum durch mehr Binnenwertschöpfung kompensiert werden. All das spricht für weniger Inflationspotenzial, nicht für mehr.

Die Bank of England ist selbst nicht unbeteiligt daran, dass die Inflation angezogen hat. Nach dem Brexit-Votum lockerte die Notenbank die geldpolitischen Zügel, um eine drohende Rezession zu vermeiden. Unter anderem senkte sie den Leitzins im August 2016 von 0,5 auf 0,25 Prozent. Das Pfund wertete sich daraufhin noch mehr ab. Der befürchtete Konjunkturabschwung blieb aus, stattdessen profitierte die Konjunktur von der schwachen Währung und legte zu.

Steht Schlimmes bevor?

Gleichzeitig erhöhten sich die Importpreise überproportional und treiben seither die Gesamtteuerung nach oben. Das ist gewissermassen der Kollateralschaden der ganzen Operation. Mark Carney und seine Kollegen versuchen nun, ihn wieder zu beseitigen, indem sie die Zinsen diesmal heraufsetzen.

Aber funktioniert das?

Spiegelbildlich zur Senkung vor einem Jahr werden deutlich höhere Zinsen das Pfund aufwerten lassen. Steigende Zinsen werden zudem Investitionen generell verteuern und das ausgerechnet in einer Zeit, in der der Brexit-Termin näher rückt. Beides dürfte den bevorstehenden wirtschaftlichen Abschwung verstärken.

Jan Vlieghe, einer der britischen Notenbanker, teilte bereits den Medien mit, dass mehr geplant sei, als nur die Zinssenkung des Vorjahrs zurückzunehmen. Das lässt Schlimmes befürchten. Je mehr die Bank of England die britischen Zinsen erhöht, umso grösser ist die Gefahr der nächsten Wirtschaftskrise. Immerhin würde sie dann wieder über genügend Munition verfügen, um die Zinsen erneut zu senken und der Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Vielleicht ist das der eigentliche Grund für das schwer verständliche Vorgehen: Hauptsache, man kommt endlich wieder weg von den ungeliebten Nullzinsen, koste es, was es wolle.