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Helikoptergeld als Folge des Coronavirus

Markus Diem Meier

Geldschübe helfen der Wirtschaft nicht: Alltag in Zeiten des Coronavirus in Hongkong. Foto: Kin Cheung (Keystone)

Die Sorgen um die Folgen des Coronavirus für die Weltkonjunktur nehmen mit jedem Tag weiter zu. Und nicht nur für die Heilung der Krankheit sind die vorhandenen Medikamente ungenügend, auch im ökonomischen Bereich fehlt es an wirksamen Gegenmitteln.

Die klassische Medizin gegen Konjunktureinbrüche wäre eine ausgeweitete Geldversorgung durch die Notenbanken. Doch zum einen bedroht das Virus die Wirtschaft vor allem von der Angebotsseite her, wie das Ökonomen nennen. Das heisst, wenn Unternehmen und Beschäftigte wegen des Virus weniger produzieren, helfen tiefere Zinsen und Geldschübe nichts.

Zum anderen sind die Möglichkeiten der Notenbanken auch für eine Stimulierung der Nachfrage beschränkt. Denn die Zinsen befinden sich auf Tiefstständen – in Europa und der Schweiz sogar im negativen Bereich. In den USA werden entgegen der bisher kommunizierten Politik des Fed jetzt im laufenden Jahr bis zu drei Zinssenkungen erwartet.

Hongkong hat das Helikoptergeld bereits eingeführt

Ins Zentrum rücken daher bereits Massnahmen, die jüngst noch für extrem gehalten wurden: Ein Beispiel ist das «Helikoptergeld». Damit ist gemeint, dass eine Notenbank über die Regierung direkt Geld an die Bevölkerung verteilt (wie wenn sie dieses aus dem Helikopter abwerfen würde), um so die Nachfrage zu stimulieren oder die Lage von Unternehmen zu stabilisieren.

Das ist keine theoretische Möglichkeit mehr: Hongkong hat das Helikoptergeld bereits eingeführt. Weil die Wirtschaft durch das Virus und bereits wegen der politischen Unruhen hart gebeutelt wurde, erhält dort neu jeder mindestens 18-jährige permanente Bewohner 10’000 Hongkong-Dollar (rund 1’240 Franken) von der Regierung. Das hat der Finanzminister des zu China gehörenden Stadtstaates letzte Woche beschlossen. Dazu kommen Steuervergünstigungen und Garantien für Schulden von Unternehmen.

Ein ähnliches Vorgehen, aber mit geringeren Summen haben auch die Stadtstaaten Macao und Singapur gewählt. Hongkong bezahlt seine Massnahme allerdings nicht durch neu geschaffenes Geld, sondern aus seinen Reserven von rund 1,1 Billionen Hongkong-Dollar (136 Milliarden Franken). Eine eigentliche Notenbank hat die Stadt nicht.

Verschlimmert sich die Lage der Weltwirtschaft mit der Ausbreitung des Virus dramatisch weiter, dürften auch andere Länder auf Massnahmen zurückgreifen, die bisher nur theoretisch debattiert wurden.

 

Ergänzung für Nerds und Puristen

Hier und vor allem auf Twitter wird zum obigen Blogbeitrag moniert, die Massnahme von Hongkong würde ich fälschlicherweise als Helikoptergeld bezeichnen. Dabei sei das eigentlich bloss eine Fiskalmassnahme. 

Puristen und Kritiker haben insofern recht, dass sich die Idee des Helikoptergeldes, wie sie Milton Friedman 1969 beschrieben hat, einzig auf den Fall bezieht, dass eine Notenbank direkt neu von ihr geschaffenes Geld an die Bevölkerung verteilt – daher das Bild des Helikopters, der Geld abwirft. 

Hongkong hat keine Notenbank. Das so genannte «Currency Board» – das dem Finanzminister untersteht – hat nur die Aufgabe, den Kurs des Hongkong-Dollars zum US-Dollar konstant zu halten. Das an die Bevölkerung verteilte Geld stammt aus den umfassenden angehäuften Reserven des Stadtstaates – beides ist im obigen Text erwähnt. Das Geld wurde also nicht für die Verteilung neu geschaffen. 

Doch das ist nicht der Punkt meines Beitrags. Zum einen geht es in den meisten Fällen, wo Helikoptergeld debattiert wird, um eine Finanzierung der Regierungsausgaben über frisch geschaffenes Geld – also um eine Aufweichung bis Abschaffung des Unterschieds zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik. Auf dem Unterschied zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik zu beharren, macht wenig Sinn. Siehe dazu etwa diesen Beitrag. In Hongkong kann diese Trennung ohnehin nicht aufgehoben werden, weil sie schon gar nicht existiert.

Bedeutend für den Zusammenhang des kurzen Beitrags war einzig der Umstand, dass neue Formen der Stimulierung aus der Not näher an die Realitität rücken und dass Hongkong dafür ein Beispiel ist. Ein zentrales Element des Helikoptergeldes – die direkte Geldverteilung – kommt hier zum Einsatz. Und so wurde die Massnahme nicht nur von mir, sondern schon von anderen Wirtschaftsblogs unter dem Begriff des Helikoptergeldes debattiert: Siehe etwa jenen der Financial Times, Alphaville oder Zerohedge.

Ein wichtiger Unterschied besteht natürlich: Bei Helikoptergeld im Sinn des Originalvorschlags ist mit einer grösseren Wirkung auf die Inflation zu rechnen, weil hier frisch geschaffenes Geld verteilt wird. (Bei Friedman führt Helikoptergeld nur zu Inflation). Dieser Unterschied spielt allerdings für die erwähnte zentrale Aussage des Blogbeitrags keine Rolle. Nicht eingegangen bin ich im Beitrag auf Sinn oder Unsinn von Helikoptergeld im puristischen oder im weiter gefassten Sinn. Und hier gäbe es natürlich eine Menge zu sagen.